Maske tragen nur noch die Übervorsichtigen? Nicht unbedingt (Symbolbild)
Maske tragen nur noch die Übervorsichtigen? Nicht unbedingt (Symbolbild)
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Mario Guti / Getty Images

Freiwillige Maßnahme Was bringen Masken jetzt noch?

Die Ampel streitet über Masken, dennoch präsentieren sich Karl Lauterbach und Wolfgang Kubicki ausnahmsweise geeint bei einer Party: Beide tragen FFP2-Masken. Sollte man dem Vorbild der Politiker folgen – oder ist das nutzlos?
Von Katherine Rydlink

Beste Freunde werden Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) und FDP-Vize Wolfgang Kubicki in diesem Leben vermutlich nicht mehr. Zu unterschiedlich sind sie in ihrer Gesinnung, insbesondere bezüglich der Coronamaßnahmen: Der eine gilt als der ewige Mahner, der andere als der Verharmloser. Dennoch posierten die beiden am Dienstagabend gemeinsam für ein Foto. Lauterbach machte das Selfie beim Sommerfest des Senders RTL, beide tragen eine schwarze FFP2-Maske. Er schrieb dazu: »Ab jetzt trägt Wolfgang Kubicki auch draußen Maske. Habe ihn gerade beim RTL-Fest überzeugen können...«

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Etwas schräg wirkt der Post zunächst vor allem, weil kurz zuvor bekannt wurde, dass die Maskenpflicht in Flugzeugen abgeschafft werden soll. In der Koalition hatte die FDP Druck für ein Ende der gesetzlichen Vorgabe an Bord gemacht. Im Freien Maske tragen, aber im Flugzeug nicht?

Kubicki selbst löste den vermeintlichen Widerspruch kurz darauf auf seinem Facebook-Profil auf: »Ich habe heute Karl Lauterbach getroffen. Habe ihn überzeugt, dass Maskentragen nicht verboten ist, wenn man es will. Wir haben es probiert. Hat funktioniert. Ganz ohne Befehl von der Regierung.«

Die beiden Herren haben sich also gegenseitig aufs Korn genommen und gleichzeitig auf eine Sache hingewiesen: die Freiwilligkeit. Der Bund schreibt es nicht mehr überall vor, doch kann jeder und jede selbst entscheiden, den Mund-Nasen-Schutz aufzuziehen, wann immer das eigene Gewissen es verlangt. Zumindest bis Oktober, dann soll es wieder Regeln geben.

Es ist zwar lobenswert, dass die beiden Politiker hierbei als Vorbild fungieren wollen, sie lassen dabei aber etwas Wichtiges außer acht: die Gruppendynamik. Ist die Maske nicht vorgeschrieben, wird die Mehrheit der Menschen sie auch nicht tragen. Gut zu beobachten ist das in Supermärkten, Fitnessstudios und Restaurants, wo die Maskenpflicht bereits seit Wochen gefallen ist. Anfangs trugen noch viele den Schutz freiwillig, inzwischen sind nur noch vereinzelt Menschen mit Maske beim Einkaufen zu sehen, trotz anhaltend hoher Infektionszahlen.

Gleichzeitig gibt es die Älteren, die Schwangeren, die chronisch Kranken, die ein erhöhtes Risiko haben, schwer an Covid-19 zu erkranken. Sie und ihre Angehörigen fühlen sich vom Staat kaum noch geschützt. Das Gegenargument lautet häufig, dass ja noch Maske tragen könne, wer sich schützen wolle. Doch bringt es überhaupt etwas, wenn Einzelne sie doch aufziehen, um sich oder andere damit zu schützen? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.

Wie ist die Studienlage zur Wirksamkeit von Masken?

Mehrere wissenschaftliche Analysen belegen, dass Masken vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus schützen. Mitte 2020 ergab etwa eine Überblicks-Studie , die in der Fachzeitschrift »The Lancet« veröffentlicht wurde: Medizinische Masken können das Infektionsrisiko deutlich senken.

Konkrete Zahlen dazu lieferte auch eine Studie des Max-Planck-Instituts für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen  vom Juni 2021. Tragen eine nicht infizierte und eine infizierte Person gut sitzende FFP2-Masken, beträgt das maximale Ansteckungsrisiko nach 20 Minuten selbst auf kürzeste Distanz in einem Raum kaum mehr als ein Promille. Selbst OP-Masken – die nicht so dicht anliegen und nicht so gut potenziell infektiöse Tröpfchen aus der Atemluft filtern – verringern das Risiko demnach deutlich: Die Wahrscheinlichkeit sich anzustecken liegt dann bei höchstens zehn Prozent, so das Ergebnis der Untersuchung.

