Wunschzettel vor dem Kapitalismus Gott statt Gameboy

Von wegen Teddy, Auto, Schaukelpferd! Früher erbaten Kinder auf ihren Wunschzetteln keine materiellen Dinge, sondern Gottes Segen - und gelobten den Eltern Gehorsam. Hier sind besonders schöne Exemplare aus vier Jahrhunderten.

Weihnachtshaus Husum, Sammlung Alix Paulsen

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Eine Grundschülerin aus dem Niedersächsischen zettelte die große Revolution an - und das handschriftlich: Eine neue Puppe und einen lieben Bruder wünschte sich 1962 die kleine Bärbel aus Himmelpforten zu Weihnachten. Den Wunschzettel adressierte die Tochter eines Gastwirts an "den Weihnachtmann im Himmel".

Es antwortete der örtliche Poststellenleiter Helmut Stolberg, sein Schreiben verzierte er mit Abziehbildern und deklarierte es als Luftpost. Seither wussten die deutschen Kinder: Es gibt ihn tatsächlich, den Weihnachtsmann - und er residiert in Himmelpforten. Schickten die Kinder im Jahr 1966 noch 4300 Briefe, sind dies aktuell mehr als zehnmal so viel.

Ob Himmelpfort oder Himmelpforten, Himmelstadt oder Himmelsthür, Engelskirchen, Nikolausdorf oder St. Nikolaus: Alljährlich bombardieren Heerscharen von Kindern die sogenannten Weihnachtspostämter mit Hunderttausenden von Wunschzetteln. Die Deutsche Post garantiert, dass jeder bis zum 15. Dezember eingesandte Brief beantwortet wird.

Wer kein Porto ausgeben mag, legt den Brief auf die Fensterbank. Und wer nicht schreiben kann, klebt ein Bildchen mit dem Lego-Todesstern oder dem Playmobil-Ponyhof auf einen Zettel. Oder klickt sich im Netz seinen Gabentisch zurecht. Ob handschriftlich oder digital: Der Wunschzettel-Brauch, jener gigantische Hokuspokus, scheint so archaisch wie das Wünschen selbst - dabei ist er kaum älter als 100 Jahre.

Hymne an die Eltern

"Der Konsumterror begann im späten 19. Jahrhundert mit der Entstehung der Spielzeugindustrie", sagt Kultur- und Kunsthistoriker Torkild Hinrichsen. Den Wunschzettel charakterisiert der langjährige Direktor des Altonaer Museums in Hamburg als "Spiegel unserer Zeit" und "geniale Marketingidee" einzelner Unternehmen: Um den Bedarf nach Eisenbahn und Schaukelpferd anzuheizen, drängten die Hersteller mit vorgedruckten Bögen auf den Markt, auf denen die Kinder ihre Wünsche nur noch ankreuzen mussten.

Zwar gab es Wunschzettel auch schon zuvor - die ältesten, im Altonaer Museum archivierten, lassen sich auf das erste Viertel des 18. Jahrhunderts datieren, wie Hinrichsen in seinem lesenswerten Buch "Weihnachtsbriefe und Wunschzettel" dokumentiert hat. Doch waren diese prunkvoll verzierten, aufwendig kolorierten Schmuckbögen nicht an Christkind oder Weihnachtsmann gerichtet, sondern an Eltern, Großeltern, Tanten, Onkel. Kinder formulierten dort nicht ihre eigenen, materiellen Wünsche, sondern dankten ihren Erziehungsberechtigten, baten um Gottes Segen und gelobten Gehorsam, Fleiß und gutes Benehmen.

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Kapitalistenkreation Wunschzettel: Schokolade, Fahrrad, Eisenbahn...

"Vater! Mit Entzücken nenn ich diesen Namen", schwärmte etwa 1872 der Hamburger Johann Hieronymus Jantzen. Auguste Flügge schrieb 1847: "Theure Eltern! Es vergeht wohl kein Tag im Jahre, an welchem ich es nicht tief empfinde, was ich Euch geliebte Ältern, zu verdanken habe." Und Latha von Werner aus Wulfsdorf reimte 1841: "Meine liebe theure Eltern / Möge Gott der Herr der Welten / Eure Liebe Euch vergelten. Denn ich kann es nicht, bin schwach und klein, / Werde ewig Euer Schuldner sein."

Protestantisch, norddeutsch, spaßfrei

Ihre kaum erträglichen Hymnen an die Eltern verfassten die Kinder in kunstvoll verschnörkelter Schönschrift. Denn nichts anderes waren die Weihnachtsbriefe damals: eine kalligrafische Übung, zu der die Kinder von Pädagogen und Pfarrern gezwungen wurden - mit dem Ziel, die eigene Schreibleistung zu demonstrieren und die Autoritäten zu preisen.

Als "von den Erwachsenen inszenierte Selbstbeweihräucherung" definiert Wunschzettel-Experte Hinrichsen die zu Weihnachten ebenso wie zu Neujahr verfassten Schmuckbögen: ein protestantisch-norddeutsches Phänomen der Oberklasse. Die Kinder quälten sich nicht nur beim Beschriften der professionell erstellten Vorlagen. Sie mussten die frommen Lobhudeleien am Weihnachtsabend auch noch brav aufsagen, um ihre Geschenke zu erhalten.

Erst das "Diktat des Marktes", so Hinrichsen, erlöste sie von der alljährlichen Erziehungsmaßnahme: Hersteller aus dem Erzgebirge und Thüringen überschwemmten den Weltmarkt mit ihrem Spielzeug und bereiteten mit ihren Wunschzettel-Vordrucken dem pietistischen Glückwunschbrief den Garaus.

