Eine Pflegerin bereitet einen Test zur Erkennung von Affenpocken vor: »Unsere Welt wird immer anfälliger für Ausbrüche von Infektionskrankheiten«
Eine Pflegerin bereitet einen Test zur Erkennung von Affenpocken vor: »Unsere Welt wird immer anfälliger für Ausbrüche von Infektionskrankheiten«
Foto: Carlos Luján / EUROPA PRESS / picture alliance / dpa

Fragen und Antworten im Überblick Wie gefährlich sind die Affenpocken?

Höchste Alarmstufe, sagt die WHO, und die USA rufen den nationalen Notstand aus. Wie bedrohlich ist der weltweite Affenpockenausbruch? Und welche Therapien gibt es?

Was sind die Affenpocken?

Affenpocken sind eine Infektionskrankheit, die ursprünglich in erster Linie durch Viren von Tieren auf den Menschen übertragen wurde. In Afrika wurden Affenpocken bei vielen verschiedenen Tieren nachgewiesen, vor allem bei Nagetieren und mehreren Affenarten, wobei der Affe nur als Zwischenwirt diente. Auch von Mensch zu Mensch können die Viren weitergegeben werden und zwar durch engen Körperkontakt. Die Affenpocken führen zu Hautausschlag und Pusteln, vor allem im Gesicht, an Händen und Füßen, Fieber und Entzündungen in der Genital- und Analregion. Die Sterblichkeit bei der aktuell außerhalb Afrikas zirkulierenden Variante wird als gering eingeschätzt. Während des aktuellen Ausbruchs sind sechs Menschen gestorben.

1970 wurden Affenpocken in Zaire, der heutigen Demokratischen Republik Kongo, erstmals beim Menschen festgestellt – in einer Region, in der die Pocken zwei Jahre zuvor ausgerottet worden waren. Im Frühjahr 2003 wurden die ersten Fälle außerhalb Afrikas gemeldet, in den Vereinigten Staaten. Seit Mai dieses Jahres breiten sie sich auch in weiteren Ländern aus; vor allem in den USA und Westeuropa, darunter auch Deutschland.

Wie handelt die WHO?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat den Affenpocken-Ausbruch vor rund zwei Wochen zu einer »Notlage von internationaler Tragweite« erklärt – die höchste Alarmstufe, die sie ausrufen kann. Bisher wurde sie nur sechsmal ausgerufen – zuletzt im Januar 2020 wegen der rasanten Ausbreitung des damals noch neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 –, dies geschieht bei einem »ernsten, plötzlichen, ungewöhnlichen und unerwarteten« Gesundheitsproblem, das sich in andere Länder ausbreiten kann.

Bei einer Dringlichkeitssitzung zu den Affenpocken im Juni hatten die Experten dem WHO-Generalsekretär Tedros Adhanom Ghebreyesus noch davon abgeraten, die höchste Alarmstufe auszurufen. Seitdem haben sich die Infektionsfälle jedoch weiter ausgebreitet. Tedros sagte, der Affenpocken-Ausbruch konzentriere sich »auf Männer, die Sex mit Männern haben, insbesondere auf solche mit mehreren Geschlechtspartnern«. Entsprechend könne die Ausbreitung »mit den richtigen Strategien« gestoppt werden. Der WHO-Chef rief alle Länder dazu auf, Maßnahmen zu ergreifen, um den betroffenen Personenkreis zu schützen.

Was für Auswirkungen hat die WHO-Einstufung?

Praktische Folgen hat das zunächst nicht. Die Einstufung zur »Notlage von internationaler Tragweite« soll die Regierungen der Mitgliedsländer dazu bewegen, Maßnahmen zu ergreifen, um den Ausbruch einzudämmen. Sie sollen Ärzte und Kliniken sensibilisieren, bei Verdachtsfällen Schutzmaßnahmen treffen und die Bevölkerung aufklären, wie sie sich vor einer Ansteckung schützen kann. Mittlerweile haben die USA reagiert und am Donnerstag den nationalen Notstand verhängt, nachdem sich die Infektionszahlen dort auf 6600 erhöht hatten. Dadurch sollen Mittel zur Bekämpfung des Virus freigegeben werden können.

