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Suchtkrank in der Coronakrise "Ich habe unter der Isolation und der Einsamkeit sehr gelitten"

Frank ist Arzt und Alkoholiker. Als die Coronakrise beginnt, ist er gerade ein Jahr trocken. Hier erzählt er, wie schwer es ihm fiel, im Lockdown nicht rückfällig zu werden.
Aufgezeichnet von Jörg Böckem

Frank, 53, aus Köln*, ist Arzt und Alkoholiker. Er nimmt regelmäßig an einer von Bernd Thränhardt geleiteten Selbsthilfegruppe teil.

"In dem Monat, in dem das Coronavirus die Welt um mich herum veränderte, war es gerade mal ein Jahr her, dass ich mein Leben radikal hatte ändern müssen. Im Frühjahr 2019 war ich in einer Alkohol-Entzugsklinik, seit meiner Entlassung dort besuche ich eine Selbsthilfegruppe in Köln.

Ich bin 53, seit ich 19 war, habe ich mich regelmäßig betrunken. Die Abstürze wurden immer extremer und haben sich gehäuft - zuerst einmal im Monat, dann einmal in der Woche, so ging es weiter; das klassische Muster. Je mehr und je häufiger ich trank, desto unzufriedener wurde ich, mit meinem Job, meiner Ehe, auch die Auseinandersetzungen mit meiner Frau nahmen zu. Als sie sich vor drei Jahren von mir getrennt hat, brachen alle Dämme und ich habe jeden Tag gesoffen.      

Das erste abstinente Jahr ist immer besonders schwierig, ich musste vieles ohne die Krücke Alkohol neu lernen - so banale Dinge wie einkaufen, kochen oder die Wohnung in Ordnung zu halten. Dass ich jetzt Single war, machte es nicht einfacher. Zumal ich so gut wie alle alten Beziehungen - zu den Menschen, mit denen ich getrunken hatte - beenden musste. Umso wichtiger war die Gruppe, der Kontakt zu den anderen Gruppenmitgliedern, der Austausch mit ihnen. Nach einem Meeting fühle ich mich jedes Mal gestärkt. Das ist mir spätestens dann klar geworden, als die Gruppe zu Beginn des Lockdowns zum drittem Mal hintereinander ausfiel.

Wenn man den Alkohol aufgibt, entstehen Leerstellen. Die Zeiten, in denen man vorher getrunken hat, muss man anders füllen, Situationen, Orte und Menschen, die mit dem Trinken verbunden waren, möglichst meiden. Wenn man trocken bleiben will, ist es die größte Herausforderung, sich ein neues, alkoholfreies soziales Umfeld und eine neue Tagesstruktur aufzubauen. Langeweile, Leerlauf birgt die Gefahr, wieder zu trinken. Zum Glück bin ich sehr sportbegeistert, ich spiele leidenschaftlich Golf und Tennis und betreibe Fitness-Training. Neben meiner Arbeit und der Gruppe hat mir das sehr geholfen, trocken zu bleiben.

Das alles fiel weg zu Beginn der Corona-Beschränkungen. Ich habe unter dem Leerlauf, der Isolation und der Einsamkeit sehr gelitten. Auch die Arbeit war drastisch reduziert. Ich arbeite als Internist in einer Reha-Klinik. Unsere Patientenzahlen gingen stark zurück und ich war sechs Wochen in Kurzarbeit. Meine stützende Tagesstruktur brach komplett weg. Es gab nicht mal Sportübertragungen im Fernsehen, mit denen ich mich hätte ablenken können. Viel Zeit und wenig, womit sie gefüllt werden konnte. In dieser Phase waren meine Telefonate und später auch die Spaziergänge mit Bernd meine wichtigste Stütze, andere Sozialkontakte hatte ich eigentlich nicht, meine Familie wohnt weit weg, unsere Beziehung ist nicht sehr gut. Nur meine Ex-Frau war mir eine große Hilfe, sie hat mich von Beginn an in meiner Abstinenz unterstützt und auch während des Lockdowns ermutigt, durchzuhalten. 

Ich weiß nicht, ob ich ohne Bernd durchgehalten hätte - oder was passiert wäre, wenn diese Phase noch länger gedauert hätte. Mich hat es nicht überrascht, dass es in dieser Zeit zu mehreren Rückfällen innerhalb der Gruppe kam.

Die ersten Online-Gruppentreffen waren dann auch eine spürbare Erleichterung, auch wenn sie natürlich den direkten Kontakt nicht ersetzen konnten. Ich habe dann begonnen, mich online weiterzubilden, und irgendwann hat mein Trainer auch Online-Fitness-Seminare angeboten und ich habe mein Krafttraining zu Hause machen können, das hat geholfen. Dass die Gruppen seit einigen Wochen wieder persönlich stattfinden können, wenn auch unter veränderten Bedingungen, ist ein großes Glück für mich.

Manchmal denke ich, die Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen waren nicht nur schlecht - als Süchtiger ist man oft ruhelos, hat Angst, irgendetwas zu verpassen. Manchmal war es tatsächlich beruhigend zu wissen, dass ich nichts versäume, da ja auch nichts geschieht. Mittlerweile versuche ich, das Positive in der Erfahrung der vergangenen Monate zu sehen: Ich gehe mit gestärktem Selbstbewusstsein aus der Krise hervor - ich habe diese schwierige Phase ganz gut hinbekommen, das heißt, ich bin wohl auf einem guten Weg! Ich fühle mich gefestigt, auch in Zukunft Krisen ohne Alkohol zu überstehen. Allerdings macht mir die Vorstellung Angst, dass es einen erneuten, monatelangen Lockdown geben könnte."

* Die persönlichen Angaben wurden leicht verändert, um die Anonymität zu wahren. Die wahre Identität von Frank ist der Redaktion bekannt.

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