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04. November 2013, 11:55 Uhr

Zeitzeugin des Novemberpogroms 1938

"Es gab kein Entkommen"

In der Nacht des 9. November 1938 brannten in Deutschland die Synagogen. Ruth Winkelmann erlebte den Morgen danach in der jüdischen Mädchenschule in Berlin-Mitte - und wie SA-Leute deren Eingang verbarrikadierten. Auf einestages berichtet die Berlinerin von dem Tag, an dem ihre Kindheit endete.

Nebelschwaden lagen über dem frostigen Novembermorgen, als ich den Lkw bestieg, um mit Vater und Großvater in die Stadt zu fahren. In der Morgendämmerung gegen 7 Uhr starteten wir von unserem Haus in Hohen Neuendorf am nördlichen Stadtrand Berlins Richtung Zentrum. Die beiden brachten mich wie an jedem Tag zu meiner Schule in der Auguststraße, bevor sie weiter zur Arbeit in unseren Familienbetrieb, einem Abrissunternehmen und Schrotthandel auf der Fischerinsel, fuhren.

Während mein Vater den Wagen steuerte, saß ich vorne neben Großvater, der auf der gut 30-minütigen Fahrt meist ein Nickerchen machte. Wenn er erwachte, musste ich ihm erzählen, was ich auf den Straßen der erwachenden Stadt sah, denn mein Großvater war im Ersten Weltkrieg als deutscher Soldat Opfer eines Gasangriffs geworden und seitdem erblindet. Was ich an diesem Morgen sehen und beschreiben sollte, habe ich nie wieder vergessen. Es war das verstörende Bild einer Stadt im Ausnahmezustand.

Brüllende Meute

Unser Weg führte uns über die noch dunklen Straßen der Berliner Außenbezirke Hermsdorf und Waidmannlust. Als wir Wittenau erreichten, sah ich die erste zerbrochene Schaufensterscheibe. Ich hielt sie für das Werk nächtlicher Einbrecher. Doch die Schmierereien an den Hauswänden, "Jude" und Davidstern, ließen Schlimmeres erahnen. Je näher wir an Berlins Mitte mit seinen vielen jüdischen Läden kamen, desto mehr verwüstete Geschäfte entdeckte ich. Überall lagen die Scherben und die Auslagen der Schaufenster auf den Gehwegen herum. Ich kann mich an einen SA-Mann erinnern, der zwei elegant gekleidete Schaufensterpuppen in die Gosse warf.

Nun hörte ich auch das Gebrüll der Nazi-Meute: "Judenschwein!", hallte es durch die Straßen. Ich selbst fühlte mich noch relativ sicher. Im Fahrzeug waren wir als Juden nicht zu erkennen. Mein Vater sagte an diesem Morgen fast nichts. Mein Großvater fragt mich die ganze Zeit, was ich sehe. In der Gartenstraße beobachtete ich entsetzt, wie Braunhemden einem orthodoxen Juden, den ich an seinen Schläfenlocken und dem schwarzen Rock erkannte, mit weißer Farbe einen Davidstern auf Brust und Rücken pinselten. Nie werde ich das leere Gesicht dieses Mannes im Augenblick seiner Demütigung vergessen.

Als ich gegen 7.30 Uhr meine Schule an der Auguststraße erreichte, war alles wie gewohnt. Großvater gab mir einen Groschen, und wie jeden Morgen kaufte ich beim Obsthändler einen Apfel, bevor ich die Schule betrat. An Unterricht war an diesem Morgen jedoch nicht zu denken. Eine Lehrerin empfing mich gleich am Eingang und schickte mich in die Aula. Dort waren alle Schülerinnen und Lehrer versammelt, als der Schulleiter etwas ganz und gar Ungewöhnliches tat: Er stimmte ein Gebet an. Ich weiß noch, wie feierlich und angsterfüllt zugleich die Stimmung war. Alle fassten sich an den Händen, um sich gegenseitig zu beruhigen und zu stärken. Nie zuvor hatten wir in der eigentlich säkularen Schule gebetet.

In der Falle

Eine gute halbe Stunde später hatten SA-Leute den Schuleingang besetzt und mit einem Berg aus Gerümpel verbarrikadiert. Wir saßen in der Falle. Von drinnen hörten wir ihr Gebrüll. Später sahen wir ihre hasserfüllten Schmierereien an der Schulfassade. Wir klemmten uns an die Fensterscheiben und sahen, wie immer mehr Kisten und Bretter, ja sogar Schlitten und Kochtöpfe auf den Haufen vor der Schule flogen. Von der anderen Seite der Schule sahen wir, wie dichter Qualm aus der Kuppel der Synagoge in der Oranienburger Straße stieg. Jeden Augenblick musste damit gerechnet werden, dass die Braunhemden den Holzhaufen vor dem Schuleingang in Brand setzten.

