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Markus Feldenkirchen

Corona-Infektionen Sagen Sie es bitte weiter: Fenster sollten offen sein!

Markus Feldenkirchen
Eine Kolumne von Markus Feldenkirchen
Neulich erzählte mir ein Hotelmanager stolz, was er alles getan hat, um sein Haus Corona-fest zu machen.
aus DER SPIEGEL 31/2020
Pop-up-Biergarten in Köln

Pop-up-Biergarten in Köln

Foto: -/ dpa

Er zeigte auf die Speisesäle, in denen jeder zweite Tisch frei blieb. Es gab zwei Essenszeiten, damit es nicht zu voll wurde. Er verwies auf die Boxen mit den Gummihandschuhen, Größe S und Größe XL, die vor dem Käsebüfett standen.

Er deutete auf die vielen Desinfektionsspender, auf die jedes Krankenhaus neidisch wäre. Und wer zur Toilette wollte, musste die Maske aufziehen. Dann erzählte er noch von seiner tollsten Errungenschaft: den Plastikvisieren. Alle Mitarbeiter liefen mit einer Scheibe vor dem Gesicht herum, die mit Gummibändern an den Köpfen befestigt waren.

Als ich ihn fragte, warum er das Essen nicht auf der großen Terrasse serviere, sagte er, die Sache mit dem Abstand ließe sich drinnen besser organisieren. Dann fiel mir auf, dass alle Fenster geschlossen waren, damit es den Gästen nicht zu frisch wurde. Keine Frage: Der Mann wollte alles richtig machen, er nahm das Virus ernst und hatte kräftig investiert. Blöderweise stammten die Anweisungen, die er so akribisch umsetzte, noch aus der Steinzeit, also aus dem März 2020. Inzwischen ist die Wissenschaft um einige Erkenntnisse reicher.

Viele Forscher weisen darauf hin, dass Aerosole eine Hauptrolle bei Corona-Infektionen spielen, winzige Partikel, die die Viren längere Zeit durch die Luft tragen können, insbesondere in geschlossenen Räumen ohne Frischluftzufuhr oder Lüftungsanlagen mit Spezialfiltern wie in vielen Flugzeugen.

Ich gebe zu: Beim Wort Aerosol hatte ich bis vor Kurzem eher an Luftschokolade als an Viren gedacht. Aber man kann sich ja informieren. Alle bekannten Superspreader-Events, bei denen sich auf einen Schlag viele Menschen infizierten, fanden drinnen statt: Chorproben, Après-Ski-Partys, Vortragsabende, Schweineschlachtungen. Als vor Wochen Tausende Menschen ohne Abstand gegen Rassismus demonstrierten, gab es große Befürchtungen. Weil aber draußen demonstriert wurde, infizierte sich kaum jemand.

DER SPIEGEL 31/2020

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Plastikvisiere und wunddesinfizierte Hände schützen nicht gegen Aerosole. Was sehr wohl schützt – Terrassen oder weit geöffnete Fenster und Türen. Aber es scheint, als würde diese Information nicht zu jenen durchdringen, die Konzepte daraus machen sollen. Vor einer Yogastunde, in der es bekanntlich um das Wohl von Körper und Seele geht, ließ die Lehrerin alle Fenster geschlossen, auf dass sich ja keiner verkühle. Aber sie achtete genau darauf, dass zwischen den Matten mindestens 1,50 Meter Abstand herrschte. Das war rührend, bei den vielen "Oms", die in die Luft gepustet wurden, seuchentechnisch aber Mumpitz.

Von den Behörden ist nicht zu erwarten, dass sie sich darum kümmern. Wir müssen uns selbst helfen. Sagen Sie bitte dem Gastronomen und der Yogalehrerin Ihres Vertrauens, dass Türen und Fenster offen sein sollten. Das ist ein Kampf mit dem inneren Schweinehund, ich weiß. Man will ja nicht belehrend klingen. Aber alle, die ich bislang freundlich darauf ansprach, waren wirklich dankbar. Sie hatten es einfach nicht gewusst.

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