Entstehung des Zölibats Wie die katholische Kirche Priester zur Ehelosigkeit zwang

Selbst Kardinal Marx fordert jetzt die Abschaffung der Pflicht zur sexuellen Enthaltsamkeit für katholische Geistliche. Doch Hardliner mauern, als sei Kirche ohne Zölibat undenkbar. Wie alt ist die Vorschrift wirklich?
Vorbild für die Ehelosigkeit katholischer Priester: Jesus Christus. Doch viele Katholiken halten die Verpflichtung Geistlicher zur sexuellen Enthaltsamkeit für nicht mehr zeitgemäß

Vorbild für die Ehelosigkeit katholischer Priester: Jesus Christus. Doch viele Katholiken halten die Verpflichtung Geistlicher zur sexuellen Enthaltsamkeit für nicht mehr zeitgemäß

Foto: United Archives International / IMAGO

Mit seinem Appell für die Abschaffung des Pflichtzölibats für Priester hat der Münchner Kardinal Reinhard Marx der Diskussion um eine Reform der Ehelosigkeitspflicht in der katholischen Kirche neuen Vortrieb gegeben. »Die Möglichkeit für zölibatäre und verheiratete Priester zu schaffen«, so sagte Marx der Süddeutschen Zeitung,  sei »besser für alle«.

Der Vatikan allerdings hält derzeit noch an der Verpflichtung von Priestern zur sexuellen Enthaltsamkeit fest. Dabei ist der Zölibat, die Verpflichtung zur Ehelosigkeit bei Priestern, historisch gesehen noch recht jung. »Es wird so getan, als ob Ehelosigkeit schon immer Voraussetzung für das Priestertum gewesen wäre, aber das stimmt nicht«, erklärt Kirchenhistoriker Hubert Wolf von der Universität Münster, der sich in seinem Buch »Zölibat. 16 Thesen« (2019) ausführlich mit dem Thema auseinandergesetzt hat. »Die letzte Formulierung dieser Verbindung«, sagt Wolf, »ist gerade mal hundert Jahre alt. Sie wurde 1917 im kirchlichen Gesetzbuch, dem Codex Iuris Canonici, festgelegt.« Eine Regelung, die seither durch päpstliche Diskussionsverbote konserviert wurde – beispielsweise beim Zweiten Vatikanischen Konzil in den Sechzigerjahren.

Zuvor war es über Jahrhunderte hinweg keineswegs selbstverständlich, dass katholische Geistliche ehelos lebten. Erst im Jahr 1139 machte das Zweite Laterankonzil die Ehelosigkeit zur Voraussetzung für das Priesteramt. Argumentiert wurde immer wieder mit der Ehelosigkeit Jesu, doch dahinter standen auch handfeste wirtschaftliche Interessen: Die Kirche wollte verhindern, dass Priesterkinder Erbansprüche stellen – und stattdessen ihr Vermögen zusammenhalten.

Wolf hat allerdings viele Belege zusammengetragen, dass der Zölibat trotz der mittelalterlichen Regelung kaum durchgesetzt wurde. So wurden etwa Priesterämter im Münsterland laut Wolf im 17. Jahrhundert geradezu von Geistlichen an ihre Söhne vererbt. Unter »Zölibat« habe man allerhand verschiedenes verstanden – von sexueller Enthaltsamkeit an Sonntagen bis zum Heiratsverbot für verwitwete Priester.

Erst im 19. Jahrhundert setzte sich schließlich die Definition von Zölibat als dauerhafter sexueller Enthaltsamkeit durch. Vordergründig verwies man dabei wieder auf die Bibel: »Es wird theologisch überhöht begründet durch die Idee: Jesus war ehelos. So wie der Herr ehelos war, sollen alle, die ihm folgen, ehelos bleiben«, so Wolf. Dabei bleibe aber unbeachtet, dass auch die Bibel keineswegs stringent die Maxime der Ehelosigkeit wiedergebe: »Paulus etwa beschreibt, wie andere Apostel auf Missionsreisen ihre Frauen mitbringen.«

»Archaische Vorstellungen von der Reinheit des Priesters«

Zur Tabuisierung der Sexualität im Katholizismus hätten aber vor allem religionsfremde Einflüsse geführt, erklärt Wolf: So hätten Nonnen und Mönche aus der stoischen Philosophie der griechischen Antike das Ideal der »Reinheit« übernommen, verkörpert in sexueller Enthaltsamkeit, aber auch in anderen Praktiken wie etwa vegetarischer Ernährung. Auf diesem Wege seien »archaische Vorstellungen von der Reinheit des Priesters in das Christentum übernommen worden« – und das, obwohl gerade die Nonnen und Mönche, die diese Werte tradierten, selbst keine Geistlichen, sondern Laien waren.

Parallel habe vor allem seit dem 19. Jahrhundert eine »spirituelle Überhöhung des Priestertums« stattgefunden. So habe man das Abendmahl in der Anfangszeit des Christentums noch schlicht als Brotteilen verstanden. Im Laufe der Jahrhunderte habe der Akt dann immer stärker den kultischen Charakter eines Messopfers angenommen. Analog zu dieser kultischen Überhöhung wurden auch Geistliche nicht mehr als normale Menschen gesehen und hatten dementsprechend auch kein normales Leben zu führen.

Ein wichtiger Kronzeuge bei der Umdeutung des Zölibats hin zur sexuellen Enthaltsamkeit war der spätantike Theologe Augustinus von Hippo (354–430): »Sein Weltbild war geprägt von einer gewaltigen Leibfeindlichkeit«, erläutert Wolf, »Körper und Körperlichkeit sind im Augustinismus generell etwas Schlechtes. Das geht so weit, dass er selbst den ehelichen Verkehr als verwerflich ablehnt – es sei denn, er dient zur Zeugung von Kindern, dann kann man ihn zur Not akzeptieren.«

Die heute zumindest im westlichen Katholizismus verbreitete Norm der priesterlichen Ehelosigkeit – in den katholischen Ostkirchen etwa sind verheiratete Priester eine Selbstverständlichkeit – ist demnach vergleichsweise jung und durch außerchristliche Einflüsse geprägt. Zudem ist der Rückhalt für diese Lebensweise auch innerhalb der katholischen Kirche längst weithin verschwunden: So beschlossen 2019 drei Viertel der Teilnehmer der Amazonas-Bischofssynode, künftig auch verheiratete Männer in Südamerika als Priester zuzulassen. Doch Papst Franziskus folgte dieser Forderung bislang nicht, er vermied eine klare Stellungnahme.

Aus seiner Frustration über das päpstliche Zögern, ein neues Kapitel in der Geschichte des Zölibats aufzuschlagen, macht Kirchenhistoriker Hubert Wolf keinen Hehl: Franziskus müsse »endlich mal, wenn er A sagt, auch B sagen«, so Wolf.

dak