US-Soldat spürt Kinder von Weltkriegsfoto auf »Der schönste Moment in dieser Hölle«

Er hätte sie fast erschossen – dann gab es Schokolade und ein Foto: Einem US-Soldaten liefen 1944 drei italienische Kinder vors Gewehr. Er musste jahrzehntelang an sie denken, jetzt hat der 96-Jährige sie wiedergefunden.
Ein Weihnachtsmärchen wird wahr: 1944 ließ US-Soldat Martin Adler sich mit diesen drei Kindern ablichten. Nun hat er sie endlich aufgespürt. Es sind die italienischen Geschwister Bruno, Mafalda und Giuliana Naldi (v.l.n.r.). Sie sind mittlerweile 83, 79 und 82 Jahre alt und leben in Castel San Pietro Terme, einer Gemeinde südöstlich von Bologna.

Ein Weihnachtsmärchen wird wahr: 1944 ließ US-Soldat Martin Adler sich mit diesen drei Kindern ablichten. Nun hat er sie endlich aufgespürt. Es sind die italienischen Geschwister Bruno, Mafalda und Giuliana Naldi (v.l.n.r.). Sie sind mittlerweile 83, 79 und 82 Jahre alt und leben in Castel San Pietro Terme, einer Gemeinde südöstlich von Bologna.

Foto: Matteo Incerti / AFP

Frühherbst 1944: Ein US-Soldat namens Martin Adler betritt mit seinem Kameraden John Bronsky ein Haus in dem kleinen Dorf Monterenzio südlich von Bologna. Auf der Suche nach flüchtigen Wehrmachtssoldaten entdeckt er einen großen Weidenkorb, aus dem merkwürdige Geräusche dringen. Adler befürchtet einen deutschen Hinterhalt.

Der junge GI, Mitglied des 339. Infanterieregiments, zielt schon mit dem Maschinengewehr auf den Korb, als eine Frau ihm vor die Mündung läuft. »Bambini, bambini«, schreit sie verzweifelt, »Kinder, Kinder«. Adler nähert sich dem Korb, als sich dessen Deckel lupft – und drei Kinder heraussteigen, zwei Mädchen und ein Junge.

Die beiden GI's brechen in Gelächter aus, bieten den Kindern Schokolade an und bitten die Mutter um Erlaubnis, die Kinder zu fotografieren.

Soldat Adler, damals gerade 20 Jahre alt, lacht erleichtert in die Kamera. Die drei Kinder, von der Mutter eilig in ihre schönsten Sonntagsgewänder gestopft, schauen ein wenig skeptisch drein. Der Schreck wird ihnen noch tüchtig in den Gliedern gesteckt haben.

So entstand im September oder Oktober 1944 ein Foto, das den US-Soldaten Martin Adler nicht mehr losließ, 76 Jahre lang. Weil es einen Augenblick des Glücks repräsentierte. Einen klitzekleinen Fitzel Menschlichkeit inmitten der Kriegsgräuel um ihn herum. »Es war der schönste Moment in dieser Hölle namens Krieg«, sagte Adler der italienischen Nachrichtenagentur Ansa.

Tochter postet Foto von 1944, um Vater aufzuheitern

Mehr als ein Dreivierteljahrhundert nach Ende des Zweiten Weltkriegs ist nun ein Traum für Martin Adler wahr geworden: Endlich kennt der Sohn ungarischer Juden die Kinder, die auf dem Foto von 1944 abgebildet sind: Es handelt sich um die Geschwister Bruno, Mafalda und Giuliana Naldi.

Auf der Suche nach den drei Kindern: Der italienische Journalist und Autor Matteo Incerti (Mitte) half dem US-Veteranen Martin Adler, die drei kleinen Italiener vom Foto wiederzufinden. Hier posiert Incerti mit den Naldi-Geschwistern Bruno, Mafalda und Giuliana.

