Junge Frau hinter Milchglas (Symbolbild): »Nachfrage nach Therapien extrem gestiegen«
Junge Frau hinter Milchglas (Symbolbild): »Nachfrage nach Therapien extrem gestiegen«
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Brill Stuart / Millennium / plainpicture

Kinder und Jugendliche im Lockdown Was hinter der Studie zu Suizidversuchen steckt

Dreimal mehr Kinder und Jugendliche sollen im zweiten Lockdown auf Intensivstationen gelandet sein, weil sie versucht haben, sich das Leben zu nehmen. Die Studie der Uniklinik Essen hat Unschärfen – aber das Problem dahinter ist immens.
Von Silke Fokken und Heike Klovert

Es war eine Nachricht, die viele Menschen, die sich in diesen Tagen mit psychischen Leiden beschäftigen, einerseits gar nicht und andererseits sehr überrascht haben dürfte: Ein Essener Kinderarzt berichtete in einem Videogespräch  von einer Umfrage, wonach im Frühjahr 2021, also zum Ende des zweiten Lockdowns, sehr viel mehr Kinder und Jugendliche wegen eines Suizidversuchs auf Kinderintensivstationen gelandet waren als in den gleichen Monaten der Jahre zuvor.

Christian Dohna-Schwake heißt der Essener Arzt. Er leitet die Kinderintensivstation der dortigen Uniklinik. Der Mediziner hatte in den vergangenen Monaten festgestellt, dass er häufiger als früher mit jungen Patientinnen und Patienten zu tun hatte, die versucht hatten, sich das Leben zu nehmen. Also fragten er und sein Team in anderen Krankenhäusern nach. Ein Anstieg der Zahlen, ja, der sei zu erwarten gewesen, doch dass der so deutlich ausfallen würden, damit habe er nicht gerechnet, sagt Dohna-Schwake.

An der Studie beteiligten sich 27 Kinderintensivstationen. Sie verzeichneten von Mitte März bis Ende Mai 2021 93 Suizidversuche bei Kindern und Jugendlichen. Das waren etwa viermal so viele wie im gleichen Zeitraum im Jahr davor, und rund dreimal so viele wie 2019, im Frühjahr vor der Pandemie.

Dohna-Schwake und seine Kollegen rechneten die 93 Fälle hoch auf die Gesamtzahl der Betten, die es laut Intensivregister der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) auf Kinderintensivstationen bundesweit gibt. Sie kamen auf 450 bis 500 Suizidversuche im Frühjahr 2021.

Hauptanteil machten Tablettenvergiftungen aus

Nun hat diese Studie, über die viele Medien seither berichtet haben, einige Unschärfen. Sie ist noch nicht veröffentlicht und hat noch kein Peer-Review-Verfahren durchlaufen, wurde also noch nicht von anderen Forscherinnen und Forschern überprüft.

Eine mögliche Schwachstelle: Unter den rund 130 Kinderintensivstationen, die im Divi-Register stehen, seien einige ganz oder vornehmlich für die Versorgung frühgeborener Babys bestimmt, sagte Dohna-Schwake dem SPIEGEL. Weil sie sich jedoch im Register nicht eindeutig identifizieren lassen, fließen sie in die Hochrechnung mit ein und könnten diese verzerren. Andererseits tauchen Jugendliche, die auf Intensivstationen für Erwachsene aufgenommen werden, in der Studie nicht mit auf.

Zudem setzen die Studienautoren mit ihrer Hochrechnung voraus, dass der zahlenmäßige Anstieg der Suizidversuche in allen Kinderintensivstationen in etwa so dramatisch ausfiel wie in dem Fünftel der Kliniken, die sie untersuchten.

Sie prüften auch nicht selbst, ob ein Kind tatsächlich wegen eines Suizidversuchs oder doch wegen eines Unfalls eingeliefert wurde. Das könnten die Kolleginnen und Kollegen bei der Aufnahme jedoch in der Regel verlässlich beurteilen, sagte Dohna-Schwake. »Den Hauptanteil machten Tablettenvergiftungen aus, die sind schwerlich anders zu interpretieren.«

Selbst wenn die Essener Medizinerinnen und Mediziner ihre Angaben am Ende in die eine oder andere Richtung korrigieren müssten: Vor dem Problem, auf das sie hinweisen, warnen Fachleute  schon lange eindringlich.