»Wenn ich mich nicht anstecken will, trage ich eine Maske. Ganz einfach«, sagt der Physiker Eberhard Bodenschatz, der maßgeblich an der Göttinger Max-Planck-Studie beteiligt war. Die großen Atemlufttröpfchen seien wegen ihres Volumens am ansteckendsten. »Masken nehmen diese großen Partikel weg. Das heißt, Sie können mit einer gut sitzenden Maske niemanden mehr anstecken.«

Wie gut bin ich geschützt, wenn ich eine FFP2-Maske trage?

Ob freiwillig oder verpflichtend – am meisten bringt die Maske also etwas, wenn alle sie tragen: »Das Maskentragen zeigt dann die höchste Wirkung, das heißt eine Verringerung des Infektionsrisikos, wenn möglichst alle Personen im Raum eine medizinische Maske tragen«, schreibt das Robert Koch-Institut (RKI) in seinen Empfehlungen .

Doch auch zum Eigenschutz hilft die Maske. Denn sie verringert das Risiko, virushaltige Partikel einzuatmen. Wichtig ist dabei, dass der Schutz eng anliegt und Mund und Nase komplett abdeckt. In Situationen mit vielen Menschen sollte er, falls notwendig, zudem nur kurzzeitig abgenommen werden.

Auch die Deutsche Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie bestätigt , dass man sich mit einer Maske vor einer Infektion schützen kann. In einer Studie mit Krankenhausmitarbeitern sei im Jahr 2015 – also vor der Coronapandemie – gezeigt worden, dass das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes die Übertragung von respiratorischen Viren auf Mitarbeiter reduzierte. Die Patienten selbst trugen demnach keine Masken, die Mitarbeitenden wurden dennoch durch die eigene Maske geschützt.

Wann kann sie helfen – wann ist sie überflüssig?

Das RKI hat klare Empfehlungen , wann eine Maske freiwillig getragen werden sollte:

  • In Situationen, in denen enger Kontakt zu Personen besteht, die nicht dem eigenen engen sozialen Kreis angehören.

  • In Haushalten mit bekanntem Fall einer Sars-CoV-2-Infektion, starkem Verdacht einer Sars-CoV-2-Infektion oder Anwesenheit von Personen mit Symptomen einer akuten Atemwegsinfektion.

  • In öffentlichen Innenräumen mit engem Kontakt – hier sei das kontinuierliche Tragen besonders wichtig.

In Außenbereichen sei das Infektionsrisiko grundsätzlich wesentlich geringer. Hier sei das Tragen von Masken in der Regel nur in bestimmten Situationen sinnvoll, etwa bei längeren Gesprächen und gesichtsnahen Kontakten, oder in unübersichtlichen Situationen mit Menschenansammlungen.

Was spricht gegen Masken?

Den meisten Menschen fallen auf Anhieb vermutlich viele Gründe ein, warum Masken nerven: Man darf sie nicht vergessen, sie können unbequem sein, man bekommt etwas schlechter Luft, muss lauter sprechen, die Brille beschlägt, die Mimik des Gegenübers ist verdeckt, und nicht zuletzt kosten sie Geld.

Vor allem bei Kindern ist die Debatte über die Maskenpflicht im Unterricht mittlerweile hochemotional. Viele Eltern befürchten, ihren Kindern würde durch das Maskentragen ein dauerhafter Schaden zugefügt. Der Bundestag will am Donnerstag darüber beraten, ob die Länder in Schulen ab der fünften Klasse eine Maskenpflicht einführen können, wenn dadurch ein geregelter Präsenz-Unterrichtsbetrieb aufrechterhalten werden kann.

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) hat dazu bereits seit Längerem eine eindeutige Haltung: »Wir sind dagegen, schon jetzt eine Maskenpflicht an weiterführenden Schulen für den Herbst und Winter festzulegen«, sagt Sprecher Jakob Maske. Natürlich sei man nicht weltfremd: In bestimmten Situationen sei diese sinnvoll, um Infektionen zu vermeiden. Doch man müsse Kosten und Nutzen sehr gut abwägen.

Auch die deutschen Amtsärzte halten eine Maskenpflicht an Schulen nur für gerechtfertigt, wenn eine gefährlichere Virusvariante auftreten sollte. »Bei den aktuellen Varianten ist eine Maskenpflicht im Unterricht nicht nötig«, sagte Johannes Nießen, Vorsitzender des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD). Masken beeinträchtigten das Lernen erheblich, fügte er hinzu. »Sie haben Einfluss auf die Sprachentwicklung, erschweren den Fremdsprachenunterricht und stören die Kommunikation, weil sie das halbe Gesichtsfeld bedecken.«

Welche negativen Effekte haben Masken auf Kinder?

