Ein Junge wird mit dem Corona-Impfstoff von Biontech/Pfizer geimpft
Ein Junge wird mit dem Corona-Impfstoff von Biontech/Pfizer geimpft
Foto: David Young / dpa

Coronaimpfung ab zwölf Stiko könnte Impfempfehlung für Kinder bald ändern

Die Ständige Impfkommission empfiehlt die Coronaimpfung aktuell nur für 12- bis 17-Jährige mit Vorerkrankungen oder besonders gefährdeten Bezugspersonen. Das könnte sich aber noch vor Ende der Sommerferien ändern.

Die Impfpriorisierung ist aufgehoben und der Impfstoff von Biontech/Pfizer ist in der EU auch für Kinder ab zwölf Jahren zugelassen. Kinder und Eltern können sich also um einen Impftermin für Kinder über zwölf Jahre bemühen.

Die Ständige Impfkommission (Stiko) hat am Donnerstag aber keine generelle Impfempfehlung für diese Altersgruppe ausgesprochen. Empfohlen wird die Impfung in Deutschland nur für 12- bis 17-Jährige mit bestimmten Vorerkrankungen und solche, in deren Umfeld Menschen leben, die ein hohes Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf haben.

Die Stiko-Empfehlung ist nicht bindend. Kinder und Jugendliche in der Altersgruppe können sich impfen lassen, wenn sie und ihre Eltern von einer Ärztin oder einem Arzt aufgeklärt wurden und das Risiko akzeptieren. Für die betroffene Gruppe heißt das, das Für und Wider abzuwägen. Sich entgegen der Empfehlung der Expertinnen und Experten impfen zu lassen, dürfte manchen nicht leichtfallen.

Wie kam die Stiko zu ihrer Entscheidung? Das haben mehrere Mitglieder des Gremiums sowie ein Kinder- und Jugendarzt am Freitag in einem Pressetermin des Science Media Center  erläutert. Sie betonten auch, dass sich die Empfehlung bald ändern könnte.

An der Wirksamkeit der Impfung in der Gruppe der 12- bis 17-Jährigen besteht laut Stiko-Vorstand Thomas Mertens kein Zweifel. Das Gremium wägt jedoch ab, ob die mit einer Impfung einhergehenden Nutzen die Risiken überwiegen.

Vergleichsweise geringer Nutzen

Laut Stiko ist der Nutzen einer Coronaimpfung für gesunde Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren nicht allgemein gegeben. Die Altersgruppe hat im Vergleich zu älteren Erwachsenen ein deutlich geringeres Risiko für einen schweren oder gar tödlichen Covid-19-Verlauf. »Hospitalisierungen und intensivmedizinische Behandlungen aufgrund von Covid-19 sind selten, und bisher traten nur einzelne Todesfälle bei schwer Vorerkrankten auf«, schreibt das Gremium in seiner Veröffentlichung  zu der Altersgruppe. Außerdem sei eine Umverteilung der knappen Impfstoffressourcen an gesunde Kinder und Jugendliche epidemiologisch und individualmedizinisch nicht sinnvoll. »Das Beiseitelegen von fünf Millionen Impfdosen für Kinder – und damit die Eltern dieser Kinder nicht zu impfen – war das, was nicht wirklich sinnvoll erschien«, sagte Mertens beim Pressetermin.

Die Sorge vor Long Covid rechtfertigt nach Aussage von Reinhard Berner die Impfung nicht. Berner leitet die Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Dresden und war externer Sachverständiger der Stiko in der Frage der Kinderimpfungen gegen Covid-19. Long Covid bei Kindern sei noch ein offenes Thema, »da wissen wir im Grunde relativ wenig«, so Berner. Er berichtete aber von seinem Eindruck, das Thema werde in Medienberichten und der Fachliteratur überschätzt.

Berner nannte auch ein konkretes Beispiel für die Nutzen-Risiko-Abwägung: Einem Jugendlichen mit einem angeborenen Herzfehler würde er dazu raten, die Impfung in Anspruch zu nehmen. Bei einem anderen Kind, beispielsweise mit gut eingestelltem Asthma, sehe er hingegen kein erhöhtes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf. »Hier ist das Risiko der Unkenntnis über die längerfristigen Wirkungen das höhere Gut«, sagte er.

Unklarheit bei Risiken

Der Europäischen Arzneimittelbehörde Ema lag bei der Entscheidung über die Empfehlung der Zulassung des Biontech-Impfstoffs für Kinder und Jugendliche eine Studie vor, die eine sehr gute Wirksamkeit und gute Verträglichkeit bei 12- bis 15-Jährigen belegt. Mertens sagte jedoch, dass die Teilnehmerzahl der Studie zu gering sei, um Ereignisse zu erfassen, die bei weniger als einem von hundert Menschen auftreten. »Da liegen wir noch in einer Größenordnung, die keine ausreichende Sicherheit gibt.«

Dass bereits viele Kinder in den USA geimpft wurden, hilft der Stiko laut Mertens nicht weiter. Man brauche die entsprechenden Daten. Das heißt auch: Sobald aus anderen Ländern mehr Informationen zur Sicherheit des Impfstoffs vorliegen, wird die Stiko ihre Empfehlung überprüfen.

»Stiko-Empfehlungen sind ja nicht in Stein geschlagen«, sagte auch Stiko-Mitglied Fred Zepp, ehemaliger Direktor des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin der Universitätsmedizin Mainz. »Wenn wir in ein oder zwei Monaten erweiterte Erkenntnis haben, dann haben wir immer noch großen Spielraum bis zum Schulbeginn, darüber erneut zu beraten und das eventuell anzupassen.«

Auch soziale Aspekte spielen eine Rolle

Die Deutsche Gesellschaft für Immunologie (DGfI) verweist in einer Stellungnahme zur aktuellen Stiko-Empfehlung noch auf weitere Aspekte. So sind laut Paul-Ehrlich-Institut  bei der Anwendung eines Impfstoffs auch indirekte und gegebenenfalls soziale oder sozial-psychologische Nutzen in Betracht zu ziehen, die nicht in Zulassungsstudien überprüft werden können. Die DGfI befürwortet die derzeitige Stiko-Empfehlung aus immunologischer Sicht. Sie unterstützt aber auch die dennoch vorhandene Möglichkeit, dass sich 12- bis 17-Jährige nach ärztlicher Aufklärung impfen lassen. »Es ist wichtig, auch diese Altersgruppe vor einer Infektion zu schützen und eine Virusverbreitung vor allem der aggressiveren Varianten möglichst effektiv zu verhindern«, heißt es in einer Stellungnahme.

Kinder und Jugendliche ohne Impfung seien einem Infektionsrisiko ausgesetzt, vergleichbar zu allen anderen ungeimpften Altersgruppen. Ohne Impfung bestehe im Herbst die Gefahr vermehrter Ausbrüche in Schulen und ähnlichen Einrichtungen. Dies sollte durch Impfung als Teil eines Maßnahmenkatalogs für Schulen verhindert werden.

mar/dpa
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