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Pandemie-Verlauf Was wir nach einem halben Jahr über Corona wissen

Als Ende 2019 ein neuartiges Coronavirus in China ausbrach, dachte niemand, dass es sich nur wenige Wochen später auf der ganzen Welt ausbreiten würde. Inzwischen haben wir eine Menge gelernt.
Von Katherine Rydlink

Ende Januar gab ein - damals der breiten Öffentlichkeit noch weitgehend unbekannter - Berliner Virologe dem SPIEGEL ein Interview. Es ging um das neuartige Coronavirus, das in der chinesischen Metropole Wuhan aufgetaucht war und sich dort rasant verbreitete. Es sehe danach aus, als käme die Welt glimpflicher davon als bei der Sars-Pandemie, sagte Christian Drosten, der damals noch unkompliziert zu erreichen war und auf kurze Anfragen persönlich per E-Mail antwortete. "Aber das müssen wir in den kommenden Wochen beobachten."

Inzwischen weiß fast jeder, wer Drosten ist - und dass er mit seiner Einschätzung im Januar danebenlag: Rund 8000 Menschen erkrankten 2002/03 weltweit an Sars-1. Nur, muss man sagen. Denn mit Sars-CoV-2 haben sich mittlerweile mehr als sieben Millionen Menschen infiziert, in fast allen Ländern wurde das öffentliche Leben maßgeblich eingeschränkt. Unzählige Mitarbeiter vieler Firmen arbeiten im Homeoffice, wir tragen Mundschutz beim Einkaufen und haben Begriffe wie Aerosole, Reproduktionszahl und Abstandsregeln längst in unseren Alltagswortschatz aufgenommen.

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Virologen blieb Anfang des Jahres nichts anderes übrig, als über das neue Virus zu spekulieren. Und auch ein knappes halbes Jahr nach Bekanntwerden der ersten Fälle in Wuhan gibt es vieles, was wir noch nicht wissen: Ob und wann es einen Impfstoff geben wird etwa. Oder welche Medikamente gegen Covid-19 helfen. Doch in einigen Bereichen haben wir zunehmend verlässliche Informationen über die Lungenkrankheit gesammelt. Ein Überblick.

Aerosole scheinen ein wichtiger Übertragungsweg für Sars-CoV-2 zu sein

Der Hauptübertragungsweg von Sars-CoV-2 ist laut Robert Koch-Institut (RKI)  die Tröpfcheninfektion: Beim Sprechen, Husten oder Niesen werden Tröpfchen ausgeschieden, die wiederum vom Gegenüber eingeatmet werden können oder auf dessen Schleimhäute gelangen.

Immer mehr Daten sprechen nun dafür, dass die Viren auch über Aerosole übertragen werden können. Dabei handelt es sich um winzige Schwebeteilchen, die unter anderem beim Sprechen ausgeschieden werden und im Gegensatz zu Tröpfchen nicht so schnell zu Boden sinken. Um sich vor ihnen zu schützen, reicht ein Mindestabstand von 1,5 Metern nicht aus. Besonders hoch ist das Risiko in geschlossenen Räumen.

DER SPIEGEL

Wer singt, laut spricht oder angestrengt atmet, scheidet außerdem mehr Aerosole aus als jemand, der entspannt vor sich hin atmet. Das könnte erklären, warum Gottesdienste und Restaurants prädestinierte Orte für einen Ausbruch sind.

Besonders ansteckend sind Infizierte zudem kurz vor Symptombeginn: Wie Wissenschaftler von der Universität Hongkong berichten, lassen sich vor allem dann viele Viren im Nasen-Rachen-Raum finden, wenn sich gerade erste Anzeichen der Erkrankung bemerkbar machen  - knapp die Hälfte der Ansteckungen fand sogar bereits vor Beginn der Symptome statt.

Corona wird häufig durch Superspreader verbreitet

Zunächst ging man davon aus, jeder Infizierte sei hochansteckend und könne das Virus an bis zu drei Personen weitergeben. Die Untersuchung verschiedener Ausbruchscluster - also Orte, an denen sich eine hohe Zahl an Infizierten häuft - legt jedoch nahe, dass die Ansteckungen offenbar auf eine oder einige wenige hochinfektiöse Personen zurückgehen: sogenannte Superspreader.