»Es überrascht mich nicht, dass die Zahl der Suizidversuche gestiegen sein soll«, sagte Marion Schwarz vom Verband BKJ, der bundesweit Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen und -therapeuten vertritt, dem SPIEGEL. »Viele Kolleginnen und Kollegen berichten, dass die Nachfrage nach Therapien extrem gestiegen sei.« Kinder und Jugendliche litten verstärkt unter Angst vor der Schule und den dortigen großen Klassen, manche seien in den Monaten des Lockdowns regelrecht im Internet versunken, anderen habe das ständige Abstandhalten und der fehlende Kontakt zu Freunden psychisch zugesetzt.

Im vergangenen Jahr unterzeichneten fast 400 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in Kinder- und Jugendpsychiatrien, niedergelassene Therapeutinnen und Therapeuten und weitere Fachleute einen Brandbrief , der vor der hohen psychischen Belastung von Kindern und Jugendlichen warnte.

Hinweise aus Japan und den USA

»Es gibt immer mehr Hinweise darauf, dass die Pandemie junge Menschen in Bezug auf Isolation, Einsamkeit und Suizidalität besonders hart trifft«, sagt auch Reinhard Lindner, Leiter des Nationalen Suizidpräventionsprogramms für Deutschland NaSPro . Hierzulande lägen zwar noch keine aktuellen Daten vor. Doch in Japan, der Schweiz und den USA habe sich gezeigt, dass die Suizidzahlen für junge Mädchen und Frauen im vergangenen Jahr deutlich zugenommen hätten.

Kreisen Ihre Gedanken darum, sich das Leben zu nehmen? Sprechen Sie mit anderen Menschen darüber. Hier finden Sie – auch anonyme – Hilfsangebote in vermeintlich ausweglosen Lebenslagen. Per Telefon, Chat, E-Mail oder im persönlichen Gespräch.

Jeder Suizid habe zwar eigene, vielfältige Ursachen – und welche Rolle die Pandemie und der Lockdown darin spielten, sei schwierig zu bemessen. »Doch klar ist, dass junge Menschen viel stärker auf reale Kontakte mit Gleichaltrigen angewiesen sind. Das Erwachsenwerden ermöglicht, dass wir besser mit uns selbst allein sein können und uns verbunden fühlen mit Menschen, die nicht da sind. Kinder und Jugendliche brauchen hingegen eher das konkrete Miteinander in ihrer Peer Group.«

Hanna Christiansen ist Professorin für Klinische Kinder- und Jugendpsychologie an der Philipps Universität Marburg, sie arbeitet an einer Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis. Ängste, depressive Störungen und suizidale Gedanken sowie Suizidversuche seien unter Kindern und Jugendlichen stark angestiegen, sagt auch sie. »Das ist auch das, was wir hier in der Klinik beobachten«.

Insbesondere jugendliche Mädchen, die vor der Pandemie in der Schule und bei Hobbys viel Anerkennung gefunden hätten, die gute Noten gehabt hätten und vielseitig interessiert gewesen seien, seien im Zuge der teils monatelangen Schulschließungen oder nach wochenlanger Quarantäne »in ein tiefes Loch gefallen«. »Einige haben da noch nicht wieder herausgefunden, auch nicht, als der Unterricht wieder normal stattfand«, sagt die Psychologin.

Depressionen bauen sich oft langsam auf

Ein Mädchen in der Sondersprechstunde der Klinik, erzählt Christiansen, sei tief verzweifelt gewesen und depressiv, habe fast nur noch geweint und schließlich mitgeteilt, sie werde nun noch mit jeder ihrer Freundinnen einmal ein Eis essen und für zwei Wochen mit ihren Eltern in Urlaub fahren und sich danach das Leben nehmen. »Für das Mädchen war dieser Gedanke erst mal eine riesige Entlastung, weil er als Ausweg aus einer für sie kaum noch erträglichen Situation schien«, sagt Christiansen. »Wir konnten nicht ausschließen, dass sie sich wirklich etwas antut.« Die Jugendliche sei deshalb stationär in der Klinik aufgenommen worden.

In solchen Notfällen sei kein Aufschub möglich, sagt Christiansen. Vielen anderen Kinder und Jugendliche könne jedoch oft nicht schnell genug geholfen werden. »Wir haben Wartelisten von bis zu sechs Monaten, aber wenn Kinder und Jugendliche massive Ängste oder depressive Störungen haben, kann ich denen eigentlich nicht sagen, sie müssten jetzt mal warten. Die brauchen sofort Hilfe.«

Depressionen, suizidale Gedanken oder Angststörungen bauten sich oft über einen längeren Zeitraum auf, sagt Christiansen. »Je länger solche Krankheitsbilder andauern, desto schwieriger ist es oft, sie wieder in den Griff zu bekommen.«

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