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Zweiter Weltkrieg: Wie starb General Sikorski?

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Zweiter Weltkrieg Wie starb General Sikorski?

War es Mord? Steckte Churchill dahinter? Viele Polen glauben nicht, dass ihr Exil-Regierungschef Wladyslaw Sikorski 1943 bei einem Flugzeugunglück starb. Jetzt ist der General exhumiert worden; Pathologen sollen klären, ob der Richtige im Sarg liegt - und wie er umkam.

Es ist 23.07 Uhr, als der schwere Bomber vom Typ Liberator am Abend des 4. Juli 1943 vom britischen Luftwaffenstützpunkt auf Gibraltar abhebt. Es ist der letzte Flug von General Wladyslaw Sikorski, dem Premier der polnischen Exilregierung in London. Sein Heimatland ist seit vier Jahren von den Deutschen besetzt. Nur 16 Sekunden nach dem Start donnert der Flieger ins Meer. Außer Sikorski, seiner Tochter und seinem Stabschef sterben sieben weitere Menschen.

Auch 65 Jahre danach sind die Umstände des Absturzes noch immer ungeklärt - meint zumindest das polnische Institut des Nationalen Gedenkens (IPN). Die Behörde befasst sich hauptsächlich mit den polnischen Stasi-Akten und führt Ermittlungen über Nazi-Greuel am polnischen Volk. Nun ließ eine IPN-Staatsanwältin am Dienstag die sterbliche Überreste des Politikers aus seinem Sarkophag in der Krypta auf der Krakauer Burg ins Gerichtsmedizinische Institut der ehrwürdigen Jagiellonen-Universität schaffen.

Dort sollen nun Pathologen klären, wie Sikorski ums Leben kam. Ertrank er nach dem Absturz? Oder war er womöglich schon tot, bevor er an Bord der Liberator geschafft worden war? War der Absturz womöglich ein grandioses Vertuschungsmanöver, um einen politischen Mord zu decken?

Vertuschter Mord?

Zunächst einmal wollen die Wissenschaftler per DNA-Test prüfen, ob überhaupt die Überreste des echten Sikorski in der Krakauer Krypta liegen. Haben die Briten den Polen etwa ein falsche Leiche untergejubelt, um ein Verbrechen an dem politisch unbequem gewordenen Exilpolitiker zu decken? Dann werden die Mediziner die Knochen genau inspizieren, um zu püfen, ob sich die Mordhypothese stützen lässt.

In den Augen vieler zeitgeschichtliche Interessierten zwischen Oder und Bug gab es nämlich einige, die Polens Helden Sikorski damals übelwollten.

Da wäre zuerst Stalin: Der sowjetische Diktator hatte sich im September 1939, in geheimer Absprache mit dem deutschen Tyrannen Adolf Hitler, ein gutes Stück Polen unter den Nagel gerissen. Etwa 22.000 Angehörige der polnischen Geisteselite - Lehrer, Geistliche, Militärs, Professoren, mögliche Gegner eines kommunistischen Nachkriegspolen - ließ er in einem Wald bei Katyn per Genickschuss beseitigen. Das Verbrechen flog im April 1943 auf - und Sikorski verlangte von London aus Aufklärung von Moskau.

Aber auch die Gastgeber der polnischen Exilregierung, die Briten, lagen mit dem General im Clinch. Churchill wusste, dass Hitler-Deutschland nur im Bund mit den Sowjets zu schlagen sein würde. Und Sikorskis wachsender Konfliktkurs gegenüber Stalin gefährdete diese Allianz - allemal ein Mordmotiv für Churchill, meinen Befürworter der "britischen Theorie".

Eine Leiche an Bord?

Es könnte allerdings auch Gegner in den eigenen Reihen gewesen sein, die Sikorski aus dem Weg schafften. Schließlich war der Exilpremier mit etlichen seiner Landsleute schwer zerstritten, die von ihm wiederum eine noch härtere Gangart gegenüber der Sowjetunion forderten.

Die Mordhypothese wird seit Jahren von ernstzunehmenden polnischen Historikern vertreten. Sie stützen sich vor allem auf Zeugen, die gesehen haben wollen, wie die Leiche Sikorskis an Bord der Maschine gebracht wurde. Der Tote, der dann aus dem Meer gefischt wurde, soll nur Hemd und Unterhose angehabt haben - ein Indiz dafür, dass er im Schlaf erdrosselt worden sein könnte, glauben die Anhänger der Mordhypothese.

Ob es den Krakauer Gerichtsmedizinern in den kommenden Wochen gelingen kann, die genaue Todesursache zu ermitteln, ist offen. Eine Kugel habe die Leiche jedenfalls nicht im Kopf, sagte ein Zeuge der Exhumierung am Mittwoch in Krakau. Und selbst wenn sich doch noch Beweise für einen Mord finden, stellt sich immer noch die Frage, wer Wladyslaw Sikorski denn nun auf dem Gewissen hat.

Überhöhte Bedeutung

Ist die Exhumierung vielleicht nur ein neuer Höhepunkt der historischen Selbstbespiegelung eines Volkes, dem in der Geschichte oftmals übel mitgespielt wurde? Auf jeden Fall tun sich auch mehr als 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs viele Polen schwer damit, einfach zu akzeptieren, dass einer ihrer Helden womöglich bei einem schlichten Unfall ums Leben kam - und nicht eine dunkle Verschwörung der Feinde des polnischen Volkes dahinter steckt.

Die Anhänger der Mordtheorien "überhöhen die politische Bedeutung" Sikorskis, sagt der Danziger Geschichtsprofessor Jacek Tebinka: "Sikorski war gar nicht mehr eine so wesentliche Figur, um ihn zu töten." Stalin hatte schließlich die diplomatischen Beziehungen zur Londoner Exilregierung der Polen einfach abbrechen können - wohl wissend, dass weder Churchill noch US-Präsident Franklin D. Roosevelt Sikorskis Politik der Konfrontation gegenüber Moskau stützten. Deshalb hält Tebinka die Exhumierung von Krakau für eine "Entwürdigung".

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