Auf der Suche nach den drei Kindern: Der italienische Journalist und Autor Matteo Incerti (Mitte) half dem US-Veteranen Martin Adler, die drei kleinen Italiener vom Foto wiederzufinden. Hier posiert Incerti mit den Naldi-Geschwistern Bruno, Mafalda und Giuliana.

Foto: Matteo Incerti / AFP

Die drei »Bambini« von einst sind mittlerweile 83, 79 und 82 Jahre alt und leben in Castel San Pietro Terme, einer Gemeinde südöstlich von Bologna – gerade einmal 30 Kilometer von Monterenzio entfernt, wo sie dem US-Soldaten 1944 vor die Flinte geraten waren. Aufgespürt wurden die Kinder dank der Initiative von Adlers Tochter, Rachel Adler Donley.

»Ich wollte ihn ein wenig aufheitern«, sagte Adler Donley der »New York Times« . Das Corona-Jahr sei sehr hart für ihren Vater gewesen, der mit seiner Frau Elaine, 89, in einer Senioreneinrichtung in Florida lebt. Also postete Adler Donley das Weltkriegsfoto auf diversen Plattformen. Dort entdeckte es der italienische Journalist und Autor Matteo Incerti.

»Es wäre ein Weihnachtsmärchen«

Incerti recherchierte, holte lokale Journalisten mit ins Boot, die italienische Nachrichtensendung TG1 strahlte einen Appell aus. »Es wäre ein Weihnachtsmärchen, die Kinder von einst wiederzufinden«, wird Martin Adler in einem Artikel der italienischen Tageszeitung »La Repubblicca«  zitiert.

Es war Bruno Naldi, der sich als Erster auf dem Foto wiedererkannte. Er erinnerte sich laut Nachrichtenagentur Ansa an US-Soldaten, die ihn und seine Geschwister auf den Arm nahmen und ihnen Süßigkeiten gaben. Bruno sprach mit einem Freund, dessen Betreuer sich an Incerti wandte. Der wiederum mit Adler in Verbindung trat, um ihm die frohe Botschaft zu übermitteln.

Doch nicht nur das »Weihnachtsmärchen« wurde wahr. Die vier Senioren trafen sich sogar wieder – wenn auch nur virtuell: Am 15. Dezember 2020 begegneten sich Martin Adler und die Geschwister Naldi in einer Videokonferenz. Adler in seinem Seniorenheim in Florida, die drei Naldis in ihrer italienischen Heimat.

Ein wenig hilflos und sehr bewegt hantierten die Geschwister im Park mit ihren Smartphones herum, wie ein im Netz kursierendes Video zeigt . Adlers erste Worte waren laut Ansa, sobald die Verbindung stand, die gleichen wie 1944: »Ciao bambini. Vuoi cioccolata?« – »Hallo Kinder, willst du Schokolade?«

Trotz ihres hohen Alters erfreuen sich die drei Naldi-Geschwister, ebenso wie Ex-GI Adler, guter Gesundheit. Ihre Retterin von einst, Mamma Rosa jedoch, ist nicht mehr am Leben. Die Frau, die sich vor 76 Jahren mit den Worten »Bambini, bambini« vor das Gewehr Adlers geworfen hatte, verstarb im Jahr 2000.

Sie sei »die wahre Heldin der Geschichte«, sagt Adler der »New York Times«. »Sie wagte sich vor die Waffe, ich nicht. Ich habe sie nur gehalten«, so Adler, der im November 1944 verletzt worden und in ein Krankenhaus eingeliefert worden war. Im Frühjahr 1945 hatte er sich an der Befreiung Italiens von der NS-Besatzung beteiligt, danach war er in seine Heimat zurückgekehrt.

Wenn die Pandemie vorbei ist, plant der 96-jährige Amerikaner, nach Italien zu fliegen und die drei Naldi-Geschwister in Italien zu besuchen. Um sie diesmal ohne umständliche Videokonferenz zu umarmen. So richtig, in echt.

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