Zeitzeugen zum Kriegsende 1945 "Als ob eine wilde Jagd von Teufeln durch die Luft ritt"

Jaulende Stalinorgeln, verkohlte Leichen, brennende Scheunen: Im April 1945 verlagerte sich die Front in deutsche Städte und Dörfer. Sechs Zeitzeugen, damals noch Kinder, erzählen von den letzten Bombennächten.

Nach fast sechs Jahren Krieg war die Niederlage der Wehrmacht im April 1945 besiegelt. Die letzte deutsche Offensive in den Ardennen war gescheitert, die Alliierten drangen ins Landesinnere vor, besetzten Gebiete an Ruhr und Rhein. In West- und Süddeutschland kämpften Briten und Amerikaner gegen Hitlers letzte Truppen, im Osten flohen Millionen Deutsche vor der Roten Armee.

Am 25. April 1945 rückten sowjetische Truppen in die inneren Bezirke Berlins vor. Nach 85 britischen und amerikanischen Bombardements in den Wochen zuvor war die damalige Reichshauptstadt großflächig zerstört und nur noch ein "Reichsscheiterhaufen".

Dietrich Selle (Jahrgang 1940) überlebte die Gefechte zusammen mit seiner Mutter und seiner Tante im Steglitzer Luftschutzkeller.

"Dunkelheit liegt über den Häusern, Dunkelheit hinter den Fenstern, auf der Straße. Die Menschen haben sich im dämmrigen Licht einer Kerze im Luftschutzkeller versammelt, im handlichen Koffer das Wenige, was man dringend braucht. Im Kellerflur liegt ein Verwundeter. Es riecht nach Blut - Menschenblut. Still. Nur aus der Ferne ein ständiges Donnern! Wie von einem fernen Gewitter und doch wieder nicht.

Ich musste wissen, was da war. Ich verließ den Keller durch den Ausgang, der zur Straße führte, folgte dem Geräusch bis zur nächsten Straßenecke und schaute die Straße hinunter. Am Horizont rotes flackerndes Licht, dazu ein ständiges Grummeln. Es mussten Kanonen sein, viele Kanonen."

Selle erinnert sich besonders an die Sowjet-Waffe "Katjuscha", die mehrere Geschosse in einer Salve abfeuern konnte. Die Deutschen nannten die Raketenwerfer wegen ihres charakteristischen "Jaulens" und der Raketen-Anordnung spöttisch "Stalinorgel"; die zerstörerischen Angriffe waren in der Zivilbevölkerung wie unter Soldaten gefürchtet.

"Das Heulen der Bomben war mir vertraut. Doch das war anders, unbekannt. Es zog niedrig über die Dächer der Häuser hinweg, fauchend, heulend, unheimlich. Fünfmal, zehnmal in dichter Folge, dann Stille! Dann wieder, als ob eine wilde Jagd von Teufeln durch die Luft ritt. Ich war neugierig und stieg ein paar Stufen auf der Kellertreppe hinauf. Dann sah ich sie - ihre langgestreckten Körper und den feurigen Schweif, den jeder hinter sich herzog. Und ich hört die Schreie, die diesen Höllenritt begleiteten, grell jaulend, wie ich es nie zuvor gehört hatte.

Eine Gruppe von Menschen stand vor einem Hauseingang. Ich wurde in den Keller gezogen, kurz bevor etwas in der Straße explodierte. An diesem Tage wurde Frau Aetler, Besitzerin des Hauses Zimmermannstraße 35, von einem Splitter eines Stalinorgelgeschosses getötet - sehr zur Beruhigung ihrer Nachbarn. Die Nationalsozialistin wollte das Haus bis zum letzten Atemzug verteidigen."

Bernd B. Liebold (Jahrgang 1936) erlebte den Angriff der Sowjets auf Berlin als Neunjähriger mit seinen Eltern. Wer konnte, floh ins Umland. Etwa zwei Millionen Berliner harrten in Wohnungen und Luftschutzkellern aus. Bis zum 2. Mai starben Zehntausende durch alliierte Bomben, im Straßen- und Häuserkampf.

"Die in ihren Wohnungen, im Haus verbrannten, wir nannten sie die 'Käfer', wurden rausgetragen und erst einmal in eine Reihe gelegt. Was von den Menschen übrig war, war braun bis schwarz, sie waren kleiner. Es gab die 'Maden', das waren Menschen, die in Kellern von Löschwasser oder geplatzten Wasserleitungen gekocht wurden. Kein schöner Anblick."

