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Alexandra S. Aderhold

Krankenpflegerin über Coronakrise "Wir haben uns wie Kanonenfutter gefühlt"

In der Coronakrise feierten manche sie zwar als "Heldin" - wütend wurde sie trotzdem. Oder gerade deswegen? Ein Gespräch mit Krankenpflegerin Nina Böhmer über Arbeiten am Limit und schwierige Patienten.
Ein Interview von Enrico Ippolito

SPIEGEL: Frau Böhmer, Sie arbeiten als Krankenpflegerin und haben im März ein Facebook-Post veröffentlicht, um ihren Frust über die Arbeitsbedingungen in der Corona-Hochphase aufzuschreiben. Können Sie uns noch mal zurück in diese Zeit bringen, die Sie zu dem Post geführt hat?

Zur Person

Nina Böhmer, Jahrgang 1992, ist in Brandenburg geboren und aufgewachsen. Nach der Schule machte sie ihren Abschluss als staatlich anerkannte Sozialassistentin, arbeitet danach für einen Pflegedienst und begann 2012 ihre Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin. Seitdem arbeitet sie in Berliner Krankenhäusern. Einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde sie durch ihre Wutbotschaft "Euren Applaus könnt ihr euch sonst wohin stecken", die sie am 23. März 2020 auf Facebook postete.

Nina Böhmer: Zu der Zeit berichteten Medien ziemlich viel über Corona. Ständig las ich irgendwelche Artikel, über das, was gemacht werden soll und welche Maßnahmen erforderlich seien. Erst hatte der Gesundheitsminister Jens Spahn die Personaluntergrenzen  in der Krankenpflege ausgesetzt, dann konnte sich das Robert Koch-Institut vorstellen, dass wir als Personal nicht 14 Tage in Quarantäne  müssen. Da kam eins nach dem anderen zusammen. Das hat mich ziemlich sauer gemacht. Ich hatte das alles gelesen und dachte: Das muss jetzt einfach raus.

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SPIEGEL: Sie haben daraufhin vor allem sehr viel positive Resonanz bekommen von Menschen, die in medizinischen Berufen arbeiten.

Böhmer: Wir alle wurden in den Medien als Helden gefeiert, haben uns aber wie Kanonenfutter gefühlt, das verheizt werden sollte - das fand ich ungerecht und mit dieser Meinung war ich nicht allein.

SPIEGEL: Es kam ein Mangel von Schutzkleidung und Masken hinzu. Wie sind Sie konkret im Berufsalltag damit umgegangen?

Böhmer: Man hat halt das benutzt, was da war. Die Leute sind auf einmal in die Krankenhäuser gegangen und haben Dinge geklaut: Ich bin aus einem Patientenzimmer rausgekommen, wollte mir die Hände desinfizieren - und auf einmal gab es die Flasche nicht mehr. Ich konnte das nicht verstehen, weil es im Krankenhaus viel dringender gebraucht wurde als bei irgendjemandem zu Hause. Wir haben dann nur eine Maske am Tag benutzt zum Beispiel, weil es nicht anders ging, und sie eben nicht jedes Mal nach Patientenkontakt gewechselt. Wir mussten sparsam sein und hatten oft ein schlechtes Gefühl damit, weil wir uns ja nicht nur vor Corona schützen müssen, sondern auch vor weiteren Krankenhauskeimen. So konnten wir das nicht mehr.

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SPIEGEL: Es gab auch Solidarität: Eine Zeit lang haben viele Menschen abends am Fenster geklatscht - um sich bei Menschen wie Ihnen für Ihre Arbeit zu bedanken. Dazu schrieben Sie in dem Post: "Und euer Klatschen könnt ihr euch sonst wo hinstecken ehrlich gesagt..."

Böhmer: Wenn uns Menschen helfen wollen, sollten sie nicht klatschen und singen, sondern lieber Onlinepetitionen unterschreiben und Parteien wählen, die sich für uns einsetzen.

SPIEGEL: Sie selbst mussten für Ihren Traumberuf kämpfen, Sie haben lange Zeit keinen Ausbildungsplatz bekommen, weil Sie kein Abitur hatten. Warum gibt es dieses Beharren aufs Abitur in dem Ausbildungsberuf?

Böhmer: Es ist nicht nur in dem Beruf so. Ich glaube, Abitur ist allgemein ziemlich wichtig für die Deutschen. Keine Ahnung warum. Es hat sich mittlerweile in der Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflege aber zum Glück schon ganz schön geändert, weil man Schwierigkeiten hatte, überhaupt Leute für die Ausbildung zu bekommen. In meiner Klasse waren wir damals nur zwei Leute ohne Abitur.

SPIEGEL: Von wie vielen?

Böhmer: Von ungefähr 20, 25.

SPIEGEL: Wäre das Ansehen des Berufs höher, wenn die Ausbildung akademisiert werden würde, wie zum Beispiel in den USA oder Großbritannien?

Böhmer: Trotzdem müsste die Abitur-Voraussetzung wegfallen. In einigen Ländern führen die Krankenpflegerinnen und -pfleger die Körperpflege nicht durch, das ist der große Unterschied. Deswegen werden sie auch etwas mehr geachtet. Wir hören hier oft, wir würden nur den Po der Patienten abwischen. Das ist an sich nichts Schlimmes oder Abwertendes. Aber die Leute, die das sagen, meinen es so. Fakt ist, dass wir gerade bei der Körperpflege auch die wichtige Krankenbeobachtung durchführen. Selbstverständlich haben Ärzte eine bessere Ausbildung, sie entscheiden, welche Medikamente man gibt und nicht. Aber oft genug gibt es Situationen, in denen Krankenpflegerinnen und -pfleger zu Assistenzärzten sagen: Gib mal lieber das oder mach es lieber so. Wir haben eine sehr gute Ausbildung und ein hohes medizinisches Fachwissen.

