Alkohol und Corona Kein Sanitäter in der Not

In vielen Ländern steigen seit Beginn der Coronakrise die Verkaufszahlen für Alkohol. Offenbar wird nun daheim vermehrt getrunken. Gesundheitsexperten sind aus mehreren Gründen alarmiert.
Gesellschaftlich akzeptierte Droge Alkohol: Nichts für einen einsamen Abend

Gesellschaftlich akzeptierte Droge Alkohol: Nichts für einen einsamen Abend

Foto: Chris Hayward/ Getty Images

Als Corona noch Stoff für Witze war, machte eine steile These weltweit die Runde: Alkohol könne das Virus abtöten. Gemeint war damit natürlich hochprozentiger Alkohol, eingesetzt zur äußeren Desinfektion. Die Witzbolde vor allem in den sozialen Medien missverstanden die Sache natürlich - die Seuche wurde zum Vehikel für höchst populäre, aber meist geistlose Witze über den Konsum geistreicher Getränke.

Was wohl auch daran liegt, dass immer mehr Menschen in der Langeweile ihrer sozialen Isolation vermehrt zur Flasche greifen. Inzwischen warnt sogar die Weltgesundheitsorganisation WHO vor möglichen Folgen. Denn anders als die Witze implizieren, hat der Konsum von Alkohol keine positiven Effekte in Sachen Corona - dafür aber jede Menge negative.

Was unmittelbar gegen übermäßigen Alkoholkonsum spricht:

  • Alkohol schwächt das Immunsystem.

  • Alkohol mindert die Qualität des Schlafes und kostet so Kraft.

  • Alkohol hebt die Gewaltbereitschaft: besonders relevant in Zeiten von Lockdown und Quarantäne.

Und all das will man nicht, wenn man seine Kraft eventuell noch dafür brauchen wird, eine dem eigenen Körper bisher komplett fremde Krankheit abzuwehren. Dafür brauche es Fitness, meint WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus, denn die könne helfen, das Virus abzuwehren.

Die WHO empfiehlt:

  • Gesund essen, um das Immunsystem zu stärken.

  • Weniger Alkohol trinken.

  • Weniger zuckerhaltige Getränke trinken.

  • Nicht rauchen: Zigaretten können Covid-19-Symptome verstärken und das Risiko erhöhen, ernsthaft zu erkranken.

  • Erwachsene sollten täglich mindestens 30 Minuten körperlich aktiv werden, Kinder 60 Minuten.

  • Wenn dies erlaubt ist, sollte man aktive Zeit an frischer Luft verbringen: Laufen, Spazieren, Radfahren - unter Wahrung von Abstandsgeboten.

  • Wenn man das Haus nicht verlassen kann, könnte man Tanzen, Yogaübungen machen oder Treppen laufen.

  • Wer zu Hause arbeitet, sollte die Arbeitsposition häufig wechseln.

  • Auch im Homeoffice sollte man alle 30 Minuten kurz pausieren.

  • Nicht pausenlos Nachrichten konsumieren. Wenn man sich informieren wolle, solle man darauf achten, diese Nachrichten und Informationen aus seriösen Quellen zu beziehen.

  • Auch geistige Ablenkung trage zur Gesundheit bei: Musikhören, ein Buch lesen oder ein Spiel spielen.

Stressbewältigung mit Alkohol: Keine gute Idee

Was Gesundheitsexperten am Aspekt Alkohol aber derzeit besonders alarmiert, sind psychosoziale Auswirkungen des Heimkonsums. Alkohol, erklärte die WHO-Psychologin Ayisha Malik gegenüber dem britischen "Independent" , sei "keine hilfreiche Strategie", mit den wachsenden Unsicherheiten und Ängsten fertig zu werden, die sich aus der unheimlichen Situation eines zunehmend globalen Lockdowns ergeben würden.

Die Situation der sozialen Isolation und der Quasi-Quarantäne auf engem Raum ist vor allem für Depressionskranke und Menschen mit anderen psychischen Problemen eine Herausforderung und Zumutung. Aber nicht nur: Sicherheitsbehörden fürchten ein Ansteigen häuslicher Gewalt, wenn Frustrierte zu oft und ausgiebig zur Flasche greifen.

Denn dass häuslicher Alkoholkonsum in Zeiten, wo aushäusiges, soziales Trinken nicht mehr stattfindet, ein gesellschaftliches Risiko darstellt, gilt für Experten als ausgemacht. Corona, meint etwa der australische Suchtexperte Michael Farrell, habe das Potenzial, gesellschaftliche Normen zu verändern: Alkohol und Cannabis würden jetzt wohl von vielen als Fluchten aus einem frustrierenden Alltag in Isolation genutzt. Und das wohl auch wieder vermehrt von jungen Leuten, unter denen Alkoholkonsum in der westlichen Welt zuletzt wieder rückläufig und weniger akzeptiert gewesen sei. Jetzt aber, und das gelte für alle, lebten Menschen "ohne die Schranken des Arbeitslebens". Im Klartext: Im Homeoffice sieht niemand die Flasche neben der Tastatur.