Noch kurz vor dem Sturz des NS-Regimes tönten im Rundfunk Goebbels' Durchhalteparolen. Männer zwischen 16 und 60 Jahren wurden zum "Volkssturm" einberufen - spärlich ausgerüstet, militärisch unerfahren. Liebold schildert den Kampf der Berliner ums Überleben:

"Wir sind oft in die zweite Welle des Angriffs gekommen. Ich erinnere mich an die Worte meines Vaters, wenn wir die Arme lang vorwärts gestreckt, an den Rinnstein auf den kalten Boden gepresst, auf die nächste Explosion warteten: 'Immer die Hacken nach unten!' Es gibt die Bilder müder Männer, die Baumstämme in der Straße eingruben. Es waren hoffnungslose Versuche, Panzersperren, Barrikaden zu bauen. Mein Vater und der Nachbar sind nachts hingegangen und haben die Stämme zersägt. Jedes Brennmaterial war unendlich wertvoll."

Im Januar 1945 floh Erika Reinicke (Jahrgang 1934) mit ihrer Tante aus dem schlesischen Festenberg und erlebte in Berlin die letzten Bombenangriffe.

"Die Front kam immer näher, wir waren mehr im Keller als in der Wohnung. Dann kam der 23. April - der Geburtstag meiner Mutter. Die Kellertür ging auf, herein kam ein Soldat mit einem Einkaufsbeutel und einer Rose. Das war mein Vater. Monatelang haben wir nicht mal gewusst, ob er noch lebt. Seine Kompanie war auf dem Rückzug von Russland nach Berlin kommandiert worden, um die Reichshauptstadt zu verteidigen.

Sein Quartier war das Luftfahrtministerium, die Leute, die da eigentlich tätig waren, hatten sich längst in Sicherheit gebracht. So hatten die Landser das Gebäude für sich allein. Es dauerte nicht lange, bis sie die Vorratskammer der 'Oberen Zehntausend' fanden. So bekam meine Mutter zu ihrem 31. Geburtstag eine Flasche Sekt und eine Dose Kaviar, für mich gab es eine Tafel Schokolade. Nach einer Stunde musste er wieder weg, denn er hatte nur begrenzt Urlaub."

Waltraud Ullmann (Jahrgang 1932) verbrachte das letzte Kriegsjahr im Rahmen der Kinderlandverschickung mit ihrer Schulklasse in Bad Teplitz (heute Tschechien). Im April floh sie mit zwei Klassenkameradinnen und ihren Müttern vor der Roten Armee nach Hamburg. Über der Bahn kreisten Bomber der Alliierten.

"Schon bald mussten wir alle wieder aus dem Zug, weil feindliche Flugzeuge kamen. Wir liefen über ein freies Feld, wo ich mich schon hinfallen lassen wollte, aber man riss mich mit in den Wald. Dort habe ich mich vor lauter Angst mit den Händen in den Tannennadeln und im Laub versucht einzugraben. Als die Flugzeuge weggeflogen waren, gingen wir zum Zug. Auf dem Feld lagen 28 Tote. Die Lokomotive war durch eine Bombe getroffen, wir mussten zu Fuß weiter."

Grete Specker-Dünhöft (1923-1995) war zum Kriegsende in Rhede; im Emsland leisteten Wehrmacht und SS erbitterten Widerstand gegen polnische und kanadische Einheiten. Bomben und Phosphorgranaten zerstörten große Teile der Gemeinde.

"Unsere Scheune war abgebrannt, gut, dass ich die Kühe mitgenommen hatte zum Feld. Das Wohnhaus war stehengeblieben. In der Küche hausten polnische Soldaten. Sie machten aus Stühlen und Tischen Brennholz. Ich wusste in meiner Not nicht, was ich machen sollte, nahm ein großes Laken, band es an die Gardinenstange und rannte damit nach oben, um es aus dem Fenster zu hängen als Zeichen der Kapitulation.

Als ich wieder nach unten kam, übergossen sie die Küche gerade mit Benzin. Ich flehte und bettelte, unser Haus zu verschonen, weil ich doch die weiße Flagge gehisst hatte. Aber sie lachten nur. Ich rannte zum Pastor und weinte bitterlich. Pfarrer Lammen nahm mich in die Arme und sagte: 'Ja, das ist der Krieg.' Von seinem Zimmer aus sah ich, wie die Flammen überall aus den Fenstern schlugen."

