Heimliche Liebschaft im Krieg "Flieht! Ihr seid verloren!"

Ein französischer Kriegsgefangener rettete 1945 einer Deutschen das Leben. Vielleicht ahnte sie da schon, dass sie von ihm schwanger war - die Geschichte einer verschwiegenen Liebe und der langen Suche nach der Wahrheit.

Anja Fischer

Anja Fischer und ihr Mann haben ihr Familienhaus auf belastetem Gelände in Schwerin-Gartenstadt gebaut. Erst betrieben die Nazis hier eine Kaserne, dann die NVA, später die Bundeswehr. Ihr Nachbar hat in seinem Garten mal eine Granate gefunden, Fischer ölige Lappen und Metallgegenstände, wohl von einer alten Panzerwerkstatt. So wie sie im Vorgarten historische Relikte ans Licht fördert, so hat sich die Schweriner Pastorin durch ihre Familiengeschichte gegraben - und ein Geheimnis gelüftet, von dem sie hier erzählt.

Irgendetwas ist mit mir anders, dieses Gefühl hatte meine Mutter Ellen immer. Sie fühlte sich anders als ihre drei Geschwister und empfand eine seltsame Distanz zu ihrem Vater Franz, einem bodenständigen ostpreußischen Bauern.

Und dann gab es noch diese Gerüchte. An einem feucht-fröhlichen Abend rief ein Onkel einmal: "Dass du aus einem anderen Stall bist, ist doch klar!" War der nur betrunken? Oder steckte mehr dahinter?

"Ihr habt keinen Vater mehr!"

Fragen warf auch ein heftiger Streit auf, nachdem mein Großvater Franz 1948 aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückkehrte. Türen knallten, meine Großmutter Emma sagte damals ihren Kindern: "So, ihr müsst jetzt betteln gehen, ihr habt keinen Vater mehr!" Doch nach einigen Tagen kehrte Franz zu Emma zurück - und meine Großeltern redeten nicht mehr über den Vorfall.

Heute kenne ich den Grund des Streits, nach Jahren der Recherche: Meine Mutter hatte einen anderen Vater als ihre Geschwister. Einen französischen Kriegsgefangenen. Damit bin ich Enkelin eines Franzosen. Für mich gibt es keinen Zweifel. So passt etwa der einzige Fronturlaub meines Großvaters um Monate nicht zusammen mit dem Geburtsdatum meiner Mutter im Juli 1945.

Meine Großmutter Emma hat dieses Geheimnis mit ins Grab genommen. Sie hat aber zu Lebzeiten immer von zwei französischen Kriegsgefangenen geredet, die ihr im Frühjahr 1945 bei der Flucht aus Ostpreußen das Leben retteten.

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Mein Großvater war zu dieser Zeit schon seit Jahren im Krieg. Die beiden Franzosen halfen meiner Großmutter seit etwa 1942 auf ihrem Bauernhof im Dorf Groß Klingbeck, Kreis Heiligenbeil in Ostpreußen. Ohne sie hätte der Hof, Existenzgrundlage für die Familie, nicht bewirtschaftet werden können.

Einer der Franzosen hieß Paul, ein Bauer aus der Bretagne. Von ihm hat meine Großmutter fast nur berichtet, dass er gut arbeiten konnte. Auffällig viel sprach sie dagegen von dem zweiten Franzosen, den alle nur "Salomon" nannten, weil die Deutschen seinen komplizierten Vornamen nicht aussprechen konnten.

Teure Geschenke aus Frankreich

Von Salomon hat meine Oma richtig geschwärmt. Höflich und zurückhaltend sei er gewesen, aber auch sehr lustig und fröhlich, intelligent und kultiviert. Er sprach mehrere Sprachen, war belesen und sagte, er wolle Lehrer werden. Meiner Tante, 1944 sechs Jahre alt, half er, Lesen und Schreiben zu lernen. Sie erinnert sich auch an Briefe und Pakete aus Frankreich. Eine Flasche Parfüm war dabei und eine wunderschöne, weiße Bluse aus zauberhaften Stoff, die meine Großmutter wie ihren Augapfel hütete.

