Foto:

CACTUS Creative Studio / Stocksy United

Schweiz, Spanien, Schweden Wie verheerend ist Corona im historischen Vergleich?

Daten aus mehr als hundert Jahren aus drei europäischen Ländern zeigen: Abgesehen von der Spanischen Grippe sorgte keine Pandemie für so viele Todesfälle wie Corona. Dabei werden die Zahlen vermutlich immer noch unterschätzt.
Von Nina Weber

Wie viele Menschen weltweit seit Pandemiebeginn an den Folgen von Covid-19 gestorben sind, lässt sich nicht so einfach beziffern. Die offizielle Zahl  der Weltgesundheitsorganisation WHO von 5,68 Millionen Todesfällen (Stand 3. Februar) ist auf jeden Fall eine Unterschätzung. Die WHO berichtete schon, dass allein im Jahr 2020 nach Schätzungen mindestens drei Millionen Menschen im Kontext der Pandemie gestorben sind – die offizielle Statistik für das erste Pandemiejahr liegt dagegen bei 1,8 Millionen Todesfällen, also deutlich darunter.

Ein Forschungsteam hat jetzt genauer untersucht, wie sich die Sterblichkeit im Jahr 2020 und zum Teil bis Juni 2021 in drei europäischen Ländern veränderte, in denen Todesfälle seit mehr als hundert Jahren recht genau erfasst werden: in der Schweiz, in Spanien und Schweden. Die Länder waren in den Weltkriegen neutral, mit Ausnahme des Spanischen Bürgerkriegs hatten sie deshalb im Gegensatz zu vielen anderen Staaten im vergangenen Jahrhundert keine Übersterblichkeit durch Kriege – das nennt das Team um Kaspar Straub als weiteren Grund, die Daten genau dieser drei Länder zu betrachten.

Kein Vergleich zur Grippe

Als Übersterblichkeit bezeichnet man es, wenn in einem Zeitraum mehr Todesfälle eintreten, als statistisch zu erwarten wären. Die Sterbezahlen zu den jährlichen Grippewellen vor der Coronapandemie beruhen  im Wesentlichen auf der Abschätzung der Übersterblichkeit und der Annahme, dass ein Großteil davon auf den jeweiligen Grippewellen beruht. Aus diesem Grund ist es auch nicht sinnvoll, Zahlen von Grippetodesfällen vergangener Jahre einfach mit den Covid-19-Todesfällen zu vergleichen anstatt mit der Übersterblichkeit 2020 und 2021.

Laut der in den »Annals of Internal Medicine«  veröffentlichten Studie brachte das Coronajahr 2020 in allen drei Ländern, also Spanien, der Schweiz und Schweden, eine »historische« Übersterblichkeit mit sich, die nur von jener der Grippepandemie im Jahr 1918 deutlich übertroffen wurde. Ähnlich groß wie 2020 war die Übersterblichkeit im Jahr 1890, in dem die Russische Grippe wütete – die nach heutigem Wissen allerdings möglicherweise gar nicht von einem Grippevirus verursacht wurde, sondern von einem Coronavirus. Die späteren Grippepandemien des 20. Jahrhunderts waren in keinem der drei untersuchten Länder mit einer deutlichen Übersterblichkeit verbunden, schreiben die Forschenden. Als Vergleich wurden jeweils die Todeszahlen der fünf vorangegangenen Jahre betrachtet.

Die konkreten Zahlen für 2020:

  • In Schweden lag die Übersterblichkeit mit rund 7700 Todesfällen bei 8,5 Prozent.

  • In der Schweiz lag sie mit rund 8400 Todesfällen bei 12,5 Prozent.

  • In Spanien lag die Übersterblichkeit bei 17,3 Prozent, was rund 72.300 Todesfällen entspricht.

Das Beispiel Spanien zeigt, warum die offiziellen Covid-19-Todeszahlen oft das wahre Ausmaß unterschätzen: Gemeldet wurden in dem Land für 2020 lediglich knapp 50.900 Todesfälle im Zusammenhang mit der Krankheit.

Der historische Vergleich lässt auch erahnen, wie verheerend die Spanische Grippe war, die sich ab 1918 ausbreitete: Denn die Übersterblichkeit war sechs- bis siebenmal höher als die des Jahres 2020 – nicht in absoluten Todeszahlen, weil damals die Bevölkerungen der drei Länder deutlich kleiner waren, aber berechnet auf Fälle pro 100.000 Menschen. Und: In jener Pandemie waren Menschen im Alter von 20 bis 40 besonders stark betroffen, was sie von anderen Grippepandemien ebenso unterscheidet wie von der Coronapandemie.

Ein abschließendes Fazit über das Ausmaß von Corona kann die Studie natürlich nicht liefern, auch nicht für die drei betrachteten Länder, denn noch ist die Pandemie nicht vorbei, und Berechnungen zur Übersterblichkeit für das gesamte Jahr 2021 müssen noch folgen. Die WHO hat angekündigt, entsprechende Daten bald zu veröffentlichen.

Für einige Länder wird das Abschätzen wohl schwieriger als für die hier untersuchten drei europäischen Staaten. So berichteten Forschende Anfang Januar im Fachblatt »Science«  etwa, wie sie anhand verschiedener Quellen herausarbeiten mussten, wie viele Menschen zwischen Juni 2020 und Juli 2021 in Indien an Covid-19 starben, weil die offiziellen Todesstatistiken lückenhaft sind. Ihrer Studie zufolge waren es in diesem Zeitraum zwischen 3,1 und 3,4 Millionen – also sechs bis siebenmal mehr als offiziell gemeldet.

Anmerkung: In einer vorherigen Fassung wurde das Jahr der Russischen Grippe mit 1980 angegeben. Tatsächlich war die Russische Grippe im Jahr 1890. Wir haben die Stelle korrigiert.