Je nach Krankheit richtet die WHO bei Bedarf Notfallausschüsse  ein, die mit jeweils anderen Fachleuten besetzt werden. Zurzeit gilt neben Covid-19 seit 2020 auch eine Notlage wegen Polio-Ausbrüchen (seit 2014). Abgeschlossene Notlagen waren der Ausbruch der Schweinegrippe H1N1 (2010), des Zika-Virus (2016) und von Ebola (2014-2016 und 2019).

Mit welchen Maßnahmen müssen die Deutschen jetzt rechnen?

Die Allgemeinbevölkerung muss sich bei Affenpocken vorerst nicht auf solche Maßnahmen wie bei der Coronapandemie einrichten. Während sich das Coronavirus durch Aerosole mit Virenpartikeln verbreitet, die Infizierte beim Atmen, Sprechen oder Husten ausstoßen, erfolgen Infektionen mit Affenpocken nach derzeitigem Wissensstand in der Regel durch enge Berührungen, etwa in Familien, und vor allem durch sexuelle Kontakte.

Wie ist der aktuelle Stand der Verbreitung?

Die WHO sieht »ein klares Risiko« einer weiteren internationalen Ausbreitung. In Deutschland wurden bislang 2887 Fälle von Affenpocken gemeldet (Stand: 5. August) . »Die Übertragungen erfolgen in diesem Ausbruch nach derzeitigen Erkenntnissen in erster Linie im Rahmen von sexuellen Aktivitäten, aktuell insbesondere bei Männern, die sexuelle Kontakte mit anderen Männern haben«, schreibt das Robert Koch-Institut (RKI). Bislang seien nur sechs weibliche Fälle in Deutschland übermittelt worden, bei allen Fällen, außer zwei Jugendlichen, handle es sich um Erwachsene.

In Europa sind neben Deutschland mit dem Hotspot Berlin noch Spanien, Großbritannien und Frankreich mit am stärksten betroffen. Sechs Menschen sind in den vergangenen sieben Tagen an den Affenpocken verstorben, davon zwei in Spanien, einer in Peru, einer in Indien, einer in Ghana und einer in Brasilien. Bei fast allen Todesopfern wurden Vorerkrankungen oder eine Immunschwäche festgestellt.

Welche Symptome können auftreten?

Die Symptome ähneln denen der Pocken. Dazu zählen Fieber, Kopf- und Muskelschmerzen, Schüttelfrost sowie geschwollene Lymphknoten. Es entwickeln sich teilweise sehr schmerzhafte Hautveränderungen in Form von Flecken und Pusteln, die mit der Zeit verkrusten und abfallen.

Der Ausschlag tritt vor allem an Gesicht, Handflächen und Fußsohlen auf. Es sind jedoch auch Haut- und Schleimhautveränderungen an Mund, Genitalien und Augen möglich. Die Hautveränderungen halten in der Regel zwischen zwei und vier Wochen an und heilen ohne Behandlung von selbst ab.

Wie wird die Krankheit genau übertragen?

Durch den Kontakt mit Blut und anderen Körperflüssigkeiten kranker Tiere können sich Menschen mit dem Virus anstecken. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist nur bei engem Kontakt möglich. Das Virus wird dabei durch Tröpfcheninfektion, Wunden, den Bläscheninhalt und Schorf auf der Haut oder Körperflüssigkeiten wie Speichel übertragen. Laut einer Studie gehen 95 Prozent der aktuellen Affenpocken-Fälle auf sexuelle Kontakte zurück. In seltenen Fällen können sich Menschen auch über Oberflächen infizieren, etwa durch gemeinsam benutzte Handtücher oder Bettwäsche.

