Wer braucht den zweiten Booster? (Symbolbild)
Wer braucht den zweiten Booster? (Symbolbild)
Foto: McKinsey Jordan / Stocksy United

Ansteckungsgefahr in der Omikron-Welle Wie sinnvoll ist die vierte Impfung?

Infektionen mit Omikron werden durch die Impfung kaum vermieden. Manche halten die Impfpflicht für Pflegekräfte daher für obsolet, gleichzeitig wird ihnen und anderen bereits eine vierte Dosis empfohlen. Ein Widerspruch?

Wer in Pflegeheimen, Kliniken oder Arztpraxen arbeitet, muss gegen das Coronavirus geimpft sein. Die Impfpflicht für das Personal soll vor allem die beschützen, die in seiner Obhut sind: alte und geschwächte Menschen, die ein hohes Risiko für schwere Coronaverläufe haben. Doch das Gesetz wurde auf den Weg gebracht, als in Deutschland noch die aggressivere Delta-Variante kursierte.

Die aktuell dominierende Omikron-Variante ist zwar leichter übertragbar, jedoch verläuft die Infektion meist etwas milder als bei Delta. Noch dazu umgeht Omikron den Immunschutz teilweise. Hunderttausende haben sich in Deutschland daher inzwischen trotz dreimaliger Impfung angesteckt – und das Virus weitergegeben. Außenministerin Annalena Baerbock infizierte sich kürzlich sogar trotz Vierfachimpfung .

Welchen Nutzen hat die Impfung noch?

Selbst die Deutsche Krankenhausgesellschaft, die sich bislang immer für die einrichtungsbezogene Impfpflicht einsetzte, sprach sich nun für die Aufhebung der Coronaimpfpflicht für Pflege- und Gesundheitspersonal aus. Der Grund: Man sei in der Delta-Welle von einer hohen Schutzwirkung auch für die vulnerablen Gruppen im Krankenhaus ausgegangen, sagte Verbandschef Gerald Gaß. Mit der Omikron-Variante sei das hinfällig geworden. Man müsse daher abwägen zwischen schwerwiegenden Rechtseingriffen gegenüber Beschäftigten und dem Nutzen.

Vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte stellt sich unweigerlich die Frage: Welchen Nutzen bringt die Impfung überhaupt noch?

Die Impfungen schützen auch bei Infektionen mit Omikron vor schweren Coronaverläufen und Todesfällen, da sind sich Expertinnen und Experten einig. Mehrere Studien belegen, dass eine Vierfachimpfung gerade bei Hochbetagten zu einem Rückgang der Todesfälle führt.

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Ansteckungen allerdings, das zeigen die Daten auch, werden weniger gut verhindert als bei vorherigen Varianten. Was jedoch nicht vergessen werden darf: Die Impfungen bringen das Immunsystem nicht nur dazu, Antikörper gegen Sars-CoV-2 zu bilden, die das Eindringen des Virus in den Körper verhindern. Sie triggern auch die Bildung von sogenannten B- und T-Zellen, die für ein Immungedächtnis sorgen. Diese T-Zellen bremsen die Ausbreitung der Infektion im Körper und verhindern einen schweren Krankheitsverlauf. Studien haben bereits gezeigt, dass das auch bei Omikron der Fall ist.

Für Angestellte im medizinischen Bereich bedeutet das: In der Omikron-Welle schützt die Impfung also weniger als zuvor bei vorherigen Varianten, dass sie das Virus an Pflegebedürftige weitergeben können. Doch insbesondere für den eigenen Schutz ist sie weiterhin sinnvoll und wirksam – auch bei Omikron.

Was ist mit der vierten Impfung?

Die einrichtungsbezogene Impfpflicht beinhaltet nur den Nachweis über eine dreimalige Impfung . Doch bestimmten Bevölkerungsgruppen wird bereits eine Viertimpfung empfohlen, auch Personal medizinischer Einrichtungen, unabhängig vom Alter. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach sieht das nicht so eng und spricht sich dafür aus, dass auch für Jüngere ein zweiter Booster aufgrund des besseren Schutzes angeboten werden soll: »Wer den Sommer genießen will, dem empfehle ich die Impfung«, sagte er.

Ob Lauterbach-Fan oder Arzthelfer – viele stehen nun vor der Frage, ob sie sich zum vierten Mal impfen lassen sollen.

Dazu gibt es unterschiedliche Meinungen.

