Susanne Beyer

Corona-Maßnahmen Diszipliniert euch!

Susanne Beyer
Ein Kommentar von Susanne Beyer
Noch kann man draußen sitzen - aber was droht uns im Herbst? Vor einer zweiten Welle kann uns die Politik allein nicht schützen. Es liegt an uns allen.

Danil Nevsky/ Stocksy United

Fernsehbilder aus Kalifornien: Der zweite Lockdown steht an. Den Tränen nahe sagt eine Friseurin, sie habe den ersten gerade so überstanden - aber den zweiten? Kaum möglich. Ihr gingen die finanziellen Ressourcen aus. Sie wirkt müde. Am Ende ihrer Kraft. Der Schrecken wird erneut Wirklichkeit.

Bei einer ersten Katastrophe strengt man sich noch an, hofft, dass sich das auszahlt und sich alles zum Besseren wendet. Nur, wenn die Dinge dann tatsächlich wieder schlechter werden, fehlt die Perspektive. Die Kräfte schwinden: Sich wieder anstrengen? Wozu?

Zwar ist in Deutschland von einem zweiten Lockdown offiziell noch nicht die Rede, aber es fallen Sätze, die jenen im März ähneln, als der Lockdown losging: Der Chef des Robert Koch-Instituts berichtet von Ansteckungen, macht ein ernstes Gesicht und spricht von einer "sehr beunruhigenden Entwicklung".

Noch ist es draußen warm, die Menschen können sich raussetzen, sie können Fenster öffnen und für den nötigen Luftzug sorgen. Wenn also jetzt schon die Zahlen signifikant höher sind, Experten die Lage als deutlich ernster bezeichnen als in den Vorwochen, was droht dann erst im Herbst? Im Nachbarland Belgien gelten bereits wieder schärfere Einschränkungen.

Die Pandemie lässt sich nicht allein durch politische Erlasse einhegen

Alles, was nur entfernt einem zweiten Lockdown nahekommt, wäre furchtbar. "Diese Pandemie ist eine demokratische Zumutung", sagte die Bundeskanzlerin in ihrer Regierungserklärung vom 23. April. Sie hatte recht. Eine erneute Einschränkung unserer Grundrechte ist kaum hinnehmbar. Wieder die Unsicherheit, wie Unterricht und Kinderbetreuung geregelt werden können? Kaum zu ertragen. Zumal Zehntausende Unternehmen kurz vor der Pleite stehen. Andere Auswirkungen können nur erahnt werden: die Gewalt gegen Frauen und Kinder, die Depressionen, die Suizide, die versäumten Krebsvorsorgeuntersuchungen. Wir sind einer Katastrophe gefährlich nahegekommen und noch einigermaßen davongekommen. Jetzt können wir eine erneute Verschärfung der Regeln nur noch verhindern, wenn wir so vernünftig, verantwortungsbewusst und vorsichtig sind wie irgend möglich. Wir, die Bürgerinnen und Bürger.

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Denn in einer Pandemie wie dieser ist eine Unterscheidung zwischen Bürgern und Politikern nicht sinnvoll, jedenfalls in einer Demokratie nicht. Das Grundgesetz fordert mündige Bürger, die sich verantwortlich fühlen für das Gemeinwesen. Wie es dem Staat und der Gemeinschaft geht, liegt nicht nur an den Regierenden. Und es nützt auch nichts, Verantwortung abzuschieben: Die Pandemie lässt sich nicht allein durch politische Erlasse einhegen. Es sind auch nicht nur die Reiserückkehrer an steigenden Zahlen schuld, auch nicht allein die feiernden Jugendlichen in Berliner Schlauchbooten, an der Frankfurter Oper oder am Stuttgarter Eckensee. Es sind auch die Kunden im Supermarkt oder in der Bahn, die die Maske abstreifen, wenn sie glauben, sie würden nicht gesehen, die die Gesundheit der anderen gefährden.

Schon wieder desinfizieren? Ja, nur so geht es

Kurzum: Es sind die Unvernünftigen. Und das sind wir wohl alle. Wer kennt sie nicht, diese Momente, in denen man denkt, auf einen selbst komme es nicht an. Schon wieder desinfizieren? Die Mutter aus der Risikogruppe immer noch nicht umarmen? Schon wieder desinfizieren?

Und natürlich muss auch die Politik wieder die Führung übernehmen. Deutschland ist vergleichsweise gut durch die Krise gekommen, auch weil die Bundeskanzlerin und der Bundespräsident den richtigen Ton gefunden haben, als sie zu Beginn der Pandemie an die Vernunft appellierten. Als es funktionierte, war es richtig, sich zurückzuhalten. Wer zu oft mahnt, stößt auf taube Ohren.

Doch jetzt ist es sehr still geworden an der Staatsspitze. Und das ist falsch. Politik in reaktiven Schüben zeugt von wenig Nachhaltigkeit und Strategie. Der Ernst der Lage muss sichtbar werden. Es braucht wieder das öffentliche Ringen, die Ministerpräsidentenrunde in Auseinandersetzung mit der Kanzlerin. Es braucht wieder den Appell, dass alle mithelfen müssen, die Pandemie zu stoppen. Der Staat, das sind wir. 

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