Der Sommereffekt verpuffe in diesem Jahr, sagt Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (Symbolbild)
Der Sommereffekt verpuffe in diesem Jahr, sagt Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (Symbolbild)
Foto: Harry Koerber / IMAGO

Coronavirus Die Sommerwelle ist da – wer braucht jetzt die vierte Impfung?

Die Coronazahlen steigen, ein vergleichsweise entspannter Sommer wie 2021 scheint illusorisch. Gesundheitsminister Lauterbach verweist auf die Wirksamkeit der vierten Impfung. Für wen ist der zweite Booster sinnvoll?
Von Marthe Ruddat

Wohl alle Menschen haben darauf gehofft, dass mit den warmen Monaten auch die Corona-Fallzahlen weiter zurückgehen und der Sommer entspannter wird als die kalten Pandemiemonate. Doch nachdem die Infektionszahlen zeitweise zurückgegangen waren, scheint nun eingetreten zu sein, was Fachleute befürchteten : Die vom Robert Koch-Institut gemeldete Sieben-Tage-Inzidenz lag am Mittwoch bei 472,4. Der Wert war damit fast doppelt so hoch wie vor einer Woche. Noch dominiert die Omikron-Variante BA.2, doch die Subvarianten BA.4 und BA.5 setzen sich immer weiter durch. Der Anteil von BA.5 etwa verdoppelte sich zuletzt von Woche zu Woche. Expertinnen und Experten gehen dabei davon aus, dass viele Coronafälle gar nicht erfasst werden, weil sich nicht alle Infizierten an offiziellen Teststationen testen lassen und damit auch nicht in die Statistik einfließen.

»Die angekündigte Sommerwelle ist leider Realität geworden«, sagte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach der »Rheinischen Post« am Mittwoch. »Das bedeutet auch für die nächsten Wochen wenig Entspannung.« Der Sommereffekt in der Pandemie verpuffe in diesem Jahr, weil die aktuelle dominierende Virusvariante sehr leicht übertragbar sei und fast alle Vorsichtsmaßnahmen ausgelaufen seien. Schon am Dienstag hatte Lauterbach dazu aufgerufen, wegen der sprunghaft steigenden Coronazahlen in Innenräumen wieder freiwillig Schutzmasken zu tragen. Dies und eine vierte Impfung seien die wirksamsten Gegenmittel.

Bisher wird die vierte Impfung gegen Sars-CoV-2 jedoch nicht allen Menschen empfohlen. Könnte sich das bald ändern? Und sind wir noch gut vor dem Coronavirus geschützt, auch wenn die letzte Impfung schon einige Monate zurückliegt? Der Überblick:

Wem wird aktuell die vierte Impfung empfohlen?

Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt aktuell für folgende Gruppen eine zweite Auffrischimpfung:

  • Alle Menschen ab 70 Jahren, sofern seit der dritten Impfung mindestens drei Monate vergangen sind.

  • Menschen, die in Alten- und Pflegeheimen leben und Personen in Einrichtungen der Eingliederungshilfe, die ein Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf haben. Auch bei ihnen sollen mindestens drei Monate seit dem ersten Booster verstrichen sein.

  • Alle Menschen mit Immunschwäche ab 5 Jahren. Auch hier soll die vierte Impfung frühestens drei Monate nach der dritten Impfdosis erfolgen.

  • Ebenfalls eine vierte Dosis angeboten werden sollte Menschen, die in medizinischen und pflegerischen Einrichtungen arbeiten, vor allem, wenn sie in direktem Kontakt zu Patientinnen und Bewohnern stehen. Hier ist Voraussetzung, dass seit der dritten Impfung mindestens sechs Monate vergangen sind. In begründeten Einzelfällen kann die zweite Auffrischimpfung jedoch bereits nach frühestens drei Monaten nach der ersten Auffrischung erwogen werden.

Wer zu einer dieser Gruppen gehört, jedoch mindestens drei Monate nach dem ersten Booster mit dem Coronavirus infiziert war, soll nach den Empfehlungen der Stiko vorerst keine vierte Impfung erhalten.

Warum wird die vierte Impfung nur diesen Gruppen empfohlen?

Das Immunsystem hat verschiedene Strategien, einen Erreger zu bekämpfen. Durch die Coronaimpfung werden neutralisierende Antikörper gebildet, die Sars-CoV-2 daran hindern, Zellen zu infizieren und sich im Körper zu vermehren. Außerdem werden spezifische T-Zellen aktiviert, die infizierte Zellen erkennen und abtöten können. Kommen sogenannte T- oder B-Gedächtniszellen erneut mit dem Erreger in Kontakt, erinnern sie sich an ihn und werden sofort aktiv, ohne dass er großen Schaden anrichten kann.

Die Menge der neutralisierenden Antikörper geht im Blut von Geimpften allerdings mit der Zeit zurück. »Das ist ein ganz normaler Vorgang im Immunsystem«, erklärt Christine Falk, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. Demnach verschwinden die Antikörper nicht ganz, sondern pendeln sich auf niedrigem Niveau ein. Auch der Schutz durch die T-Zellen halte lange an.

Immunescape-Varianten wie Omikron können den Impfschutz zwar teilweise umgehen und Geimpfte sich dadurch anstecken. »Drei Impfungen schützen aber immer noch sehr gut vor einem schweren Krankheitsverlauf«, sagt Falk.

Der Nutzen einer vierten Impfung sei für den Großteil der Bevölkerung hingegen gering, weil drei Impfungen für die Gedächtnisbildung ausreichen, so die Immunologin. Eine Studie aus Israel etwa zeigte, dass eine vierte Impfung zwar einen Anstieg der Antikörper bewirkt, dieser aber nicht über das Niveau der dritten Impfung hinausgeht und auch wieder abfällt.

Bei älteren und immungeschwächten Menschen jedoch könne der Impfschutz etwa durch bestimmte Medikamente generell geringer ausfallen, als bei jüngeren, gesunden Menschen. Deshalb sei eine vierte Impfung bei diesen Personen sinnvoll, um den Schutz vor schwerer Erkrankung oder gar Tod hochzuhalten, sagt die Immunologin.

Ob diese Empfehlungen eventuell angepasst werden müssten, hänge wesentlich davon ab, ob Omikron weiter die vorherrschende Variante bleibe, oder sich eventuell andere Varianten durchsetzen.

Mit welchem Mittel soll die vierte Impfung erfolgen?

Empfohlen werden für die Auffrischung mRNA-Impfstoffe, also die Mittel von den Herstellern Biontech und Moderna. Die Vakzinen, die in Deutschland derzeit zur Verfügung stehen, sind auf Basis des Urvirus aus Wuhan entwickelt worden. Pharmaunternehmen arbeiten derweil an Impfstoffen, die gezielt gegen die Omikron-Variante wirken sollen. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach sagte vergangene Woche im Deutschlandfunk, er rechne frühestens im September mit den neuen Impfstoffen.

Auch Christine Falk verweist darauf, dass es noch einige Zeit dauere, bis die Mittel verfügbar seien. Außerdem sei noch nicht klar, inwieweit sie zusätzlich zum Schutz der ersten drei Impfungen einen Mehrwert in Bezug auf den Schutz vor der Infektion mit dem Virus oder einer schweren Erkrankung bringen. Sie empfiehlt deshalb nicht, auf diese Mittel zu warten. »Menschen ab 70 Jahren oder mit Immunschwäche würde ich raten, sich jetzt ein viertes Mal mit dem vorhandenen Impfstoff impfen zu lassen, um besser geschützt zu sein«, sagt die Immunologin.