Amateurfilme kurz vor Kriegsbeginn Ein letzter, schöner Sommer in Farbe

Mein Faltboot, meine Schmusekatze, meine schwangere Frau: Das ZDF hat unveröffentlichte Privatfilme aus der NS-Zeit aufgespürt. Sie zeigen, wie Deutsche den drohenden Krieg 1939 ignorierten - bis er zum Alltag wurde.

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Bevor das große Töten und Morden beginnt, erfüllen sich Käthe und Erich Höse einen Traum. Raus in die Einsamkeit, Schönheit, Stille der Natur. Im roten Faltboot paddelt das frisch vermählte Paar Mitte August 1939 von Ratibor die Oder hinab - und filmt das Abenteuer per 16-Millimeter-Kamera in Farbe.

Es sind friedliche Tage einer Zeit, in der die Menschen das Ende des Friedens schon spüren. Ein letzter, schöner Sommer: Nur zwei Wochen, bevor Hitler Europa in Flammen setzt, suchen die Höses das kleine, private Glück.

Vom Boot aus hält ihre Kamera die Ruhe vor dem Sturm fest: Die Leipziger passieren ein deutsches Lazarettschiff, das auf der Oder für den aufziehenden Krieg bereitliegt. Sie beobachten Wehrmachtsoldaten am Ufer und besichtigen Städte wie Breslau und Stettin, die in den folgenden Jahren zerschossen und zerbombt werden. Die Oder, die sie so begeistert befahren, wird nach Kriegsende die Ostgrenze eines besiegten, geschrumpften Deutschlands sein.

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Privatfilme aus der NS-Zeit: Wie der Krieg in den Alltag einbrach

Was passiert, wenn plötzlich ein Krieg in den Alltag hineinbricht - und mit der Zeit selbst zum Alltag wird? Das ZDF geht dieser Frage in der Dokumentation "Wir im Krieg" nach. 80 Jahre nach dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 hat Filmemacher Jörg Müllner bisher unveröffentlichte Amateuraufnahmen aufgestöbert: auf Dachböden, bei Sammlern, in Filmarchiven.

"Diese Privatbilder sind wie Fenster, die spannende Einblicke in den Alltag der Menschen in der Nazizeit geben", sagt Müllner. Meist würden solche Privataufnahmen in historischen Dokumentationen nur als Schnittbilder eingestreut, die einigermaßen zu bestimmten Ereignissen passten. "Die Herkunft der Filme wird dabei nicht genannt. Wir wollten aber die Quelle thematisieren: Wie sind diese Aufnahmen entstanden? Was verraten sie uns über den Alltag?"

Die Hobbyfilme, davon viele in Farbe, sind auch aus psychologischer Sicht interessant. Was filmten die Menschen jenseits der offiziellen NS-Inszenierungen vor und im beginnenden Krieg, was ignorierten sie? Filmen war damals ein sehr teures Freizeitvergnügen. Die Wahl der Motive musste also gut überlegt sein. Es waren oft: die spielenden Kinder, der Urlaub an der Ostsee, die erfolgreiche Ernte, der neue Rasenmäher.

"Trotz allem am privaten Glück festzuhalten" sei eine verständliche "Paradoxie inmitten der anlaufenden Kriegsvorbereitungen", sagt die Münsteraner Historikerin Isabel Heinemann, die in der Doku als Expertin auftritt. "Man stellt ja nicht sein privates Leben auf 'Halt'. Man hofft ja auch immer, dass es gut ausgeht."

Baby-Vorfreude und Gasmasken-Übung

So nannte der Bremer Unternehmer Walter Hachenburg einen seiner Filme 1939 "Das Ereignis" - für ihn nicht etwa der drohende Krieg, sondern die Schwangerschaft seiner Frau Grete, mit der er bereits zwei Kinder hatte. Seine Aufnahmen zeigen, wie er stolz "Wir bekommen ein Baby" mit Kreide auf eine Tafel schrieb. Die Familie sortierte Babykleider, sein Sohn turnte ausgelassen im Wäschekorb herum. Hachenburg filmte seine Frau auch noch auf dem Weg in die Privatklinik. Voller Vorfreude inszenierte er die Ankunft des Babys mit einem Spielzeug-Storch samt Baby im Schnabel.

Die Kamera durfte auch nicht fehlen, als er am 6. Februar 1940 seine Tochter Inge-Helga im Arm wiegte. Der Krieg schien kurz unendlich fern - und war doch nicht mehr auszublenden: So zeigen Hachenburgs Filme auch, wie seine Frau Lebensmittelmarken sortierte; Fleisch, Butter, Milch waren längst rationiert. Sein Sohn Hans-Walter brachte Hinweisschilder für Schutzkeller an. Gemeinsam probten Vater und Sohn den Notfall und setzten sich Gasmasken auf.