SPIEGEL: Sie haben die sehr bewusste Entscheidung getroffen, Ihre Festanstellung zu verlassen und in die Zeitarbeit zu gehen, weil Ihnen das Arbeiten im Krankenhaus zu unflexibel erschien.

Böhmer: Natürlich habe ich erst überlegt: Ist es gut, wenn ich in die Zeitarbeit gehe? Aber ich habe ja eine ganz normale Festanstellung.

SPIEGEL: Sie sind fest angestellt in der Zeitarbeitsfirma?

Böhmer: Genau, deswegen habe ich gedacht, warum nicht ausprobieren? Und wenn es nichts für mich ist, dann suche ich mir was anderes. Ich bin in der glücklichen Lage, überall einen Job als Krankenschwester zu bekommen.

SPIEGEL: Einen Job, der nicht immer einfach ist und Sie physisch und psychisch herausfordert. Sie beschreiben drei gewaltvolle Situationen mit Patienten, die Sie erlebt haben. In einem Fall schildern Sie, wie Sie als 16-Jährige in ein Zimmer geschickt wurden, um die Körperpflege bei einem Patienten durchzuführen, der sie mehrfach aufforderte auch seinen Intimbereich zu waschen - obwohl er es selbst konnte. Werden Sie in der Ausbildung auf solche Situationen vorbereitet?

Böhmer: So etwas passiert nicht jeden Tag. Aber grundsätzlich wird zu wenig darüber gesprochen, dass Patienten auch anzüglich werden. Wir hatten darüber mal kurz in der Schule gesprochen. Alle sollten erzählen, was ihnen schon passiert ist und dann wurde gesagt, wie wir am besten mit solchen Situationen umgehen sollen - nämlich es zu melden.

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Böhmer, Nina

Euren Applaus könnt ihr euch sonst wohin stecken: Pflegenotstand, Materialmangel, Zeitnot - was alles in unserem Gesundheitssystem schiefläuft

Verlag: HarperCollins
Seitenzahl: 208
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03.12.2022 00.18 Uhr

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SPIEGEL: In den Nachtschichten sind Sie als einzige Person für 25 Patienten verantwortlich. Was macht das mit Ihnen?

Böhmer: In erster Linie bedeutet das natürlich Stress. Ich habe immer die Sorge, dass irgendwas passieren kann. Dass zum Beispiel etwas in Zimmer 1 passiert, ich aber gerade in Zimmer 10 bin - und es deswegen nicht mitbekomme. Ich kenne Geschichten von Kolleginnen und Kollegen, bei denen ein Patient in der Nacht aus dem Fenster gesprungen ist, und die zuständige Pflegekraft es nicht mitbekommen hat, weil sie irgendwo anders beschäftigt war. Wir wissen auch, dass es Kolleginnen und Kollegen gibt, die sich aus diesen Gründen vor einem Nachtdienst regelrecht fürchten, manchmal sogar krankmelden, weil sie damit nicht umgehen wollen und können.

SPIEGEL: Sie schreiben von einer Kollegin, die sich durch den Berufsarzt für die Nachtdienste hat befreien lassen. Alle im Team hatten damit einen guten Umgang gefunden. Das Personalmanagement hat jedoch auf die Kollegin Druck ausgeübt, auch die Nachtschicht machen zu müssen.

Böhmer: Ich weiß nicht, warum Krankenhäuser so starr sind und auf ihr Drei-Schichtsystem beharren, also dass alle Kolleginnen und Kollegen alle drei Schichten durchführen müssen. Es gibt Kolleginnen und Kollegen, die machen gern Nachtdienst, jüngere lieber Spätdienst, Menschen mit Familien lieber Frühdienst. Darauf könnte man aufbauen und dementsprechend die Teams zusammenstellen.

SPIEGEL: Müssen Sie - als Zeitarbeiterin - auch in allen drei Schichten arbeiten?

Böhmer: Nein, ich muss zum Beispiel keine Nachtdienste machen, wenn ich das nicht möchte und ich wähle mir die Tage, an denen ich arbeiten möchte, selbst aus - und kann auch meinen Urlaub flexibler gestalten.

SPIEGEL: Haben Sie keine Sorge, dass Menschen in den Krankenhäusern, in denen Sie arbeiten, plötzlich anders mit Ihnen umgehen könnten, aus Angst, dass Sie alles nach außen tragen könnten?

Böhmer: Als so viele Medien über den Facebook-Post berichtet hatten, habe ich kurz gedacht: Was passiert, wenn mich niemand mehr bucht? Aber die Leute haben mich meist gar nicht erkannt, weil ich ja auf dem Foto zu dem Post eine Maske trug. Kolleginnen und Kollegen, die von meinem Buch wissen, ist klar, dass ich es auch für sie geschrieben habe. Deshalb rechne ich fest mit Unterstützung. Außerdem nenne ich keine Namen von den Krankenhäusern oder Stationen. Es ist gerade nicht die Schuld der Krankenhäuser, sondern der Politik.

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