Hinrichtung von Marinesoldaten 1945 Sie wollten nicht mehr mitspielen, der Krieg war ja aus

Am 5. Mai 1945 verweigerten deutsche Marinesoldaten einen Einsatzbefehl - und wurden dafür erschossen. Nun gibt es ihnen zu Ehren eine Gedenkfeier. Einer der Initiatoren schildert den Fall.
Ein Interview von Annette Bruhns
Marinesoldat Gustav Ritz

Marinesoldat Gustav Ritz

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Privat

SPIEGEL: Am 5. Mai 1945 meuterten 20 deutsche Marinesoldaten in dänischen Gewässern. Elf wurden dafür noch in der Nacht auf See hingerichtet, obwohl die deutschen Streitkräfte am Tag zuvor ihre Kapitulation in Nordwesteuropa unterzeichnet hatten. Nun wird ihnen in Sonderburg ein Gedenkstein gewidmet, dort, wo die Unglücklichen mit Torpedoteilen versenkt wurden. Von wem ging die Initiative aus?

Matlok: Die Idee gab es schon lange, eine dänische Historikerin und der Pastor der deutschen Minderheit warben dafür, auch ich habe das immer unterstützt. Aber niemand biss richtig an, zumal in Dänemark manche befürchteten, Deutschland damit zu beleidigen.

SPIEGEL: Immerhin haben das DDR-Doku-Drama "Rottenknechte" von 1971 sowie Siegfried Lenz’ Erzählung "Ein Kriegsende" von 1984 die Erinnerung an diese Untat wachgehalten.

Matlok: Der als propagandistisch eingestufte DDR-Film war einer der Gründe, warum man sich bis zum Mauerfall mit dem Gedenken zurückhielt. Dazu muss man wissen, dass die Verantwortlichen für die Todesurteile nach dem Krieg nicht strafrechtlich belangt wurden, auch weil der Adjutant von Hitlers Nachfolger Karl Dönitz sich dafür verbürgte, diese hätten von der Kapitulation nichts gewusst. Damit wären sie schlechter informiert gewesen als ihre eigenen Matrosen! Zwei der Verantwortlichen machten sogar noch Karriere beim Staat. Die bundesdeutsche Justiz hat in vielen in den letzten Kriegstagen oder danach hingerichteten Meuterern nur Deserteure gesehen. Erst 2009 hat der Bundestag die letzten Todesurteile der Nazi-Kriegsgerichte gegen sogenannte Kriegsverräter aufgehoben.

SPIEGEL: Knappe Mittel können kein Grund für die lange Dauer gewesen sein: Der Gedenkstein hat kaum 7000 Euro gekostet. Wer hat ihn bezahlt?

Matlok: Die Kommune Sonderburg und die Deutsche Botschaft in Kopenhagen. Dass das jetzt endlich klappt, liegt auch am Jubiläumsjahr 2020, in dem die friedliche Grenzziehung zwischen Deutschland und Dänemark vor 100 Jahren gefeiert wird.

SPIEGEL: Wer waren die Meuterer?

Matlok: Sie waren alle nicht älter als 24, und sie wollten nicht noch einen Kriegseinsatz im Osten fahren. Deshalb setzten sie den Kapitän fest, der Kurs Kurland ausgegeben hatte. Sie wollten "nicht mehr mitspielen", erklärten sie gegenüber den Besatzungen von zwei deutschen Schnellbooten: "Der Krieg ist ja aus." Diese enterten daraufhin das Minensuchboot; um 18.10 Uhr verhängte ein Standgericht die Todesurteile. Von den elf Leichen wurden nur sieben angeschwemmt und beigesetzt. Es ist ein peinliches Kapitel der bundesdeutschen Geschichte, dass 75 Jahre lang dieser Menschen nicht gedacht wurde. Umso mehr freue ich mich, dass zwei Schwestern der hingerichteten Soldaten zur Gedenkfeier kommen.

SPIEGEL: Erwartet werden von deutscher Seite der Militärattaché der Deutschen Botschaft und von dänischer der Bürgermeister von Sonderburg. Wie es mit Marinevertretern?

Matlok: Offiziell kommen keine, wegen Corona. Die dänische Marine soll wegen der Pandemie nicht an der Gedenkfeier teilnehmen, deshalb hält sich auch die deutsche zurück. Aber es haben sich Offiziere aus Flensburg als Gäste angemeldet.

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