Medienpräsenz von Virologen Drosten ist die Nummer eins - aber nicht überall

Welcher Virologe kommt in Deutschland am meisten zu Wort? Eine Datenanalyse zeigt: Christian Drosten dominiert in Presseartikeln und auf YouTube. Nur in Talkshows hat eine Kollegin die Nase vorn.
Christian Drosten

Christian Drosten

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Michael Kappeler/ dpa

Ein neues Virus - und jede Menge Informationsbedarf. Wer wusste vor Corona schon genau, was Herdenimmunität ist und wie man die Reproduktionszahl R berechnet? In der Coronakrise sind das Wissen und die Meinung von Virologinnen und Virologen gefragt. In Zeitungsartikeln, im Internet und in Talkshows kommt man kaum an ihnen vorbei.

Welche Forscher aber werden besonders häufig erwähnt oder zitiert? Und welcher Wissenschaftler taucht sehr oft im Fernsehen, aber viel seltener in Artikeln auf? Eine SPIEGEL-Datenanalyse gibt Aufschluss.

Nur zwei Frauen in den Top Ten

Bei Artikeln, die gedruckt oder online erscheinen, gibt es eine klare Nummer eins: Christian Drosten von der Charité Berlin. Der ausgewiesene Experte für Coronaviren dominiert die Erwähnungen in Presseartikeln mit großem Vorsprung. Aufgenommen in das Ranking wurden übrigens nicht nur Virologen, sondern auch Epidemiologen und Spezialisten für Infektionskrankheiten sowie der umstrittene Lungenarzt Wolfgang Wodarg, der sich mehrfach zum Thema Corona geäußert hat.

Drosten kommt seit Anfang des Jahres auf mehr als 1700 Treffer in der Pressedatenbank Digas . Diese umfasst alle überregionalen Tages- und Wochenzeitungen aus Deutschland, viele Regionalzeitungen und auch die Webseiten Sueddeutsche.de, Welt.de und Spiegel.de.

So wurden die Zahlen berechnet

Mit der Hamburger Impfstoffentwicklerin Marylyn Addo und Melanie Brinkmann von der TU Braunschweig haben es nur zwei Forscherinnen in die Top Ten geschafft. Lothar Wieler taucht in der Liste nicht auf, weil er in seiner Funktion als Chef des Robert Koch-Instituts regelmäßig vor die Presse tritt und deshalb sehr oft zitiert wird. Er läge ansonsten mit mehr als 1000 Nennungen auf Platz zwei.

Drostens Podcast wird häufig zitiert

Schaut man sich den zeitlichen Verlauf der Treffer in der Presse an, fällt auf, dass Drosten bereits ab Ende Januar regelmäßig zitiert oder erwähnt wurde. Kaum verwunderlich: Er hat den Ausbruch des Virus in China als Forscher intensiv studiert. Und auch gemeinsam mit seinen Kollegen von der Charité Berlin im Januar den weltweit ersten Test für das Virus Sars-CoV-2 entwickelt.

Viele kennen ihn auch aus seinem NDR-Podcast . In den bislang 41 Folgen seit Ende Februar hat Drosten so ausführlich wie kaum ein anderer Kollege medizinische Aspekte des Virus diskutiert und eingeordnet. Aussagen aus dem Podcast werden häufig von Journalisten zitiert, was die vielen Erwähnungen Drostens in der Presse mit erklärt.

Sehr früh präsent war auch Alexander Kekulé, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie des Universitätsklinikums Halle, der seit Mitte März ebenfalls einen eigenen Podcast  hat. Hendrik Streeck hingegen, Direktor des Instituts für Virologie und HIV-Forschung der Universität Bonn, tauchte erst später in der Presse auf - Mitte März. Dafür stieg die Zahl seiner Erwähnungen umso rasanter an. Er erreichte dabei das Virologen gut vertraute exponentielle Wachstum - zumindest über die ersten Tage.

Dies dürfte vor allem an der von ihm geleiteten Heinsberg-Studie liegen, die viel Aufmerksamkeit bekam. Erste Ergebnisse stellte Streeck am 9. April vor - gemeinsam mit Armin Laschet (CDU), Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen. Streecks Auftreten geriet jedoch auch in die Kritik, weil eine PR-Agentur daran mitwirkte und die präsentierten Zahlen Forscherkollegen dürftig erschienen. Inzwischen liegt die Studie als vollständiger Entwurf vor.