Marion Burscher
ZDF/ AKH

Marion Burscher

Ähnlich schleichend veränderte sich der Alltag der Burschers aus Berlin. Viele Filmszenen des Familienvaters Hans Burscher könnten auch im banalen YouTube-Zeitalter entstanden sein: Großaufnahme des strahlenden Gesichts der hübschen Tochter Marion, die mit ihrer Katze schmust. Das Familienoberhaupt lässig rauchend im roten Sessel. Seine Frau beim Frisieren vor dem Spiegel.

Die Kuscheltiere brennen

Die Kamera lief aber ebenso, als Sohn Hans in Uniform des Reichsarbeitsdienstes ins elterliche Haus kam und zackig salutierte, das Kinn hochgereckt. Und dann begann, immer noch in Uniform, mit seiner Mutter lächelnd Walzer zu tanzen. Privates und Politik vermischten sich. Fast überfallartig tauchen in dieser Szene die Insignien des NS-Regimes im sonst scheinbar unpolitischen Alltag einer bürgerlichen Durchschnittsfamilie auf.

Schon von der frühen Kindheit an wollten die Nationalsozialisten das Private kontrollieren. Die Diktatur war zwar nicht sofort überall präsent, aber irgendwann derart alltäglich, dass viele Bürger die Rituale des NS-Staates gar nicht mehr hinterfragten. Das belegt auch eine Sequenz einer anderen, namentlich unbekannten Familie: Bei einem Ausflug an der Ostsee zeigten alle so gut gelaunt wie freiwillig den Hitlergruß - vom Vater bis zum Kindergartenkind.

Manche Privataufnahmen lassen hingegen harte Brüche vermuten. Götz Hirt-Reger aus Leipzig etwa begann mit 16 zu filmen. Eine seiner ersten Szenen ist verstörend: Der Teenager richtet seine Kuscheltiere hin, lässt sie an einem Galgen baumelnd langsam verbrennen. Zeigt das die wachsende Verrohung, den übergangslosen Sprung vom Kind zum Soldaten? Oder hielt Hirt-Reger nur einen pubertären Feuerstreich fest?

Gewalt und Tod sollten ihn jedenfalls lange begleiten. Bald filmte Hirt-Reger keine verkokelten Stofftieren mehr, sondern ausgebrannte Häuserruinen in Warschau. 1941 nahm er am Überfall auf die Sowjetunion teil, die Kamera stets dabei. Am Ende machte er sein Hobby zum Beruf und filmte als Propagandist für die NS-Wochenschau.

Mit zunehmender Kriegsdauer verschwand die echte oder gespielte Leichtigkeit aus solchen Privatfilmen. Statt des brandneuen Kühlschranks mit Eisfach - 1939 noch der pure Luxus - kamen nun Aufnahmen von ausgemergelten Kriegsgefangenen in einem "Russenlager" bei Dresden ins Archiv eines Hobbyfilmers.

Anfangs wirkte der Krieg in der Heimat noch wie ein Kinderspiel: Stabbrandbomben wurden bei Übungen einfach und sekundenschnell per Löscheimer mit Handpumpe gebändigt. Solche propagandistischen Aufnahmen sollten die Bevölkerung beruhigen. Mit der Realität des mörderischen Luftkriegs ab 1942 hatten sie nichts gemein. Unter Lebensgefahr filmten die Deutschen nun ihre lichterloh brennenden Städte und riesige Bombentrichter vor der eigenen Haustür. Sie riskierten dabei Ärger mit dem NS-Regime, das keine demoralisierenden Aufnahmen wollte.

ZDF; History Media

Der Düsseldorfer Hobbyfilmer Jupp Jäger hatte jedoch gute Beziehungen in die NSDAP. So durfte er die Verwüstungen in der Düsseldorfer Innenstadt nach dem verheerenden Angriff vom 12. Juni 1943 festhalten: Trümmerfelder, geborgene Leichen, Löscharbeiten.

Sein Film zeigt auch Bürger im Luftschutzraum - sie lächeln. Vielleicht war der Krieg für sie schon Alltag. Vielleicht taten sie es aber einfach so reflexartig, wie Menschen heute lächeln, sobald jemand ein Handy zückt.

Massenerschießungen in Lettland

Trotz aller Kontrollen machten Privatfilmer sogar Aufnahmen von deutschen Kriegsverbrechen. So wurde der Marinesoldat Reinhard Wiener im besetzten Lettland Zeuge der Massenerschießungen von Juden durch eine SS-Einheit. Diese Szene ist schon länger bekannt und wurde erstmals im Eichmann-Prozess verwendet; nun hat sie das ZDF digital restauriert.

Für Käthe und Erich Höse, das Paar im Faltboot auf der Oder, endeten ihre Flitterwochen am 31. August 1939 in Stettin. Nur einen Tag später überfielen die Deutschen Polen und entfesselten den Zweiten Weltkrieg.