Die in Deutschland gemeldeten Fälle betrafen fast ausschließlich Männer, die sexuelle Kontakte mit anderen Männern hatten. Nur eine Handvoll Fälle bei Frauen sind hierzulande bekannt. Schwangere, die sich mit Affenpocken angesteckt haben, können das Virus an ihr ungeborenes Kind weitergeben. Eine Ansteckung des Babys ist auch bei der Geburt möglich. In den USA wurden nach Angaben der Gesundheitsbehörde CDC mittlerweile zwei Fälle bei Kindern bestätigt. Der Fall eines Neunjährigen in den Niederlanden  sorgte für Aufregung, da trotz aller Bemühungen nicht herausgefunden werden konnte, wo er sich angesteckt hatte. Dies ist ein weiterer Hinweis darauf, dass der Affenpocken-Ausbruch außer Kontrolle geraten könnte.

Wie gefährlich sind die Affenpocken?

In der Regel halten die Symptome zwei bis vier Wochen an. Infizierte können andere anstecken, solange sie Symptome haben und die Pocken-Krusten nicht vollständig abgeheilt sind. Im Gegensatz zu den seit 1980 ausgerotteten Menschenpocken verlaufen Affenpocken in der Regel deutlich milder; die meisten Menschen erholen sich innerhalb von mehreren Wochen.

Allerdings können bei einigen Betroffenen auch schwere Verläufe auftreten. Insbesondere Neugeborene, Kinder, Schwangere, alte Menschen und Menschen mit Immunschwächen können schwer erkranken. Zu möglichen Komplikationen gehören Hautinfektionen, Lungenentzündung, Verwirrtheit, Gehirnentzündungen, Entzündungen der Hirnhäute oder eine Sepsis sowie Augeninfektionen, die zu Sehverlust führen können. Auch die Menge an Viren, denen ein Patient ausgesetzt war, spielt eine Rolle für den Krankheitsverlauf.

Gibt es eine Therapie oder Schutzimpfung?

In erster Linie werden Symptome behandelt. Ein zur Therapie von sogenannten Orthopocken entwickeltes Arzneimittel wurde kürzlich in der EU auch für Affenpocken zugelassen. Auch die allgemeine Pockenimpfung hat sich gegen die Affenpocken zu 85 Prozent als wirksam erwiesen. Allerdings wird seit Längerem nicht mehr gegen die Pocken geimpft, da die Krankheit seit über 40 Jahren ausgerottet ist.

In Deutschland wird für bestimmte Risikogruppen wie homosexuelle Männer mit häufig wechselnden Partnern eine Impfung mit dem seit 2013 in der EU ab 18 Jahren zugelassenen Pockenimpfstoff Imvanex empfohlen, der besser verträglich ist als ältere Pockenimpfstoffe. Nach RKI-Schätzungen haben etwa 130.000 Menschen in Deutschland eine Indikation für eine Impfung gegen Affenpocken. Allerdings mangelt es derzeit noch an Impfstoffdosen .

Wie reagieren Forscher und Forscherinnen auf den Ausbruch?

»Unsere Welt wird immer anfälliger für Ausbrüche von Infektionskrankheiten«, erklärte Josie Golding, Chefepidemiologin der britischen Forschungseinrichtung Wellcome Trust. Die Einstufung sollte Regierungschefs an die derzeitigen Schwächen der Weltgemeinschaft erinnern, solchen Herausforderungen zu begegnen.

»Während die Affenpocken-Fälle weiterhin zunehmen und sich in mehr Ländern ausbreiten, stehen wir jetzt einer doppelten Herausforderung gegenüber: einer endemischen Krankheit in Afrika, die seit Jahrzehnten vernachlässigt wird, und einem neuen Ausbruch, der marginalisierte Gruppen betrifft«, schrieb sie.

Die internationale Zusammenarbeit müsse verstärkt werden. Die Forschung müsse klären, warum man bei den Affenpocken neue Übertragungsmuster sehe und was man dagegen unternehmen könne. »Wir können es uns nicht leisten, darauf zu warten, dass Krankheiten eskalieren, bevor wir eingreifen.«

abl/kry/AFP/dpa
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