Fotostrecke

Zwangsarbeiter in Deutschland: Rendezvous mit schrecklichen Folgen

Foto: Uwe Stock/Archiv Gemeinde Lensahn

Zwangsarbeiter in Deutschland Rendezvous mit schrecklichen Folgen

Von einem Tag auf den anderen werden die Männer fortgebracht - und kehren nie zurück: Anfang der vierziger Jahre begegnet Ernst Woll in seinem thüringischen Heimatort zum ersten Mal polnischen und französischen Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen. Als Kind erlebt er dabei nicht nur die Courage seiner Großmutter, sondern auch den rasenden Zorn seiner Landsleute.

Anfang 1940 sah ich in meinem Heimatort, einer Kleinstadt in Ostthüringen, zum ersten Mal polnische und französische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter. Ich war damals neun Jahre alt und von den siegreichen Frontmeldungen begeistert. Meine Eltern und Großeltern versuchten, mir so manche Illusion zu nehmen. Sie hielten sich bei der in jener Zeit stark verbreiteten Verherrlichung des Krieges sehr zurück.

Die Gefangenen arbeiteten bei den Bauern und konnten sich am Tage unter deren Aufsicht auf den Gehöften, auf Wiesen und Feldern relativ frei bewegen. Nur nachts wurden sie in einem Barackenlager untergebracht, wo man sie bewachte. Ein französischer Lehrer, der in seiner Heimat Deutsch unterrichtet hatte, war mir besonders sympathisch. Ich setzte mich oft zu ihm, wenn er im Pferdestall die Mahlzeiten einnahm. Außerdem half ich ihm oft bei landwirtschaftlichen Arbeiten, die ich als Kind einer Bauernfamilie besser beherrschte als der französische Intellektuelle.

Wenn ich manchmal sah, dass er gemeinsam mit der Familie, bei der er untergebracht war, zu Tisch saß, stand er sofort auf und aß im Stall weiter. Die Gefangenen durften nicht mit in der Stube oder Küche speisen. Sie und die Bauernfamilien hatten Angst vor Denunziation. Nichts dergleichen wäre mir in den Sinn gekommen, aber das Vertrauen, besonders zu Kindern, reichte damals nicht weit. Es waren Fälle bekannt geworden, in denen Kinder ihre Eltern, Verwandten oder Nachbarn wegen unbedachter, verbotener politischer Äußerungen oder Handlungen angezeigt hatten. Listige, verbohrte Nationalsozialisten nutzten die Unerfahrenheit von Kindern und fragten sie aus.

Ein guter Mensch, aber er blieb ein Feind

Der französische Lehrer erzählte spannende Dinge aus seiner Heimat, und ich lernte so manches dazu. Politischen Themen wich er, soweit ich mich erinnern kann, aus. Manchmal wäre es fast zu Konflikten gekommen, zum Beispiel, wenn er mich ignorierte, weil ich meine Jungvolk-Uniform trug. Ich konnte dann einfach nicht begreifen, warum er sich, selbst wenn ich ihn ansprach, taub stellte. Ich erklärte es mir folgendermaßen: Zwar war der Franzose ein guter Mensch, aber trotzdem blieb er immer unser Feind, und als solcher war er uns unterlegen. Er konnte das Gute in und an Deutschland naturgemäß nicht begreifen.

Fotostrecke

Zwangsarbeiter in Deutschland: Rendezvous mit schrecklichen Folgen

Foto: Uwe Stock/Archiv Gemeinde Lensahn

Eine weitere Begebenheit hielt mir vor Augen, dass einfache Menschen oft Widerstand leisteten: Polnische Kriegsgefangene mussten in unserer Straße Wasser- und Abwasserleitungen verlegen. Trotz der schweren Arbeit bekamen die jungen Männer wenig zu essen und besaßen auch keine Kleidung für schlechtes Wetter. Meine Großmutter und andere Frauen aus der Nachbarschaft steckten den Gefangenen heimlich Nahrungsmittel und wärmende Kleidung zu.

Als pflichtbewusste Wachposten das zu verhindern versuchten und sogar mit Strafen drohten, bewiesen die Frauen Mut und ließen sich nicht abschrecken. Meine Großmutter, die das Silberne Mutterkreuz verliehen bekommen hatte und darauf nicht stolz war, sagte zu den Wachmännern: "Wie könnt ihr einer Frau mit Mutterkreuz verwehren, dass sie den Kindern anderer Mütter beisteht?"

Was meine Großmutter damals sagte, ist mir deshalb so gut in Erinnerung geblieben, weil es nicht immer meiner Meinung entsprach. Ein anderes Mal sagte sie über das in ihren Augen zweifelhafte Silberne Mutterkreuz: "Ich habe meine sechs Jungen nicht aufgezogen, damit sie in den Krieg geschickt und erschossen werden. Diese Auszeichnung wird doch nur vergeben, damit für genügend Soldatennachwuchs gesorgt ist."

Der Tag, an dem die Arbeiter verschwanden

Trotz des schwierigen Alltags für Gefangene und Zwangsarbeiter gab es noch Sinn für die Freuden des Lebens. Nach ihnen zu greifen, blieb jedoch nicht ungesühnt. Als sich einige polnische Zwangsarbeiter 1942 heimlich mit Mädchen aus unserem Ort trafen, wurden die Männer denunziert, verhaftet und fortgebracht. Wir haben nie wieder etwas von ihnen gehört. Sie sollen erschossen worden sein. Den Mädchen, die aus angesehenen Familien stammten, wurden auf dem Marktplatz die Haare abgeschnitten. Anschließend fuhr man sie auf einem Mistwagen durch die Stadt.

Noch heute klingt in meinen Ohren das Schreien und Johlen der Menschen, die aus der Umgebung angereist waren, um der furchtbaren Veranstaltung beizuwohnen. Alles war sehr deutlich auf unserem Hof zu hören, in einer Entfernung von ungefähr einem halben Kilometer. Meine Eltern blieben zu Hause und untersagten mir, das makabere Schauspiel anzusehen. Sie empörten sich über die Demütigung der Frauen, die nichts Schlimmes getan hatten.

Als der Wagen an unserem Haus vorbeifuhr, schaute ich heimlich durch den Vorhang. Den Blick, direkt in die Augen einer Frau, die ich kannte, werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Ich erinnere mich deutlich an den gequälten Ausdruck in ihrem Gesicht. Die Frisöre, die den verurteilten jungen Mädchen die Haare abschnitten hatten und der Bauer, der den Mistwagen fuhr, hatte man gezwungen. Die Angst ging um. Wer opponierte, war vor nichts mehr sicher.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.