Neun Monate nach ihrer Traumreise bekamen die Höses Nachwuchs: Christian, ein Kriegskind, war in einem der letzten unbeschwerten Momente des Sommers 1939 entstanden. Das Kind hatte Glück - Christian Höse überlebte den Krieg und ist erst vor zwei Jahren gestorben.


Sendehinweis: "Wir im Krieg. Privatfilme aus der NS-Zeit". Dienstag, 6. 8. 2019, 20.15 Uhr im ZDF.

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Jochen Gaedcke, 05.08.2019
1. Empathie
Diese Banalität, wie Monstrosität ganz ohne Monster aus der Mitte von scheinbar ahnungsloser Rechtschaffenheit erwächst, löst in mir angesichts solcher Bilder immer wieder Beklemmung aus und nährt mein Misstrauen allen gegenüber, die sich ihrer eigen moralischen Integrität so unbeirrbar sicher sind.
erwin fortelka, 05.08.2019
2. Ja, es war der letzte schöne Sommer 1939,
....und dann entfesselte Hitler seinen Krieg, und es war sein Krieg, nachdem er die Wehrmachtsführung auf sich eingeschworen hatte. Die Oberbefehlshaber der Wehrmacht wurden seine willigen Vollstrecker. Interessant, wozu Fotografen (vielleicht auch heimlich) Zugang hatten. Der Teil in diesem interessanten Artikels, der von der Erschießung von Juden durch die SS in Lettland handelt, bedarf, so finde ich, allerdings einer Ergänzung: Solche Kriegsverbrechen haben eben nicht allein SS-Verbände und SD-Einsatzgruppen zu verantworten, auch die Wehrmacht und einige ihrer Befehlshaber waren tief in solche Kriegsverbrechen verstrickt. Von 1941 bis 1943 arbeiteten Oberkommando und Einheiten der 6. Armee mit SS und Einsatzgruppen des SD beim Massenmord an Juden und bei der Aushungerung der russischen Bevölkerung eng zusammen. Wir wissen das heute (wer es wissen will) nachdem alle Akten deutscher Kampfverbände an der Ostfront ausgewertet sind. Spätestens seitdem ist der Mythos von der sauberen Deutschen Wehrmacht dahin. Zu dem gesamten furchtbaren Kapitel gibt es ebenfalls genügend Bildmaterial, und das ist gut so. Auch dieser Artikel zeigt wieder: Es gibt noch viel zu berichten und aufzuarbeiten. Erwin Fortelka (Klarname)
erwin fortelka, 05.08.2019
3. Ja, es war der letzte schöne Sommer 1939,
....und dann entfesselte Hitler seinen Krieg, und es war sein Krieg, nachdem er die Wehrmachtsführung auf sich eingeschworen hatte. Die Oberbefehlshaber der Wehrmacht wurden seine willigen Vollstrecker. Interessant, wozu Fotografen (vielleicht auch heimlich) Zugang hatten. Der Teil in diesem interessanten Artikels, der von der Erschießung von Juden durch die SS in Lettland handelt, bedarf, so finde ich, allerdings einer Ergänzung: Solche Kriegsverbrechen haben eben nicht allein SS-Verbände und SD-Einsatzgruppen zu verantworten, auch die Wehrmacht und einige ihrer Befehlshaber waren tief in solche Kriegsverbrechen verstrickt. Von 1941 bis 1943 arbeiteten Oberkommando und Einheiten der 6. Armee mit SS und Einsatzgruppen des SD beim Massenmord an Juden und bei der Aushungerung der russischen Bevölkerung eng zusammen. Wir wissen das heute (wer es wissen will) nachdem alle Akten deutscher Kampfverbände an der Ostfront ausgewertet sind. Spätestens seitdem ist der Mythos von der sauberen Deutschen Wehrmacht dahin. Zu dem gesamten furchtbaren Kapitel gibt es ebenfalls genügend Bildmaterial, und das ist gut so. Auch dieser Artikel zeigt wieder: Es gibt noch viel zu berichten und aufzuarbeiten. Erwin Fortelka (Klarname)
Thomas Keferstein , 08.08.2019
4. Ob sie jetzt den Krieg ignorierten
sei mal dahingestellt. Es stand ja schließlich nicht jeden tag in der Zeitung im August 39, dass die Wehrmacht in paar tagen polen überfällt. Ein Jahr vorher während der Tschechoslowakeikrise 1938 hat man wohl mehr damit gerechnet, dass es Krieg gibt. Man dachte wohl, dass dieses "Problem" mit Polen sich genau so lösen wird wie ein Jahr zuvor mit der Tschechoslowakei. Außerdem gab durchaus Gegenden im Deutschen Reich, da hat man bis Kriegsende fast nichts von Krieg gemerkt. Mein Vater ist Sudetendeutscher und erzählte mir, dass das erste was er vom zweiten Weltkrieg gesehen hat, im Mai 45 amerikanische Panzer auf dem Dorfplatz waren. Er war damals 16 Jahre alt.
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