Zeitungen und ihre Lieblingsexperten

Haben bestimmte Medien ihre Lieblingsexperten? Einige Hinweise darauf liefert die folgende Auswertung nach Publikationen. Diese umfasst in der Regel nur die Printausgaben - bei der "Süddeutschen Zeitung" ("SZ"), der "Welt" und dem SPIEGEL jedoch auch die frei zugänglichen Onlineausgaben sowie die Bezahltexte.

Zwei Dinge fallen auf: Bei der "tageszeitung" ("taz") ist Drosten besonders stark präsent, auch beim SPIEGEL, der "SZ", bei der "Welt" und der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ("FAZ") . Bei der "Zeit", bei "Bild" und der Berliner Boulevardzeitung "B.Z." wird Drosten hingegen deutlich weniger zitiert.

Dafür taucht in den beiden Blättern des Springer-Konzerns "Bild" und "B.Z." mit Jonas Schmidt-Chanasit ein Experte viel häufiger auf als in den übrigen Medien. Der Hamburger Virologe hatte sich unter anderem wiederholt gegen eine Maskenpflicht ausgesprochen, die inzwischen bundesweit beim Einkaufen und in Verkehrsmitteln gilt.

Und die "Süddeutsche" hat mit Clemens Wendtner einen viel zitierten Experten von vor Ort: Er ist Chefarzt für Infektiologie und Tropenmedizin an der München Klinik Schwabing.

Einer taucht vor allem bei YouTube auf

Christian Drosten ist nicht nur in Presseartikeln, sondern auch auf YouTube die Nummer eins. Dies zeigen die aufsummierten Aufrufe der Videos, die angezeigt werden, wenn man auf YouTube nach dem Namen eines Virologen sucht. In die Auswertung kamen für jeden Experten die 100 meistgeklickten Videos. Drosten erreichte dabei mehr als 18 Millionen Views.

Sein Vorsprung ist auf dem Videoportal allerdings deutlich kleiner. Das Ranking offenbart einen grundsätzlichen Unterschied zwischen klassischen Medien und Social Media. Knapp hinter Drosten folgt nämlich Wolfgang Wodarg, ein Mediziner, der wegen seiner Äußerungen zur Krankheit Covid-19 unter Wissenschaftlern sehr umstritten ist.

Wodarg ist nicht einmal Virologe, er hat allerdings am Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenforschung gearbeitet, wo Infektionskrankheiten erforscht und behandelt werden.

Wodarg sagte unter anderem, es gebe "keine validen Daten und keine Evidenz für außergewöhnliche gesundheitliche Bedrohung" durch das Coronavirus. Vorsichtsmaßnahmen gegen das Virus seien "Panikmache". Er trat mehrfach in YouTube-Kanälen auf, die immer wieder Verschwörungstheorien verbreiten oder klassische Medien als Lügenschleudern brandmarken.

Dank solcher Auftritte, die auf YouTube auf viele Zugriffe kommen, landete Wodarg auf Platz zwei. Streeck folgt auf dem dritten Platz.

Talkshows haben andere Lieblinge

In deutschen Talkshows ergibt sich eine etwas andere Reihenfolge. Hier taucht eine Virologin ganz oben in der Rangliste auf, die in der Presse sonst nicht ganz so oft gefragt ist: die Braunschweiger Professorin Melanie Brinkmann.

Melanie Brinkmann am 2. April bei "Maybrit Illner"

Melanie Brinkmann am 2. April bei "Maybrit Illner"

Foto: ZDF/ Svea Pietschmann

Sie kommt auf neun Auftritte in Talkshows - einer mehr als ihr Hallenser Kollege Alexander Kekulé. Beide sind damit die Lieblinge der Talkshow-Redaktionen.

Drosten war bisher viermal bei Maybrit Illner zu Gast - jedoch noch nie bei Anne Will, Sandra Maischberger, Markus Lanz oder "Hart aber fair".

Dass Kekulé ein häufiger Gast in Talkshows ist, hängt sicher auch mit seinem offensiven, meinungsstarken Auftreten zusammen. Er hat sich von Anfang an als Kritiker positioniert. Etwa als er im März sofortige Schulschließungen forderte, während Drosten in seinem Podcast noch über das Für und Wider dieser Maßnahme referierte und auch viele Politiker zögerten. Oder jüngst in Kekulés Aufruf für eine Ausstiegsstrategie aus dem Lockdown - gemeinsam verfasst mit fünf weiteren Prominenten.

Abgesehen von den Talkshows dominiert Drosten die Medien aber unangefochten - das zeigt vielleicht auch: Journalisten zitieren eben nicht nur jene Experten, die knackige Zitate liefern. Sondern auch den vorsichtig abwägenden Wissenschaftler.