Enrico Ippolito

Wie können wir trauern? Solidarität in Zeiten der Pandemie

Enrico Ippolito
Ein Essay von Enrico Ippolito
Ein Essay von Enrico Ippolito
Die Zahl der an Corona verstorbenen Menschen ist erschütternd. Damit sie nicht Symbolik bleibt, sollten wir mehr über Solidarität sprechen.
Foto: PeterPencil / Getty Images

Während Menschen weiterhin an Corona sterben, die Zahlen der an Sars-CoV-2 Infizierten steigt, wächst auch weiter die Angst – vor einem erneuten Lockdown, davor, noch immer nicht zur »Normalität« zurückkehren zu können, vor einem schon wieder zerstörten Weihnachtsfest. Und mit der Angst paart sich oft Wut, auf die Menschen, die sich nicht impfen lassen, sich nicht an die Regeln halten.

Mehr als 100.000 Menschen erlagen mittlerweile in Deutschland dem Virus. Eine Zahl, die bedrückt, weil es so viele Menschen sind, wie in einer Großstadt wohnen. Gütersloh zum Beispiel oder Cottbus oder Kaiserslautern.

Die Pandemie ruft Affekte hervor , aber tritt man einen Schritt zurück, stellen sich sofort moralphilosophische Erwägungen wie: Wenn eine Person, die sich nicht hat impfen lassen, stirbt, muss ich dann trauern? Oder kann es mir egal sein? Wie trauern um all die toten Menschen jenseits von Symbolik? Macht erst eine ungreifbare Zahl an Toten das Leben der Menschen zu etwas Größerem?

Solidarität in Zeiten der Pandemie

Die Philosophie kann nur begrenzt Antworten geben auf diese Fragen, sie wirft meistens noch weitere auf, dazu ist sie da. Aber es gibt einen viel diskutierten Begriff, der in diesem Zusammenhang aufschlussreich sein könnte: Solidarität. Wobei, und da fangen die Probleme schon an, nie genau klar zu sein scheint, wem diese Solidarität gelten soll und wem nicht. Entsteht die Forderung eines Familienvaters, sich mit ihm zu solidarisieren, nicht eigentlich aus einer »Warum denkt niemand an mein Kind«-Haltung heraus? Dann ginge es in Wahrheit eigentlich nicht um Solidarität im klassischen Sinne, sondern es wäre eine Bitte, seine Partikularinteressen zu unterstützen. Was genau also bedeutet Solidarität in Pandemiezeiten?

In der Einleitung der Anthologie »Unbedingte Solidarität« schreiben die beiden Herausgeber:innen Lea Susemichel und Jens Kastner: »Im Zuge der Corona-Pandemie erleben wir eine wahre Diskurswucherung in Sachen Solidarität. Die beklatschten Care-Arbeiter*innen haben bislang ebenso wenig konkrete Solidarität in Form von besseren Arbeitsbedingungen und Löhnen erfahren wie Länder des globalen Südens bei der Impfstoffvergabe.«

Sie plädieren für eine »radikale Solidarität« (die feministische Theoretikerin Diane Elam nennt es »unbedingte Solidarität«): Diese Art der Solidarität basiert auf Differenzen, sie »setzt voraus, dass es gerade nicht geteilte – ökonomische, kulturelle, politische – Grundlagen gibt und dass dieses Trennende überwunden werden kann«. Es handelt sich um eine Solidarität, die nicht als Tauschgeschäft verstanden wird, also nicht nach dem »Eine Hand wäscht die andere«-Prinzip funktioniert.

Kann es sein, dass die Gesellschaft – dass wir – verlernt haben, solidarisch zu sein, in dem Sinne, wie Susemichel und Kastner Solidarität beschreiben? Damit ist nicht gemeint, dass alle Fragen, die uns persönlich betreffen, keine Relevanz hätten, aber natürlich macht es einen Unterschied, ob ich mich solidarisch zeige mit den Arbeitsbedingungen der Supermarktkassierer:innen oder den Ridern, die mir das Essen nach Hause bringen – oder ob ich mich frage, wann ich denn endlich wieder so wie früher in ein Café gehen kann.

Es kann alle immer treffen.