In der Aula wurde es sehr still. Es gab kein Entkommen. Der Vorderausgang war von brüllenden SA-Leuten besetzt. Der Hinterausgang führte in die Oranienburger Straße, in der die qualmende Synagoge ebenfalls auf SA-Präsenz schließen ließ. Direktor und Lehrer entwickelten in aller Eile einen Evakuierungsplan. Über eine Tür im Dachboden der Schule erreichten wir über mehrere andere Dachböden schließlich eines der Nachbarhäuser. Wir waren nun in einem Mietshaus angelangt, in dem Juden wohnten. Wir stiegen das Treppenhaus hinab zur Eingangstür.

Ein Lehrer schärfte uns ein, immer nur zu zweit zu gehen, nicht zu rennen und uns direkt auf den Weg nach Hause zu machen. Ich nahm meine beste Freundin Lilly bei der Hand. Noch waren wir in der Auguststraße, und die SA konnte uns sehen. Mein Herz klopfte bis zum Hals. Als wir das Schwimmbad in der Gartenstraße passierten, begannen wir vor Erleichterung zu singen. Lilly wohnte gleich um die Ecke. Ich stieg in die S-Bahn und fuhr zurück nach Hause.

Schule geschlossen

In Hohen Neuendorf selbst kam es in der Nacht und am folgenden Tag nicht zu Ausschreitungen. Der Ort hatte keine Synagoge und nur wenige jüdische Bewohner. Das nächste jüdische Gotteshaus lag in Hermsdorf, gut sieben Kilometer entfernt. Wie ich hörte, hatten die Nazis auch dort im Inneren gewütet und die Synagoge entweiht und zerstört. Damit verlor ich einen Ort meiner Kindheit, da ich sie mit meiner Familie an den jüdischen Feiertagen stets aufgesucht hatte.

Die Geschäftsräume des Fuhrhandels meiner Großmutter waren ebenfalls zerstört und geplündert. Doch davon erfuhr ich erst später. Unmittelbar nach dem Pogrom verschwieg man uns Kindern Details der Geschehnisse, um uns nicht noch weiter zu beunruhigen. Als mein Vater am Abend nach Hause kam, nahm er meine kleine Schwester und mich in den Arm. "Jetzt beginnt eine schwere Zeit für uns", sagte er bedeutungsschwer, so dass ich es nie vergessen habe. Er sollte recht behalten.

Mehr zum Thema Novemberpogrome 1938 lesen Sie hier im SPIEGEL 45/2013


Heute begreife ich den 9. November 1938 als Zäsur in meinem Leben: Meine unbeschwerte Kindheit war mit einem Mal zu Ende. Zum ersten Mal erlebte ich Bedrohung und Angst aufgrund meiner Herkunft. 1928 wurde ich als Ruth Jacks, Kind eines jüdischen Vaters und einen christlichen Mutter, in Berlin geboren. Nach den Nürnberger Gesetzen aus dem Jahr 1935 wurde ich als sogenannte Geltungsjüdin definiert, da ich zwei jüdische Großeltern hatte und zum Stichtag einer jüdischen Gemeinde angehörte. Ich musste erwachsen werden, um der von nun an wachsenden Gefahr zu begegnen. Der bittere Ernst des Lebens sollte beginnen.

Bald wurde meine Schule geschlossen, und ich musste Zwangsarbeit leisten. In einer Berliner Fabrik besserte ich die zerschlissenen Uniformen von Wehrmachtssoldaten aus. Da war ich gerade 14 Jahre alt. Ab September 1941 trug ich den Judenstern und entging mehrmals nur knapp der Deportation. Meine Eltern wurden zur Scheidung gezwungen. Wir lebten versteckt in einer Gartenlaube. Als ich mit meiner Mutter das Kriegsende in Berlin erlebte, hatten wir die Hälfte unserer kleinen Familie verloren: Mein Vater wurde in Auschwitz ermordet, meine kleine Schwester starb im Jüdischen Krankenhaus Berlin Anfang März 1945. Sie war gerade acht Jahre alt geworden.

Aufgezeichnet von René Schlott

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