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Flugzeuge im Zweiten Weltkrieg: Jede Menge Holz am Himmel

Foto: Corbis

Britisches Holzflugzeug Mosquito Diesen Bomber lieferte die Tischlerei

Beim Flugzeugbau im Zweiten Weltkrieg wetteiferten Ingenieure um Innovationen. Verblüffend lange hielt sich ein astreiner Erfolgsfaktor: Holz. Damit flog die englische "Mosquito" feindlichen Jägern einfach davon.

Geoffrey de Havilland glaubte an Holz. Seit der Ingenieur 1908 in die Fertigung von Flugzeugen eingestiegen war, setzte er auf hölzerne Modelle. Seine "Tigermotten" DH.60 (ab 1925) und DH.80 (ab 1932) wurden zusammen fast 10.000 Mal verkauft und gehörten zu den erfolgreichsten Flugzeugen ihrer Zeit. Sie hatten den Insektenfreund de Havilland, der seine Maschinen gern nach Kerbtieren benannte, reich und berühmt gemacht und zu einem der führenden Konstrukteure Großbritanniens.

Als das britische Verteidigungsministerium im Oktober 1938 sein Konzept für einen neuen Bomber ablehnte, war er darum keineswegs bereit, das Nein zu akzeptieren.

Eigentlich sorgte die wachsende Kriegsgefahr für drängende Nachfrage. Doch dieses Flugzeug, das de Havilland da vorschlug, wollte die britische Regierung nicht: Einen extrem leichten Bomber, der höher und schneller fliegen könnte als jeder Jäger, versprach er. Auf zusätzliche Abwehrbewaffnung könne man daher glatt verzichten.

Unsinn, urteilte das Ministerium und forderte de Havilland auf, stattdessen einen Bomber nach Air-Force-Spezifikationen zu konstruieren - aus Aluminium.

Genau das hielt de Havilland aber für falsch. Wenn der Krieg komme, glaubte er, würde Aluminium schnell knapp und teuer. Holz hingegen werde verfügbar bleiben. De Havilland hatte das Geld und die Unabhängigkeit, sich seinen Trotz leisten zu können: Er beschloss, das von ihm vorgeschlagene Flugzeug auf eigene Kosten zu bauen - heimlich.

Den Luftkampf um England gewann die Holzklasse

Ein Glücksfall für Großbritannien, wie sich bald zeigen sollte. Als das Verteidigungsministerium am 25. November 1940 seinen Auftrag für den Bau von 50 Bombern an de Havilland erneuerte, ließ der noch am selben Tag seinen abgelehnten Bomber aufsteigen - eine symbolträchtige Watsche für die Militärstrategen.

In der Nähe von Hatfield startete die Maschine zum ersten Testflug, schrill gelb lackiert, damit sie nicht versehentlich von der Luftabwehr abgeschossen würde. Messungen und Schätzungen ergaben, dass sich diese "Mosquito" trotz doppelten Gewichtes 32 km/h schneller bewegt hatte als die legendäre "Spitfire", Englands schnellstes und modernstes Jagdflugzeug.

Zu diesem Zeitpunkt war eine Welle massiver deutscher Luftangriffe bereits gescheitert. Der "Spitfire" hatte die britische Propaganda den Sieg in der "Luftschlacht um England" angedichtet. In Wahrheit hatten Piloten das Gros der Flüge erfolgreich in der Hawker "Hurricane" absolviert und die meisten Abschüsse gemacht - doch die war aus Holz und stand darum vermeintlich für das Gestern der Luftfahrt.

De Havilland übermittelte die Daten seines Holzflugzeuges. Und stieß erneut auf Skepsis. Immerhin: Er bekam Gelegenheit, seine "Mosquito" Anfang Februar 1941 auf dem Testfeld Boscombe Down vorzuführen. Vertreter der Air Force und des Verteidigungsministeriums reisten an: skeptisch, wenn nicht ablehnend oder gar beleidigt wegen dieses ertrotzten Treffens. Die "Mosquito" stieg auf - und schlug alle Rekorde. Sie flog flotter als jeder Jäger ihrer Zeit, fast doppelt so schnell wie die üblichen Bomber.

Berliner Parade bombardiert, die Nazigrößen schäumten

Nur Stunden später hatte de Havilland einen Auftrag, der seine Fabriken zehn Jahre lang mit dem Bau von insgesamt 7781 Flugzeugen beschäftigen sollte. Die "Mosquito", zunächst nur als schneller Bomber und Nachtaufklärer eingeplant, wurde zum Erfolgsflieger der britischen Luftwaffe. Bald gab es kaum etwas, für das sie nicht eingesetzt wurde.