Vielleicht hat die Pandemie zum allerersten Mal deutlich gemacht, dass alle betroffen sind, sowohl von der Gefahr einer Ansteckung als auch von den Einschränkungen. Niemand kann dem Virus entkommen. Und genau das macht den Unterschied zu anderen Krisen der Zeit aus, wie zum Beispiel dem Ertrinken der Geflüchteten auf dem Mittelmeer, der Arbeitssituation von Menschen etwa bei Amazon, der wachsenden Obdachlosigkeit, den rassistischen und antisemitischen Anschlägen von Hanau und Halle … die Liste ließe sich fast endlos weiterführen.

Wenn ich selbst nicht Teil einer Gruppe bin, nicht selbst betroffen bin, ist es leichter, ihr Problem wegzuwischen. Mit dem Beginn der Pandemie, der Lockdowns, der Impfungen funktionierte das aber nicht mehr – denn egal, wie viele Privilegien ich als Person haben mag, kann ich mich gewissen Regeln trotzdem nicht entziehen. Dieses Gefühl scheint erst mal unvertraut zu sein, weil es gegen das Versprechen der individuellen Freiheit steht. Überspitzt gesagt, es agiert gegen ein »Survival of the fittest«, gegen die Idee von: Wenn ich mich nur genug anstrenge, kann ich ein gutes Leben führen.

Sars-CoV-2 interessiert sich nicht für dieses leeren Versprechen, sondern zeigt: Es kann alle immer treffen.

Natürlich können sich Personen je nach ihrer Einkommenslage anders schützen. Sie können sich die besseren Masken kaufen, können in ihre einsamen Ferienwohnungen entfliehen, können von zu Hause arbeiten. Trotzdem kann ihnen das Virus überall auflauern – auch im Feinkostgeschäft, auf dem Flughafen oder im Taxi.

Eine Argumentation, die auf Profit ausgelegt ist, wiegt mehr als Menschenleben.

Es gab, um die Zahl der Coronatoten so niedrig wie möglich zu halten, eine vielversprechende Kampagne – ZeroCovid: Sie propagiert die Idee, eines umfassenden europaweiten Lockdowns in allen lebenswichtigen Bereichen, um die Ansteckung auf null zu reduzieren. Es soll zu einer »solidarischen Pause« kommen und, damit verbunden, die Arbeitspflicht ausgesetzt werden. Dafür bräuchte es ein umfassendes Rettungspaket.

Gegen diese Strategie wurde unter anderem mit möglichen psychischen Auswirkungen argumentiert. Doch die Hauptgründe dagegen sind rein ökonomischer Natur (genau wie das Beharren auf Impfpatenten übrigens). Das heißt, eine Argumentation, die auf Profit ausgelegt ist, wiegt mehr als Menschenleben. Und das gilt auch in der Situation, in der wir uns jetzt befinden: Solange die Krankenhäuser, die ja längst auf Ökonomie ausgelegte Betriebe sind, halbwegs stabil liefen, waren keine Einschränkungen nötig, solange genug Betten auf den Intensivstationen vorhanden waren, während in der Zwischenzeit im ganzen Land Pflegekräfte für bessere Arbeitsbedingungen streikten – und Tag für Tag Menschen, oft nach wochenlanger intensiver Pflege, starben.

Diese neoliberale Idee setzt den Schwerpunkt auf die individuelle Freiheit, aber dieses Konzept von der Freiheit des Einzelnen hat eben einen Preis. Die britische Ökonomieprofessorin Noreena Hertz benennt drei Punkte: erstens, die erweiterte Kluft zwischen Arm und Reich. Zweitens, der Machtzuwachs der Unternehmen und Firmen. Drittens, die Bedeutung des Ichs, das mehr zählt als das Wirgefühl.

Die Pandemie ist ein globales Problem, aber die Lösungen werden auf nationaler oder gar regionaler Ebene gesucht.