Auch nach dem Krieg gab es noch eine feine, fünfeckige Holzdose, in die Salomons Adresse eingraviert war. Meine Großmutter erzählte, dass sie Salomon nach dem Krieg geschrieben habe, aber nie eine Antwort bekam. Diese Briefe, so viel weiß ich heute, wurden auch später von den französischen Angehörigen nie gefunden. Vielleicht hat sie Salomons Ehefrau abgefangen und vernichtet, denn er hatte schon 1939 geheiratet und mit seiner Frau später drei Kinder.

Emma (rechts), 1944 in Ostpreußen
Anja Fischer

Emma (rechts), 1944 in Ostpreußen

Meine Großmutter war immer, wenn sie von ihm sprach, traurig und verbittert. Sie vermutete wohl, dass Salomon den Krieg nicht überlebt hatte oder keinen Kontakt wünschte. Irgendwann schloss sie radikal mit der Sache ab. Sie vernichtete die schöne Holzdose und alle Fotos von Salomon. So hat es meine Tante erzählt, als sie 1995 das jahrzehntelange Schweigen nach dem Tod meiner Großmutter brach. Monatelang hat sie damals mit sich gerungen, die Wahrheit zu sagen.

Für meine Mutter war das natürlich anfangs ein Schock, aber auch eine Erklärung für ihre dunklen Ahnungen. Sie erfuhr, dass ihr leiblicher Vater und ihre Mutter sich im Januar 1945 aus den Augen verloren. Vielleicht ahnte meine Großmutter damals schon, dass sie schwanger war. Vielleicht hat sie es ihm sogar gesagt.

Die Russen kommen: "Flieht!"

Die Umstände der Flucht jedenfalls waren dramatisch. Paul und Salomon hatten ausländische Radiosender abgehört und waren über den Kriegsverlauf informiert. "Flieht! Ihr seid verloren!", sagten sie meiner Großmutter immer wieder. Es war bei Todesstrafe verboten, das Dorf zu verlassen. Dennoch hat meine Familie mit den Franzosen nachts die Flucht gewagt. Nach wenigen Kilometern wurden sie gestoppt und mussten umkehren. Sie hatten Glück, dass sie nicht wie andere, die auch die Flucht gewagt hatten, erschossen und zur Abschreckung an den Bäumen aufgehängt wurden.

Erst als es für eine geordnete Flucht zu spät war, durften sie sich auf den Weg machen. Doch Ende Januar 1945 war das Gebiet um Königsberg schon von den Russen eingekreist. Es blieb nur der Weg über das zugefrorene Frische Haff zur Ostsee. Salomon und Paul führten den Pferdewagen über das rissige Eis. Die Flüchtlinge wurden von Flugzeugen aus beschossen. Meine Familie erlebte, wie Pferdewagen neben ihnen versanken, Menschen und Tiere ertranken; den Wegesrand säumten viele Erfrorene.

Die Franzosen legten für den Leiterwagen meiner Familie Holzbohlen über die Risse im Eis. Es war eine sehr gefährliche Reise und ein Wunder, dass sie überlebten. Als sie endlich die Landzunge mit den rettenden Schiffen erreichten, musste meine Familie tagelang warten, weil es kein Weiterkommen gab. Paul versuchte, die Pferde zu versorgen, und ging auf das Eis zu einem Wasserloch. In diesem Moment traf ihn ein Granatsplitter von einem russischen Flugzeug und verletzte ihn schwer an Arm und Kopf.

Die französischen Lebensretter

Meine Großmutter und Salomon begleiteten ihn zu einem Krankenhaus, doch dort wollte ihn niemand aufnehmen, weil er kein Deutscher war. Meine Großmutter machte einen Heidenaufstand und sagte, sie gehe erst wieder, wenn Paul, der ihr Leben gerettet habe, versorgt werde. So durfte er am Ende doch behandelt werden, und Salomon blieb bei ihm. Hier trennten sich die Wege von Emma und Salomon.