Die für Impfempfehlungen in Deutschland zuständige Stiko empfiehlt eine zweite Auffrischimpfung  für gesundheitlich gefährdete und besonders exponierte Personengruppen, also auch Personal medizinischer Einrichtungen. Zur Begründung heißt es im »Epidemiologischen Bulletin«: »Personen mit erhöhtem arbeitsbedingtem Sars-CoV-2-Expositionsrisiko (berufliche Indikation) sollen prioritär geschützt werden« und: »Die Covid-19-Impfung dient auch dem Ziel, die Transmission von Sars-CoV-2 in der gesamten Bevölkerung zu reduzieren. Insbesondere in Umgebungen mit einem hohen Anteil vulnerabler Personen und/oder einem hohen Ausbruchspotenzial soll durch die Impfung die Virustransmission minimiert werden.«

Die EU-Behörden ECDC und Ema riefen die Mitgliedstaaten auf, zweite Booster schon ab 60 Jahren anzubieten. Europäische Länder, wie etwa Tschechien , haben bereits begonnen, das umzusetzen. Stiko-Chef Thomas Mertens hatte daraufhin angekündigt, das Gremium werde sich »relativ bald« zu einer möglichen Erweiterung der bestehenden Empfehlung äußern.

Aus Sicht mehrerer Immunologen reichen für gesunde Erwachsene unter 60 Jahren die bisher von der Stiko empfohlenen drei Coronaimpfungen, um ein stabiles immunologisches Gedächtnis aufzubauen. Es biete in der Regel zumindest Schutz vor schwerer Erkrankung, Krankenhausaufenthalt und Tod. Absoluten, lang anhaltenden Schutz vor Infektion bringe auch eine vierte Dosis für diese Gruppe nicht.

Wer zum Beispiel vor dem Urlaub keine Ansteckung mehr riskieren wolle, solle sich etwa durch Maske, Abstand und Kontaktreduktion schützen, rät Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. Auch der Epidemiologe Hajo Zeeb geht von einem allenfalls geringen Vorteil der zweiten Booster-Impfung für unter 60-Jährige aus, insbesondere wenn Menschen auch noch zwischenzeitlich an Corona erkrankt waren.

Jetzt schon impfen oder auf die Omikron-Vakzinen warten?

Auch der Impfzeitpunkt spielt beim Abwägen eine Rolle. Schließlich wird für den Herbst nicht nur wieder eine Zunahme des Infektionsgeschehens erwartet – sondern auch Vakzinen, die an Omikron angepasst sind. Allerdings ist momentan ungewiss, mit welchen Mutationen das Virus bis dahin aufwartet und für wen dann erneute Impfempfehlungen ausgesprochen werden.

Für Ältere empfehlen Expertinnen und Experten, nicht auf den Omikron-Impfstoff zu warten. Schließlich steht noch nicht fest, wann dieser genau in Deutschland zugelassen sein wird – und ob er tatsächlich wirksamer gegen die derzeit dominierende Variante ist als die herkömmlichen Vakzinen.

Kann zu häufiges Boostern auch schädlich sein?

Impfabstände von mehreren Monaten haben sich laut Stiko-Mitglied Christian Bogdan vom Uniklinikum Erlangen als vorteilhaft erwiesen – für die Stärke der ausgelösten Immunantwort und für die daraus resultierende Schutzdauer. »Besonders wichtig ist, dass eine Boosterimpfung – also die dritte Impfung – in einem deutlichen Abstand zur zweiten Impfung stattfindet«, im Idealfall nicht früher als sechs Monate danach. Dies gelte auch für einen möglichen zweiten Booster – die Viertimpfung also lieber erst ein halbes Jahr nach der dritten. Dieser Abstand gewährleiste eine Steigerung der Immunantwort. Impfe man dagegen in eine laufende Immunantwort hinein, sei der Effekt stark abgeschwächt.

Das Immunsystem kann also durch zu häufiges Boostern erschöpfen. Schädlich ist eine vierte Impfung aber trotzdem nicht. Für Menschen hohen Alters oder mit stark geschwächtem Immunsystem, bei denen eine Impfung ohnehin oft nicht so gut anschlägt, kann sie sogar eventuell sinnvoll sein.

Und jetzt?

Auch wenn es unbefriedigend ist: Zum jetzigen Zeitpunkt ist einmal mehr die Eigenverantwortung gefragt. Die Frage, ob sich nun auch unter 70-Jährige um Impftermine bemühen sollten, hängt auch davon ab, wie gut das Immunsystem des Einzelnen auf die ersten drei Impfungen reagiert hat. Der Immunologe Andreas Thiel von der Berliner Charité sagt, für manche Jüngere könnte die vierte Impfung essenziell sein – allerdings könne man die nicht einfach erkennen. Für die meisten in dieser Altersgruppe sei eine vierte Dosis dagegen nicht wirklich sinnvoll. »Jeder muss diese Frage für sich selbst beantworten.«

Der Hausarzt kann aber bei der Entscheidung helfen. Gesetzlich zuständig für Impfempfehlungen ist die Stiko, auch viele Ärzte richten sich nach ihren Ratschlägen – sie sind aber nicht dazu verpflichtet. Auch für sie gilt das Prinzip Eigenverantwortung.

kry/dpa
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