Ab sofort führte der Kapitalismus das Regiment - und mit ihm die materielle Begehrlichkeit nach einem möglichst überbordenden Gabentisch. Auf den vorgefertigten Bögen der Spielwarenhersteller und Kaufhäuser tummelten sich nicht mehr christliche Motive, sondern Darstellungen von Christkind, Weihnachtsmann und satten Familien unterm Tannenbaum.

"Geh zu Karstadt, Nikolaus, und suche mir das Schönste aus"

Munter instrumentalisierten die Warenhäuser die vermeintlichen Gabenbringer, Sprüche wie "Geh zu Karstadt, Nikolaus, und suche mir das Schönste aus" zierten die Bögen. Und die Firma Hohner füllte auf ihrem mit Panzer, Flugzeug und Soldat verziertem Wunschbogen der Dreißigerjahre den ersten Punkt gleich selbst aus: "1. Eine Hohner Mundharmonika".

Zwar fielen die guten Wünsche für die Eltern weg. Doch enthielten die frühen Wunschzettel immerhin noch die vorgegebene Rubrik "Versprechungen" - dort mussten die Kinder auflisten, was sie alles besser machen wollen. "Ich will auch immer artig sein, drum bringe mir es, was ich mir gewünscht habe und noch viele andere Dinge!!!", schrieb selbstbewusst etwa Reinhard Wuster im Jahr 1900 auf den Bogen der Spielzeugfirma J. Wegener im bergischen Elberfeld.

Selbst in Kriegszeiten erstellten die Kinder ausführliche Listen - die Sehnsucht nach Frieden vermengte sich bisweilen mit dem Verlangen nach martialischem Spielzeug. So beginnt der Brief ans Christkind von Alf Meyer zum Gottesberge im Jahr 1916 mit folgenden Wünschen: "1. Hindenburg als Soldat und Soldaten, 2. Mundharmonika, 3. Frieden." Je besser die Zeiten und je billiger das Spielzeug, umso länger fielen die Wunschlisten aus - sie bildeten die Welt im Kleinen ab.

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Kriegsspielzeug geriet aus der Mode, stattdessen dominierten, je nach Epoche, Petticoats und Lederhosen, Barbies und Chemie-Baukästen, Laserschwerter und Gameboys. In neuester Zeit verzichten die Kinder mehr und mehr auf Schönschrift und Rechtschreibung. Statt den Wunschzettel mühsam mit Tannenbäumen, Glocken und Rauschebärten zu illustrieren, dominiert vielfach die schlichte Liste. Ein Indiz dafür, dass wir "in der reinen Konsumgesellschaft" angekommen sind, wie Kulturhistoriker Hinrichsen konstatiert.

Immerhin: Allem Kommerz-Hype zum Trotz schimmert hie und da die Einsicht durch, dass allzu viele Wünsche die Gabenbringer schlicht überfordern könnten, und sei es rein logistisch. So bestellte 2014 der achtjährige Lennart aus Hamburg beim Christkind zunächst Lego-Utensilien im Wert von rund 400 Euro - um seinen Maximalforderungskatalog sodann mit einem verständnisvollen Statement abzurunden: "Es ist nich schlümm wen du mir nich alles schenkts."

insgesamt 8 Beiträge
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Jo Ann Freeboom, 11.12.2014
1. Mir scheint, als interessierte das heute Keinen.
Sie sind alle shoppen, und Gott ist in der Abstellkammer. Angeblich glauben ja immer noch 60% der Leute an ihn, ist das korrekt ? So ganz bewusst scheinen die ja alle nicht durchs Leben zu gehen, und zu guten Kunden muss man Kinder nicht erst erziehen. Dazu gibt es ja TV.
jochen speck, 11.12.2014
2. Und der Kapitalismus erfand sogar den Kommunismus,
nur um beim Wettbewerb dann triumpieren zu können !
Jürgen Endres, 11.12.2014
3. Weihnachtlicher Visionär?
Der kleine Günther Koch-Hagen muss ein weit vorausschauender Prophet gewesen sein, als er sich bereits 1898 einen Panzer wünschte! Abgesehen von einzelnen, noch weitgehend geländeuntauglichen Vorläufermodellen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, traten in der militärischen Praxis erst im 1. Weltkrieg, an der Westfront, erste geländegängige (britische) Kettenfahrzeuge auf. Allerdings wurden diese - auch im Deutschen - entsprechend ihrer englischen Tarnbezeichnung bis Anfang der 30-er Jahre noch als "Tanks" bezeichnet. Oder meinte der Junge vielleicht etwas ganz anderes...?
Tobias Reindl, 11.12.2014
4. Keine Visionen
Ausgehend von seinen restlichen Wünschen mutmaße ich, dass der kleine Günther einen "Kürass" wollte, also einen Brust"panzer". Gab ja damals im Kaiserreich nichts "Cooleres" als die Gardekürassiere, der Kaiser machte es ja vor. Genau, der hässliche Helm mit dem Adler oben drauf, man kann es sich mit Schaudern vorstellen. :-)
Adelina Santander, 11.12.2014
5. Kinder des Zeitgeistes
Wir waren immer Kinder des Zeitgeistes und es wird immer so sein. Wir wollen nur hoffen, dass es eines Tages, alle Kinder überall auf diesem schönen Planeten eine WAFFENLOSE Welt wünschen mögen.
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