Meine Mutter wollte später gern mehr über sein Schicksal erfahren. Doch wir kannten nur seinen Nachnamen, Salomon, und wussten, dass er aus den Savoyen kam. So habe ich mich vor acht Jahren auf die Suche gemacht. Ich habe alle Erinnerungen aus der Familie gesammelt und offizielle Stellen in Deutschland angefragt. Aber dort gab es keine Hinweise. Schließlich habe ich eine Webseite gefunden, auf der ehemalige französische Kriegsgefangene ihre Bauern suchen, und eine andere, die sich mit dem Lager Stalag I A beschäftigt, in dem Salomon gewesen sein muss.

Auf der offiziellen Liste der französischen Kriegsgefangenen gab es 85 Salomons, die aber alle keine für Deutsche unaussprechliche Vornamen hatten. Über Umwege stieß ich auf einen Verein von Veteranen aus dem Stalag I A. Sie haben in einer Liste nachgeschaut, die die Russen nach Auflösung dieses Lagers nach Paris geschickt hatten: Nur ein einziger Salomon darauf war in einem Kommando im Gebiet um Ludwigsort eingeteilt, zu dem das Dorf meiner Großeltern gehörte. Dieser Name fehlt in der offiziellen Liste der Kriegsgefangenen, da diese unvollständig ist.

Von Salomon ließen sich Geburtsdatum und -ort ermitteln. Ich versuchte, Angehörige über den Bürgermeister zu finden, erfolglos. Schließlich stieß ich auf den Verein "Coeurs sans Frontières" ("Herzen ohne Grenzen"), der in solchen Fälle sensibel recherchiert. So bekam ich den Kontakt zu Guy: ein Sohn meines französischen Großvaters - und mein neuer Onkel.

Das beste Geschenk

Im Juli 2015 konnte ich meiner Mutter daher zu ihrem 70. Geburtstag ein ganz besonderes Geschenk machen. Ich rief sie morgens an und sagte: "Ich habe den Namen deines Vaters gefunden!" Leider kann ich diesen Namen hier nicht nennen und möchte auch keine Fotos von ihm zeigen. Denn eine Tochter von Salomon, Guys Schwester, mag die ganze Geschichte nicht glauben. Sie ist felsenfest davon überzeugt, dass ihr Großvater nie fremdging - auch nicht im Krieg.

Meine Mutter jedenfalls war überglücklich, besonders als sie erfuhr, dass ihr leiblicher Vater den Krieg überlebt hatte und danach als Buchhändler arbeitete. Denn als Kind gab es für sie nie ein kostbareres Geschenk als ein Buch.

Aus dem, was ich heute weiß, stelle ich mir vor, dass das Verhältnis von Emma zu Salomon zwei Jahre lang ein freundschaftliches, respektvolles war. Niemand aber mag sich vorstellen, was die Todesangst und Verzweiflung in den letzten Kriegsmonaten mit den Gefühlen der Menschen machen. Wenn die bisherige Ordnung und alle gelebten Werte vernichtet zu werden drohen, dann finden Menschen vielleicht ganz anders zueinander als im normalen Leben.

Anja Fischer und ihre Familie haben sich inzwischen mit Angehörigen der Familie Salomon in Frankreich getroffen. Fischer versucht auch anderen "Franzosenkindern" bei der Suche zu helfen und engagiert sich dafür bei " Coeurs sans Frontières".

