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Deutschland nach '45: Trümmerfrauen, Schwarzmarkt, Flüchtlinge - eine Zeitreise

Foto: EDDIE WORTH/ AP

Zeitzeugen im Gespräch "Die Trümmer waren ein Abenteuerspielplatz"

Ruinen, Hunger, Kälte - aber auch viel Freiheit: Zeitzeugen schildern ihre Kindheit in Deutschland nach 1945. Hören Sie hier ihre Erlebnisse.

Claus Günther war 14 Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. Im Zuge der Kinderlandverschickung war er von Hamburg aus zunächst nach Tschechien, später ins niederbayerische Kloster Windberg gebracht worden. Eines Tages wurden die Jungen zusammengerufen: "Der Führer ist tot", verkündete der Lehrer, "an vorderster Front bis zum letzten Atemzug kämpfend, ist er umgekommen." Claus Günther weiß noch genau, was ihm durch den Kopf ging: "Ich hab bei mir gedacht: Das glaube ich jetzt nicht."

Den Glauben an Hitler hatte der 14-Jährige schon verloren, die Begeisterung für Deutschland dagegen nicht. "Es war völlig widersinnig: Wenn uns da einer eine Panzerfaust in die Hand gedrückt hätte, wären wir losmarschiert. Nicht wegen Hitler - aber um unser Vaterland zu verteidigen." So erzählt es Claus Günther im Zeitzeugen-Talk von einestages und SPIEGEL GESCHICHTE.

Gemeinsam mit Irmgard Schulz, Jahrgang 1935, war Claus Günther ins Studio gekommen, um Nachkriegserinnerungen zu schildern. Auch die damals neunjährige Irmgard Schulz war 1945 evakuiert und kehrte nach Kriegsende zurück nach Hamburg - versteckt in einem Lastwagen, wo sie zusammen mit ihrer kranken Großmutter hinter den Fahrersitzen kauern musste, um heimlich die Zonengrenze von Osten nach Westen zu überqueren. "Ich wollt's gar nicht glauben, dass ich in Hamburg war", erzählt Schulz, "hier war alles platt - oder das meiste jedenfalls. Rundum Trümmer."

Ratten - na und?

Irmgard Schulz und Claus Günther sind bei der Hamburger Zeitzeugenbörse aktiv, sie berichten vor Schulklassen und bei Veranstaltungen von ihren Erinnerungen. "Zeitzeugen sind unersetzliche Quellen für jeden vernünftigen Historiker, weil wir das, was wir von Zeitzeugen hören, nicht in den Akten finden", sagt Wolfgang Benz, Historiker aus Berlin und ebenfalls Gast beim Zeitzeugen-Talk. Gerade die Kindheitsperspektive in den Jahren ab 1945 sei erst spät von den Geschichtswissenschaftlern als wichtiges Thema entdeckt worden.

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Ein wichtiger Bestandteil dieser Erinnerungen: die Ruinen der zerbombten Städte als Ort, an dem die Kinder den größten Teil ihrer Freizeit verbrachten. "Die Trümmer waren für uns ein Abenteuerspielplatz", erzählt Irmgard Schulz. Jede freie Minute hätten sie und ihre Freundinnen dort verbracht: "Wir haben alles Mögliche gesammelt und uns aus Kacheln eine Küche gebaut. Und dann lief auch mal ne Ratte vorbei - ja und?"

Alle möglichen Schätze habe man damals finden können, sagt Schulz. Metall zum Beispiel, "das konnte man gut verkaufen. Dann hatten wir schon mal ein bisschen Taschengeld." Als sie einmal mit einer gefundenen Granate nach Hause gekommen sei, "da spritzten alle Erwachsenen zur Seite", erzählt sie.

"Das gab eine herrliche Stichflamme"

Gefundene Munition war bei den Kindern begehrt - und gefährlich. Viele Zeitzeugen hätten davon berichtet, dass Klassenkameraden Finger oder ganze Hände verloren, wenn die Überbleibsel des Krieges explodierten, sagt Eva-Maria Schnurr, die als Redakteurin von SPIEGEL GESCHICHTE die neue Ausgabe "Die Nachkriegszeit - als Deutschland sich neu erfand"  betreute.

Auch Claus Günther kann sich an die Aufregung rund um Munitionsfunde erinnern. Er und seine Freunde hatten etliche Patronen aus einem Bach gesammelt, wo deutsche Landser die gefährlichen Teile entsorgt hatten. "Die Patronen haben wir dann geöffnet und draufgehauen mit einem Hammer - das gab eine herrliche Stichflamme", so Günther. Ein Junge allerdings erzählte zu Hause von den Funden. Mit der Folge, dass kurz darauf die amerikanische Militärpolizei auftauchte, eine große Untersuchung einleitete und alle Funde konfiszierte.

Mehr dazu in SPIEGEL GESCHICHTE 1/2018

Auch vom Hunger und von der Armut berichten die beiden Zeitzeugen eindringlich. Als Claus Günther auf beschwerlichen Wegen nach Hamburg-Harburg zurückgekehrt war und wieder zur Schule ging, wurde er von seinem Lehrer angesprochen: "Du hast ja gar keine Schuhe mehr, komm mal zu mir, ich hab noch ein paar von meinem Sohn."

Barfuß ging der Junge also durch die Stadt zur Wohnung des Lehrers. "Als dann meine Mutter dem Lehrer ein halbes Pfund Butter hinschob für die Stiefel - da habe ich mich geschämt und wäre lieber barfuß gegangen", sagt Claus Günther. Ein Gefühl, an das er sich bis heute gut erinnern kann.

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