Denn die Versprechungen ihrer Konstrukteure hielten: Die "Mosquito" erwies sich als schnell, ausdauernd, spritsparend, effektiv. De Havilland ließ die Maschinen nicht nur in seinen Flugzeugwerken montieren, sondern bald auch in Großtischlereien. Schon beim ersten Kampfeinsatz entkam sie drei deutschen Jägern, indem sie ihnen einfach geradeaus davonflog.

Schnell begriffen die Briten den propagandistischen Nutzen. Für den Vormittag des 30. Januar 1943 planten die Nazis eine Berliner Parade zum zehnten Jahrestag ihrer Machtergreifung mit Reichspropagandaleiter Joseph Goebbels und Luftwaffenchef Hermann Göring als Festredner. Doch die Feierlichkeiten wurden eilig abgebrochen: Zum ersten Mal bombardierten britische "Mosquitos" Berlin, ohne sich um Luftabwehr und Abfangjäger zu scheren.

Die Nazigrößen schäumten und verschoben die Parade auf den Nachmittag. Prompt folgte eine zweite Angriffswelle - und führte das großmäulige Göring-Wort, kein feindlicher Flieger werde jemals die deutsche Hauptstadt erreichen, einmal mehr ad absurdum. Alle "Mosquitos" kehrten an diesem Tag unbeschadet zu ihren Flugplätzen zurück. Überdeckt wurde die Nachricht von weit größeren Ereignissen: Tags darauf kapitulierten die deutschen Truppen in Stalingrad - ein Wendepunkt des Zweiten Weltkriegs.

Erst zum Ende des Krieges kam mit der Messerschmitt Me 262 ein Jäger ins Spiel, mit dem die "Mosquito" nicht mehr mithalten konnte. Düsentriebwerke wurden parallel von mehreren Nationen entwickelt, aber nirgendwo schneller eingesetzt als in Deutschland. Das Nazireich galt als Hightech-Schmiede. Doch auch hier war nicht alles Metall, was glänzte.

Vermeintliche Wunderwaffen aus Sperrholz

Denn Leichtmetall wurde - wie von de Havilland vorausgesagt - bald überall knapp. Eine überraschend große Zahl  von Weltkriegsfliegern bestand zu maßgeblichen Teilen aus Holz. Nicht selten jedoch war Holz mehr als eine Notlösung, es war sogar das ideale Material. Mit hölzernen Flügeln flog etwa der deutsche Jäger Messerschmitt Me 163, noch bis 1953 das schnellste Flugzeug der Welt. Und zu maßgeblichen Teilen aus Holz bestanden auch fünf der acht mit Düsen- oder Raketenantrieben konstruierten, zu Wunderwaffen hochschwadronierten Flugzeuge, die Deutschland bis zur Kapitulation 1945 baute.

Das galt selbst für den geheimnisvollen Nurflügler Horten H IX, der so frappant an heutige "Tarnkappenbomber" erinnert. Die Flügel waren komplett aus Holz, der Rumpf bestand größtenteils aus einem mit Sperrholz beplankten Rohrgerüst. Ebenfalls mit Sperrholz verkleidet war das irrwitzige Einwegraketenflugzeug Bachem Ba 349, mit dem man die Schallmauer zu durchbrechen hoffte.

Der Zweite Weltkrieg markierte den Höhepunkt und zugleich das nahende Ende für Holzkonstruktionen zumindest in der militärischen Luftfahrt. Denn die immer höheren Geschwindigkeiten führten das Material an seine Grenzen. Zudem erwiesen sich das Holz wie auch der eingesetzte Leim als Schwachpunkte in tropischen und subtropischen Breiten - wer will schon in einem Flieger sitzen, der sich verzieht oder auflöst?

Dennoch ist der nachwachsende, so gut zu verarbeitende Werkstoff bis heute nicht ganz aus dem Flugzeugbau verschwunden. So manch leichte, kleine Maschine hat noch immer Holzteile verbaut. Und neben einzelnen Segelflugzeugen entsteht auch die Robin DR 400 von Robin New Aircraft (Frankreich) komplett in Holzbauweise - wie einst die "Mosquito".

Deren Konstruktion aus Trotz und Überzeugung machte Geoffrey de Havilland endgültig zu einem angesehenen Mann. 1944 wurde er in den Adelsstand erhoben.

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