Rhede, nur noch ein Trümmerhaufen - das Dorf wurde zu etwa 90 Prozent bei den Kämpfen zwischen dem 15. und 17. April 1945 zerstört

Rhede, nur noch ein Trümmerhaufen - das Dorf wurde zu etwa 90 Prozent bei den Kämpfen zwischen dem 15. und 17. April 1945 zerstört

Foto: Archiv Busemann in Dörpen

Auch im unterfränkischen Hellmitzheim stemmten sich Soldaten der Wehrmacht noch Mitte April 1945 gegen die Niederlage. Zuvor bot ein US-Offizier ihnen an, sich kampflos zurückzuziehen, der deutsche Kommandant lehnte ab. Hans Neusius (Jahrgang 1935) über die letzten Gefechte:

"Eine Gruppe von etwa zehn Soldaten hatte sich in und um unser Haus eingerichtet, um von hier die Bewegungen der Amerikaner zu beobachten. Meine Mutter war auf Geheiß der Befehlshaber mit Nachbarn eingeteilt, Panzersperren zu errichten: Auf der Straße wurden alle verfügbaren Landmaschinen, Pflüge, Leiterwagen und eine Dreschmaschine zusammengefahren und ineinander verkeilt, zur Verteidigung mit Panzerfäusten in der Nähe Erdlöcher ausgehoben.

Ein Soldat hatte auf dem Speicher unseres Hauses einen Beobachtungsstand eingerichtet. Mit dem Fernglas blickte er nach Mönchsondheim, etwa zehn Kilometer westlich von Hellmitzheim. Auch ich durfte durch das Fernglas gucken. Zum ersten Mal sah ich amerikanische Bodentruppen. Eine lange Fahrzeugkolonne mit schweren Geschützen, gesichert von Panzern, fuhr dort in eine Bodensenke ein.

Der Aufmarsch der Amerikaner mit schwerem Gerät und die Dürftigkeit der Ausrüstung der deutschen Soldaten, die zu Fuß ihre Ausrüstung selber schleppen mussten, ließ eindrucksvoll die Aussichtslosigkeit der Verteidigungsbemühungen erkennen. Vielleicht wollte der Soldat mir gerade das vermitteln, als er mir das Fernglas in die Hand drückte, damit ich es selbst sehen konnte."

Für die Zivilbevölkerung wurde der Kampf um Hellmitzheim zur Katastrophe. Viele Bauernhäuser brannten bis auf die Grundmauern ab.

"Immer wieder flogen die Maschinen an, beharkten das Dorf mit Bordwaffen. Die Hölle war los. Die massenweise abgeworfenen Stabbrandbomben hatten ihre Wirkung voll entfaltet. Die trockenen Speicher, Heu- und Strohschuppen der Bauernhäuser gingen sofort in Flammen auf.

Als die Jabos (Jagdbomber, Anmerkung der Redaktion) endlich abgedreht hatten, war das ganze Dorf in Flammen und Rauch gehüllt. Der Bauer im benachbarten Haus war wutentbrannt vor sein Haus gestürmt, um voller Zorn seine Verwünschungen den Amerikanern entgegenzuschreien. Dabei wurde er durch Bordwaffenschüsse getroffen.

Die Nacht blieb ruhig. Das ganze grauenvolle Ausmaß der Zerstörung wurde erst am anderen Tag deutlich. Im Stall standen und lagen die Schafe, schwarz verkohlt. Ebenso einige Kühe, die den Weg ins Freie nicht mehr gefunden hatten. Das gleiche Bild bot sich in zahlreichen Ställen des Dorfes: Tiere, die aufrecht verkohlt in den Boxen standen. Überall auf Straßen und Wiesen in Ortsnähe lagen Kadaver von Kühen und Pferden, durch Bordwaffen getötet.

Von der Treppe unseres Hauses konnte man nun auf die nach Westen führende Dorfstraße sehen. Die dazwischen liegenden Wohnhäuser und unsere Scheunen waren abgebrannt. Nur die Kamine ragten aus den noch schwelenden und rauchenden Trümmern gespenstisch in die Höhe."

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