Mangel an Masken und Kitteln in Krankenhäusern "Liefert irgendwas!"

Mangel an Atemschutzmasken und Schutzkitteln bei Ärzten und Krankenhäusern ist eines der größten Probleme in der Coronakrise. "Das ist unsere Achillesferse", sagt der Landrat im stark betroffenen Kreis Heinsberg.
Desinfektion: Mangel an Schutzmasken und Schutzanzügen ist ein Problem vieler Kliniken und Ärzte

Desinfektion: Mangel an Schutzmasken und Schutzanzügen ist ein Problem vieler Kliniken und Ärzte

Foto: Jonas Güttler/ dpa

Im Klinikum Dortmund versuchen sie, die heiße Ware wegzusperren. Sie soll nicht mehr geklaut werden. Die Krankenhausleitung hat beschlossen, Mund-Nasen-Schutzmasken in Gitterwagen einzuschließen. Die Tresormethode bringt jedoch nicht viel: "Das Material kriegt trotzdem Beine", sagt Klinikchef Rudolf Mintrop. Die Gitterwagen würden "aufgebrochen, wenn wir sie mal für eine Stunde aus den Augen lassen". Langsam werden auch in Dortmund die Masken knapp, genauso wie Desinfektionsmittel.

Das Klinikum Dortmund ist eines der größten Krankenhäuser in Nordrhein-Westfalen. Wie die meisten Kliniken bereitet es sich unter Hochdruck auf Corona-Patienten vor. Es gibt Krisenstäbe und Schulungen. Die Stimmung sei angespannt, sagt Mintrop, viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hätten Angst. Eine Frage treibt sie um: Werden wir in den kommenden Tagen und Wochen ausreichend geschützt sein? 

Wie stark die Coronakrise das Land treffen wird, hängt auch davon ab, ob das medizinische Personal in Kliniken und Arztpraxen gesund bleibt. Momentan sieht es nicht gut aus. Überall fehlt es an Material, an Atemschutzmasken und Schutzkitteln. Die Pfleger und Ärzte könnten sich bei der Arbeit anstecken und fielen dann im Kampf gegen das Virus aus. Es ist ein erbitterter Wettstreit ausgebrochen: Masken, die chinesische Firmen bis vor wenigen Wochen für nur drei Cent pro Stück produzierten, werden inzwischen gehandelt wie Goldbarren.

DER SPIEGEL 13/2020
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Der Kampf hat begonnen

Wie gut Deutschlands Kliniken für den Corona-Ansturm gerüstet sind

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Eine Million Masken bestellt

Der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) erklärte vor einer Woche stolz, dass er eine Million Atemschutzmasken für die Krankenhäuser bestellt habe. Doch gerade einmal 20.000 Masken haben in dieser Woche sein Ministerium erreicht. Woher sie kamen? Das wird nicht mitgeteilt. Welche Krankenhäuser die Masken bekamen? Das sagt das Ministerium auch nicht. Nur so viel: Ein "Verteilmechanismus" werde gerade erarbeitet. Die Lage auf dem Maskenmarkt ist undurchsichtig.  

Ein Anruf bei Stephan Pusch. Der CDU-Politiker ist Landrat im Kreis Heinsberg und hat gerade eine Sitzung seines Krisenstabs hinter sich. "Ich komme mir vor wie in einem Horrorfilm", sagt Pusch. "Ich denke dauernd: Okay, ich habe genug gesehen, kann mal bitte jemand das Licht anmachen?"

Heinsberg ist jener Fleck im äußersten Westen Deutschlands, den es besonders hart getroffen hat. Inzwischen sind über 800 Menschen infiziert, einige auch schon an Covid-19 gestorben. Pusch bekommt Lob von allen Seiten für sein Krisenmanagement. Täglich wendet er sich in Videobotschaften an seine Bürgerinnen und Bürger, er sagt Sätze wie: "Unser Medikament heißt Solidarität."

"Unsere Achillesferse"

Pusch ist ein Mann, der seit Wochen fast endlose Energie versprüht im Kampf gegen das Virus. Doch so langsam wird auch er müde. Sein größtes Problem, sagt er, sei der Mangel an Atemschutzmasken und Schutzanzügen in den Kliniken. "Das ist unsere Achillesferse", sagt er. Im ganzen Kreis hingen Menschen an den Telefonen, um Nachschub für die drei Krankenhäuser aufzutreiben. "Wir können es uns nicht leisten, dass das Personal auch noch krank wird", sagt Pusch. "Doch die Ausrüstung reicht hinten und vorne nicht, das macht mich fassungslos".

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Pusch hat errechnen lassen, wie groß der Bedarf an Schutzausrüstung ist: In Heinsberg brauchen sie täglich 2200 FFP2-Masken, 7500 Mund-Nasen-Schutzmasken und 4000 Schutzkittel. "Wir melden das regelmäßig dem Staatssekretär im nordrhein-westfälischen Gesundheitsministerium", sagt Pusch. Er sagt das nicht so, aber man kann erahnen, dass es eine einseitige Kommunikation ist.

Dass NRW-Gesundheitsminister Laumann verkündete, er habe eine Million Atemschutzmasken bestellt, löste in Krankenhäusern Kopfschütteln aus. Woher sollen die Masken denn kommen, hieß es, der internationale Markt sei leer gefegt. Am Donnerstag teilte das Bundesgesundheitsministerium mit, dass zehn Millionen Atemschutzmasken bereitgestellt würden. Noch ist das Material aber nicht verteilt. Und ob das überhaupt reicht? Wohl eher nicht. 