Bisherige Studien geben keine Hinweise auf mögliche psychische Probleme bei Kindern durch den Mund-Nasen-Schutz. »Zu den Auswirkungen des Maskentragens auf verschiedene Entwicklungsbereiche von Kindern und Jugendlichen lassen sich basierend auf der unzureichenden Studienlage nur wenige Erkenntnisse ableiten«, heißt es etwa in einer Übersichtsarbeit von Oktober 2021. Es fehle an Forschungsdaten zu den Folgen für psychische Entwicklung, Sprachentwicklung und soziales Verhalten.

Cornelia Beeking, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, sagt dazu: »Ich kenne kein Kind, das allein durch das Maskentragen psychisch erkrankt ist.« Gleiches gelte auch für ihre Kolleginnen und Kollegen, mit denen sie sich kontinuierlich austausche. Sie sieht das Problem eher aufseiten der Eltern – wenn diese etwa mit Aussagen verunsichert werden, eine Maske könnte ihre Kinder emotional einschränken, ihre Entwicklung beeinträchtigen. Wenn diese Verunsicherung weitergeben werde, könne die Akzeptanz stark beeinträchtigt werden.

Angebliche Probleme durch die Maske bei der Kommunikation in der Schule? Bei Kindern in diesem Alter sei die Sprachentwicklung schon so weit abgeschlossen, dass nicht nur das Sehen des Mundes relevant sei, erklärt Beeking. »Da spielen andere Faktoren eine zusätzliche Rolle, zum Beispiel die Intonation. Das ist mit Maske kein Problem – sonst könnten übrigens blinde Kinder nie sprechen lernen.«

Gibt es relevante körperliche Einschränkungen?

Durch FFP2-Masken erhöht sich der Atemwiderstand, was unangenehm sein kann. Für Menschen, die nicht an Atemwegserkrankungen leiden, ist das Tragen jedoch gesundheitlich unbedenklich. Übersichtsarbeiten ergeben ein eindeutiges Bild: Durch das Tragen von Masken bei körperlicher Belastung verändern sich die Vitalparameter wie Herzschlag und Atemfrequenz praktisch nicht. Eine Untersuchung der Bergischen Universität Wuppertal bestätigt: FFP2-Masken beeinflussen die Ausdauer-Leistungsfähigkeit bei gesunden Personen nicht – obwohl die Probandinnen und Probanden hohe Atemleistungen erbringen mussten.

Die Technische Universität Berlin untersuchte jüngst in einem Experiment, ob Masken Einfluss auf die geistige Leistungsfähigkeit haben können. Dabei kam heraus, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine Stresssituation mit Kopfrechenaufgaben mit und ohne Maske gleich gut bewältigen konnten. Zudem gaben die Probanden an, dass sich ihre mentale Belastung durch das Tragen nicht verändert habe.

Das RKI schreibt auf seiner Website: »In Untersuchungen mit Gesundheitspersonal sind Nebenwirkungen wie etwa Atembeschwerden oder Gesichtsdermatitis infolge des abschließenden Dichtsitzes beschrieben worden.« Die Studienlage sei allgemein jedoch unzureichend.

Und wo gilt ab wann die Maskenpflicht?

Wie bereits erwähnt, soll die Maskenpflicht in Flugzeugen demnächst fallen. Dem Gesetzentwurf für das neue Infektionsschutzgesetz zufolge sollen FFP2-Masken ab Oktober hingegen in Fernzügen sowie Pflegeheimen und Krankenhäusern Pflicht sein oder bleiben. Für den öffentlichen Nahverkehr, die Gastronomie, Supermärkte, Schulen und weitere »öffentlich zugängliche Innenräume« sollen die Länder Maskenpflichten beschließen können. Voraussetzung wäre ein Beschluss des jeweiligen Landtages.

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Kinder unter sechs Jahren sind davon ausgenommen, ebenso Personen, die aufgrund von Vorerkrankungen oder Behinderungen keine Maske tragen können.

Anders als im vergangenen Winter kann die Maskenpflicht allerdings umgangen werden: Bei Freizeit- oder Sportveranstaltungen sowie beim Besuch in Bars, Klubs und Restaurants kann dem Entwurf zufolge in einer ersten Phase alternativ zum Tragen der Maske entweder ein aktueller Test oder ein Genesenen- oder Impfnachweis vorgelegt werden, der nicht älter als drei Monate ist.

Mit Material von dpa
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