Dieses »Ich zuerst« setzt sich auf politischer Ebene fort: Man konkurriert um Impfstoffe und schließt die Grenzen. Die Pandemie ist ein globales Problem, aber die Lösungen werden auf nationaler oder gar regionaler Ebene gesucht – das gilt selbst für die EU-Staaten. »Es gibt zurzeit überhaupt keine zwischenstaatlichen, geschweige denn globale Lösungen. Man würde vermuten, eine weltweite Krise verlange weltweite Lösungen«, sagt der Moralphilosoph Stefan Gosepath in Zeit Campus.  Und weiter: »Der Staat schützt seine Bürger nicht gut, wenn dieser Schutz auf Kosten anderer geht.«

Wir können die Krise nur gemeinsam meistern, und zum Teil passiert das auch schon. Die Essayistin und Schriftstellerin Rebecca Solnit merkt im  »Guardian « zu Recht an: »Eines der größten Klischees über Katastrophen ist, dass sie die Zivilisation als eine dünne Schicht offenbaren, unter der sich die brutale menschliche Natur verbirgt.« Weil sich Medien, Politik und Gesellschaft auf dieses Narrativ berufen, liegt die Gefahr nahe, so alle kommunalen und globalen Ansätze der Solidarität oder gemeinsamen Hilfeleistungen zu übersehen.

Aber es gibt sie, wenn man genau hinschaut. Menschen, die sich in Großbritannien beim Gesundheitsdienst NHS anmeldeten, um Senior:innen in Selbstisolation und medizinisches Personal mit Lieferungen zu unterstützen; Geschäftsinhaber:innen in den USA, die ihre Unternehmen geschlossen haben, bevor die offizielle Anordnung kam. Projekte zur Unterstützung der Hopi, Zuni und Navajo in den Reservaten im Südwesten der USA; ein Projekt im Bundesstaat Washington zur Unterstützung von Menschen ohne Papiere. Das sind nur ein paar von vielen Beispielen, die Solnit erwähnt. Aber es gibt unendlich viele mehr. In Deutschland hat die Coronapandemie laut Umfragen dazu geführt, dass zwei Drittel der Menschen bereit sind,  sich für ihre Nachbarn zu engagieren. Vorher war es nur ein Drittel.

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Solnit, Rebecca

Pandemic Solidarity: Mutual Aid during the Covid-19 Crisis (Fireworks)

Verlag: Pluto Press
Seitenzahl: 306
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In der Sammlung »Pandemic Solidarity: Mutual Aid during the Covid-19 Crisis«, herausgegeben von Marina Sitrin und dem Colectiva Sembrar, wird eine Gegenerzählung versucht. Anstatt über leere Regale im Supermarkt und egoistische Individuen zu berichten, die sich Geheimtipps zuraunen, wie man am schnellsten an eine Boosterimpfung kommt, beschäftigen sie sich mit Gemeinschaften und Menschen weltweit, die sich beispielhaft solidarisch verhalten haben – von Menschen in Istanbul, die für Gesundheitspersonal kochen, über die Gruppe Oakland »Punks With Lunch«, die Menschen mit Lebensmitteln, Hygieneartikeln, Erste-Hilfe-Material und anderen Hilfsmitteln versorgt; eine Lehrerin, die gemeinsam mit anderen in Argentinien Essen an Schulen bringt; bis zu den Behindertenaktivist:innen in Südkorea, die eine Demo organisierten, um darauf aufmerksam zu machen, wie eine strenge Einschränkung der sozialen Kontakte bereits Marginalisierte noch mehr ausgrenzt.

All diese Beispiele zeigen: Anstatt den Wunsch nach der alten »Normalität« als Ziel zu betrachten, könnte die Pandemie die Chance sein, Veränderungen zu schaffen. Denn wenn das nicht gelingt, schreibt Solnit, wird in Zukunft »die Art und Weise, wie Nahrungsmittel, Unterkünfte, medizinische Versorgung und Bildung produziert und verteilt werden, ungerechter und verheerender sein als bisher«.

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Solidarität »ist zugleich ein Verlangen danach, alle Verhältnisse umzustürzen, die ein solidarisches Leben für alle verunmöglichen«, schreibt die Autorin und Künstlerin Bini Adamczak in dem Sammelband. Die Lehre aus der Pandemie könnte also sein, genau dieses subversive Potenzial zu nutzen – auch, damit die Trauer um die 100.000 Toten mehr als nur Symbolik bleibt.