Ein besonderes Risiko besteht dabei für alle Menschen mit einer Prädisposition zu Suchtverhalten - und natürlich für Alkoholabhängige, einschließlich "trockenen": Das Sucht- und Rückfallrisiko könnte steigen. Auf der anderen Seite wäre jedoch gerade für Suchtkranke auch ein generelles Verkaufsverbot eine Katastrophe, die sie mittelfristig in einen gefährlichen kalten Entzug in Isolation zwingen würde.

Der Heimtrinker-Boom: Mehr als Anekdoten?

Aber sind Befürchtungen über vermehrte Heimtrinkerei auch berechtigt? Spiegeln sie sich irgendwo in Verkaufszahlen, sind negative Effekte zu beobachten?

Offenbar ja: Dass die Verkäufe von verpacktem Alkohol seit Einsetzen der Covid-Welle steigen, fällt inzwischen in immer mehr Ländern auf. Konkrete belastbare Zahlen scheint es bisher zwar nirgendwo zu geben. Immer mehr Regierungen und Behörden reichen aber schon Beobachtungen, um Warnungen oder Verbote auszusprechen.

So hat Grönland am Samstag den Verkauf von Take-away-Alkohol in der Hauptstadt Nuuk komplett verboten. Grund war, dass direkt nach Schließung aller Schulen und dem Einsetzen einer auf maximal zehn Personen limitierten Kontaktsperre die Häufigkeit häuslicher Gewalt messbar angestiegen sei. Das Alkoholverbot will die Regierung Grönlands als Schutzmaßnahme für die Kinder verstanden wissen.

Westaustralien setzt darauf, die Mengen beim Alkoholeinkauf zu begrenzen: Zu viele hatten Alkohol gehamstert, wie Deutsche das Klopapier. Der australische Sender ABC interviewte Getränke-Ladenbesitzer, die die vergangenen Wochen mit dem Weihnachtsgeschäft verglichen - in angelsächsischen Ländern ist vor allem der Heiligabend traditionell feucht-fröhlich.

Jetzt gilt, dass niemand mehr als drei Flaschen Wein, eine Kiste Bier oder Cider, einen Liter Hochprozentiges und einen Liter Likörwein aus dem Laden tragen darf - Mengen, die an den Duty-Free-Verkauf an Flughäfen erinnern. Denn "Vorfälle in Verbindung mit Alkoholmissbrauch" sollten in Zeiten des Social Distancing vermieden werden. Sie belasteten Polizei, Rettungskräfte und das Gesundheitssystem zu sehr, teilte die Regierung des westlichen Bundesstaates am Mittwoch mit.

Kurz darauf machten Bilder regelrecht "geräuberter" Alkoholregale die Runde, der Handel sprach von "Panikkäufen". Australische Sender berichteten, größere Getränkehändler hätten es unmittelbar nach der Alkohol-Rationierung auf Millionenumsätze gebracht.

Auch in Deutschland scheint der häusliche Mehrkonsum bereits messbar zu sein. Darauf deuten zumindest die Daten einer Marktbefragung der Konsumforschungsgesellschaft GfK hin, die den Konsum in den Kalenderwochen ab dem 24. Februar bis 15. März mit denen des Vorjahres verglich. Gegen den allgemeinen Trend hätte der Einzelhandel dank Hamsterkäufen um insgesamt 14 Prozent, in manchen Sparten 200 Prozent zugelegt. "Die Stilllegung des öffentlichen Lebens", so der GfK-Handelsexperte Robert Kecskes zu den Zahlen, "führt neben Hamsterkäufen auch zu einer Verlagerung des Außer-Haus-Konsums in die privaten Wohnungen und Häuser."

Was genau da alles konsumiert wird, verrät die GfK-Studie allerdings nicht. Das glauben aber die Anbieter der App "Bring!" zu wissen, die zwischen dem 16. Februar und 22. März angeblich das Einkaufsverhalten von einer Million Menschen in Deutschland analysiert haben wollen. Ihr klares Verdikt: Der Genuss legaler Drogen nehme zu. Sowohl Bier (plus 36 Prozent), Wein (plus 61 Prozent) als auch Zigaretten (plus 47 Prozent) seien derzeit besonders gefragt - gegenüber welchem Vergleichszeitraum bleibt allerdings genauso offen wie eine Erklärung darüber, wie die Daten zustande kamen.

pat