Zeit hat niemand mehr

Die nordrhein-westfälische Landesregierung traf sich kürzlich mit Unternehmen aus ganz Deutschland, um zu erörtern, wie man Abhilfe leisten könnte. Die Firma Dieckhoff-Textil aus Wuppertal hat jetzt ein volles Auftragsbuch: 1,5 Millionen Gesichtsmasken hätten Krankenhäuser bestellt, sagt der Geschäftsführer der Firma, Martin Dieckhoff. Allerdings produziert sein Unternehmen schon seit Jahren keine Masken mehr, chinesische Firmen stellten die Ware bislang viel billiger her. In diesen Tagen entwickelt Dieckhoff ein neues Produkt. Er wolle das "seriös" machen, sagt der Unternehmer. Doch das kostet Zeit, die gerade niemand hat.

"Unsere Kunden sagen: Liefert irgendwas, egal ob es genormt ist oder nicht", so Dieckhoff. Die Verzweiflung in den Krankenhäusern sei riesig, manche hätten sogar damit begonnen, Masken und Kittel selbst zurechtzuschneidern.

Von der Krankenhausgesellschaft in Nordrhein-Westfalen hört man, dass die meisten Kliniken noch Schutzmaterial für ungefähr 14 Tage hätten. Was danach komme, wisse niemand. Die Verantwortlichkeiten werden hin- und hergeschoben, vom Bund zum Land, vom Land zu den Krankenhäusern. Jemand, der für die Krankenhausgesellschaft arbeitet, sagt: "Die Kliniken haben das Gefühl, vorgeführt zu werden." Das Gesundheitssystem sei auf Wirtschaftlichkeit getrimmt, fast 40 Prozent der Krankenhäuser in Nordrhein-Westfalen schrieben rote Zahlen. "Die können es sich nicht leisten, große Räume zu mieten oder anzukaufen, um dort Masken und Kittel zu lagern."

Dramatische Lage

Auch in Arztpraxen ist die Lage inzwischen dramatisch. Zum Beispiel bei Reinhard Urmersbach, einem Neurochirurgen aus Berlin. Urmersbach hatte am Dienstag vier kleinere Eingriffe, er benutzte einen Mundschutz. Einen einzigen. "Eigentlich ist das ein Unding, aber es geht nicht anders. Sonst kann ich bald gar nicht mehr operieren", sagt Urmersbach, der eine Praxis am Kurfürstendamm betreibt und in zwei Krankenhäusern Belegbetten hat. 

"Seit Wochen herrscht in meiner Praxis und bei Kollegen Mangelbetrieb", sagt der Mediziner. Es fehle an Desinfektionsmittel, an Mundtüchern und Handschuhen. Sein Großlieferant habe Schwierigkeiten, die Arztpraxen mit dem Notwendigsten zu versorgen. Vergangene Woche hatte Urmersbach Glück, über einen privaten Kontakt konnte er zwei Kanister Flächen-Desinfektionsmittel bei einem kleineren Lieferanten aus Cottbus ordern. Zum doppelten Preis. "Was soll's?", sagt Urmersbach.

Wegen der Coronakrise habe seine Praxis nur noch an jedem zweiten Tag geöffnet. In sein sonst überfülltes Wartezimmer lässt der Arzt nur noch zwei Patienten gleichzeitig, während ein dritter in Behandlung ist. "Wir wissen noch nicht einmal, ob wir uns inzwischen angesteckt haben, denn wir werden ja nicht getestet", sagt Urmersbach. Für sein Team sei das sehr belastend.

"Armutszeugnis für das Gesundheitssystem"

Am Telefon sagt Stephan Pusch, der Heinsberger Landrat, dass die Coronakrise "an manchen Stellen ein Armutszeugnis für das Gesundheitssystem" sei. Es mangelt auch an Intensivbetten in den Krankenhäusern und natürlich an Personal in den Kliniken. Auf der Suche nach Lösungen für seine Probleme wartet der Landrat längst nicht mehr auf Hilfe aus Düsseldorf oder Berlin.

"Die meisten Handlungsempfehlungen, die wir bekommen", sagt er, "sind morgen schon wieder überholt." Deswegen orientiert sich Pusch inzwischen lieber an Italien, an den Aussagen von Ärzten und Pflegekräften dort. Denen vertraut er offenbar eher. 

Er wolle verhindern, sagt Pusch, dass das Personal in den Krankenhäusern in Heinsberg so überlastet werde wie die Mitarbeiter italienischer Kliniken. Deswegen hat er sich etwas einfallen lassen. In dieser Woche bat er in einer Videobotschaft Menschen aus seinem Kreis, die früher als Pfleger oder Arzt gearbeitet haben, sich zu melden. Pusch sammelt Telefonnummern und E-Mail-Adressen von Leuten, die er in den Krankenhäusern einsetzen kann, wenn die Situation richtig eskaliert. Pusch nennt es "die Vorbereitung auf den Tag X". 

Einige Freiwillige, sagt er, hätten sich schon gemeldet. Ein gutes Gefühl. Ob er für sie die nötige Schutzbekleidung besorgen kann, weiß Pusch allerdings nicht.

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