Superspreader-Ereignis in China Ein Tempel, zwei Busse, 31 Infizierte
Mitunter schafft das Leben nahezu ideale Bedingungen für eine wissenschaftliche Beobachtung: So geschehen im Januar dieses Jahres in der Stadt Ningbo in der ostchinesischen Provinz Zhejiang. Man ahnt es schon: Es geht um Corona. Um die Ausbreitung von Viren, um Superspreader und um die Frage, wieso sich das Virus manchmal so schnell ausbreitet und manchmal nicht.
Am 19. Januar machten sich in Ningbo 126 Laienbuddhisten auf den Weg zu einem Tempel, wo sich insgesamt 300 Menschen trafen. Sie nahmen dafür zwei verschiedene Busse, 59 von ihnen saßen im ersten, 67 im zweiten Bus mit zusätzlich je einem Fahrer. Die Fahrt dauerte jeweils 50, das religiöse Zusammentreffen 150 Minuten.
Husten, frieren, Muskelschmerzen
In einem der Busse saß ein Mann, der mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 infiziert war, wie sich später herausstellte. Der Mann in den Sechzigern hatte zwei Tage zuvor mit vier Menschen an einem Tisch gesessen, die in Hubei gewesen waren. Hubei mit der Hauptstadt Wuhan ist die Provinz, in der die Corona-Pandemie ihren Anfang nahm.
Am Abend nach der Rückkehr von der religiösen Versammlung begann er zu husten und zu frieren, seine Muskeln schmerzten. Am nächsten Tag ging es ihm bereits besser. Drei Tage später jedoch fieberten und husteten auch seine Frau und sein Kind, und die drei ließen sich in einem Krankenhaus auf Sars-CoV-2 untersuchen. Alle drei waren positiv.
Der Mann blieb nicht der einzige Infizierte des Tempeltreffens: Vermutlich steckte er mindestens 23 weitere Menschen an, sie alle waren Passagiere des Busses, in dem er saß. Damit war er ein sogenannter Superspreader, davon gehen jetzt zumindest Mitarbeiter der Zentralen Gesundheitsbehörde in Zhejiang aus, die über das Event in der Fachzeitschrift "Jama" berichten. In dem anderen Bus gab es keine einzige nachgewiesene Infektion.
172 weitere Menschen nahmen an dem Tempeltreffen teil, das überwiegend im Freien stattfand, darunter fünf Mönche. Insgesamt gab es bei ihnen sieben Infektionen. Alle Infizierten erinnerten sich bei der Nachverfolgung, dass sie näheren Kontakt zu dem Mann gehabt hatten.
Virentransport per Luftzirkulation
Da sich in dem Bus mit dem Infizierten so viele Menschen ansteckten, versuchten die Wissenschaftler im Nachhinein herauszufinden, ob sich ein Muster entdecken ließ, das die Ansteckungen erklären könnte. Es infizierten sich auch Passagiere, die ganz hinten saßen, während der Mann in Reihe acht von 15 seinen Platz hatte. Auffällig war, dass sich weder der Busfahrer noch die Passagiere, die in der Nähe von den anderen Türen oder von zu öffnenden Fenstern saßen, angesteckt hatten.
Der Busfahrer hatte allerdings die Heizung und die Luftzirkulation angestellt, sodass die Luft im Bus während der Fahrt ständig bewegt wurde. Dass sich das Coronavirus über Aerosole ausbreitet, ist bekannt. Im Bus dürfte also die Belüftungsanlage die winzigen Partikel durch den gesamten Innenraum transportiert haben. In der Nähe der Ausgänge und der Fenster hingegen, wo es Luftaustausch gab, infizierten sich kaum Passagiere.
Natürlich können die Untersuchungen nicht beweisen, dass der Mann tatsächlich derjenige war, der alle anderen angesteckt hatte. Immerhin leben in Ningbo mehr als acht Millionen Menschen. Am 19. Januar aber hatte sich das Virus ziemlich wahrscheinlich noch nicht sehr ausgebreitet. Doch Unsicherheiten bleiben. Aber so ist das nun mal in der Wissenschaft: Die Bedingungen sind immer nur nahezu ideal.