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Protokoll: Christoph Gunkel

insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
Hans E. Latzke, 14.01.2019
1. Sex im Angesicht des Todes
… scheint ziemlich normal zu sein. Aus den Luftschutzkellern unterm Bombenhagel sind viele solche Berichte überliefert. Und auch im Führerhauptquartier soll es in den letzten Tagen ja heiß hergegangen sein. Das aber "Fremdgehen" zu nennen, halte ich für sehr unsensibel moralisch. Aber es entspricht dem Tabu, und das hat eben auch verhindert, dass viele Menschen (1945, 1946 geboren) ihre wahren Eltern kannten. Und immer mit dem Zweifel leben mussten. Andererseits können wohl auch nur die Enkel diese Büchse öffnen. Meist aber, wenn ihre Eltern tot sind und sie nichts mehr erfahren können. Die Autorin weiß ja auch nichts, sondern kann nur mit guten Gründen vermuten. Man muss sich aber auch eingestehen, dass es hierbei auch um Ami-Kinder, Engländer-Kinder und in großem Umfang um Russen-Kinder geht. Aber was soll's: die haben Deutschland auch wieder aufgebaut.
Rainer Duffner, 14.01.2019
2. Schöner Bericht
Auch ohne Namen und Foto sehr berührend. Man muss nicht alles ans Tageslicht zerren, weniger ist manchmal mehr.
Mario Römer, 15.01.2019
3. Gewissheit wäre leicht möglich, wenn man sie wollte, nämlich
wenn Frau Fischer und ihr netter neuer Onkel Guy einen DNA-Test machen würden. Das Fremdgehen einer Bauersfrau unter identischen Umständen kann auch ganz andere Folgen haben. Meine eigene Familie profitiert noch heute davon, denn so kamen wir in den Besitz eines alteingesessenen Bauernhofes mit 20ha Acker, ein paar Hektar Wald und einem großen Hofgrundstück mit Wohn- und Wirtschaftsgebäuden. Hier die Kurzform: Bauer im Krieg, französische Gefangene machen die Arbeit, es gibt eine Ehefrau und einen 1939 geb. gemeinsamen Sohn, Bauer in Gefangenschaft, in den ersten Augusttagen 1945 wird ein Mädchen geboren, dessen Vater nicht der Bauer sein kann. Bauer kehrt aus Gefangenschaft 1947 oder 48 zurück, stellt den Zustand fest, verjagt die Ehefrau samt Kind des Franzosen. Bauer braucht neue Frau auf dem Hof. Diese Frau wird meine Oma, deren Flucht vor der Sowjetarmee sie 1945 mit 2 Kindern und ihren Eltern in diesem Dorf stranden ließ. Ihr eigener Mann, mein Opa, war vermisst und starb nach 15 Monaten in sowjetischer Kriegsgefangenschaft wenige Monate vor Kriegsende. (DRK-Recherche 2016) Hätte er überlebt, wäre das Chaos perfekt gewesen. Der Bauer und meine Oma heirateten nicht. Das Erbrecht der DDR erlaubte trotzdem eine komplette Enterbung der Exfrau des Bauern und seines eigenen Sohnes. Meine Oma beerbte den Bauern 1990 und dann mein Vater meine Oma. Meine Eltern wohnen heute dort und genießen es. Ich habe keine Ahnung, was der mit mir gleichaltrige Sohn des damals 6jährigen Jungen heute darüber denkt, daß wir auf seinem Familienerbe sitzen. Das "Kind der Schande" wohnt im Nachbardorf. Was sie denkt, weiß ich auch nicht. Und der französische Freund der Bauersfrau? Wie gesagt, wir haben materiellen Nutzen von seiner Liebschaft....
Uwe Schulz, 16.01.2019
4. Sex im Angesicht des Todes?
Diese Sicht auf den Kontakt von Menschen, die jahrelang zusammengelebt und -gearbeitet haben, ist offensichtlich der geltenden "Sexualmoral" geschuldet. Dass der Wunsch nach Nähe nur unter diesen Bedingungen erfüllt werden konnte, muss vielleicht zusammen mit den Umständen, die überhaupt zum Zusammentreffen der beschriebenen Menschen geführt haben, gesehen werden. Ohne gesellschaftliche Scheuklappen kann das Verhalten der beiden nur als menschlich beurteilt werden.
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