Wer Superspreader wird und warum einige Personen ansteckender als andere sind, lässt sich schwer beantworten. Unter anderem spielen dabei äußere und individuelle Faktoren eine Rolle (mehr dazu lesen Sie hier). Mit diesen Erkenntnissen kann die Pandemie nun gezielter eingedämmt werden, indem Superspreader-Events ausfindig gemacht und kontrolliert werden - etwa durch das fortbestehende Verbot von Großveranstaltungen oder die sofortige Isolation aller Kontaktpersonen eines Clusters.

Kinder scheinen keine besondere Rolle bei der Verbreitung des Virus zu spielen

Bereits zu Beginn der Pandemie war auffällig, dass sich Kinder eher selten mit dem Virus anstecken, und falls doch, ein Großteil von ihnen keine oder nur milde Symptome zeigt. Bislang ist noch nicht abschließend geklärt, wie häufig Kinder sich mit dem Coronavirus infizieren und wie oft sie andere anstecken. Studien sind zu dem Ergebnis gekommen, dass die Virusmenge bei Kindern der von Erwachsenen ähnlich ist und sie damit eigentlich auch genauso infektiös sein müssten.

Quantitative Datenauswertungen von Infizierten zeigen jedoch, dass unter Zwölfjährige sich deutlich seltener anstecken und das Virus auch seltener weitergeben als Erwachsene. Sie scheinen bei der Verbreitung von Sars-CoV-2 also keine besondere Rolle zu spielen.

Mund-Nasen-Schutz bringt mehr als zunächst gedacht

Maskenpflicht - ja oder nein? Lange sahen Experten keine Notwendigkeit, in der Öffentlichkeit Masken zu tragen, oder rieten davon ab. Im April entschieden die Bundesländer dann doch, eine landesweite Maskenpflicht in Läden und öffentlichen Verkehrsmitteln einzuführen. Und auch die Weltgesundheitsorganisation WHO, die zunächst gegen Masken war, hat inzwischen ihre Empfehlungen geändert und rät nun zum Maskentragen in der Öffentlichkeit.

Der Sinneswandel könnte auf verschiedene Studien zurückzuführen sein, die eine Schutzwirkung beim richtigen Einsatz von Masken belegen. Eine vorveröffentlichte Studie aus Jena etwa, wo als Erstes in Deutschland die Maskenpflicht eingeführt wurde, legt nahe, dass die Alltagsmasken dort tatsächlich eine Schutzwirkung gegen die Ausbreitung des Coronavirus hatten. Britische Forscher haben in einer aktuellen Studie berechnet, dass ein konsequenter Einsatz von Mund-Nasen-Schutz in der Allgemeinbevölkerung zusammen mit den anderen Maßnahmen eine zweite Welle möglicherweise verhindern könnte.

So oder so: Die Masken schützen nur vor einer Übertragung, wenn sie richtig angewandt werden. Das heißt, Mund und Nase müssen bedeckt sein, die Maske muss entweder abends entsorgt oder bei mindestens 60 Grad gewaschen werden, und sie sollte nicht ständig unters Kinn gezogen und dann wieder aufgesetzt werden.

Covid-19 hat viele Symptome

Bei rund 80 Prozent der Infizierten verläuft Covid-19 milde, bei einigen sogar ganz ohne Symptome. Bei den verbleibenden 20 Prozent kann die Krankheit jedoch zu schweren Organschäden führen, vermutlich sogar mit Langzeitfolgen. Kopf, Nase, Rachen, Lunge, Herz, Nieren, Magen, Darm und sogar die Zehen kann das Virus befallen. Zu den häufigsten Symptomen zählen der Geruchs- und Geschmacksverlust, Fieber, Husten, Halsschmerzen und andere Atemwegsbeschwerden.

Covid-19 löst bei schweren Verläufen eine Lungenentzündung aus, teils müssen die Patienten beatmet werden. Bei einigen Patienten treten auch schwere neurologische Erkrankungen auf, Covid-19 erhöht zudem das Risiko für Thrombosen. Durch die Entzündung wird auch das Herz-Kreislauf-System schwer belastet, das Risiko für einen Herzinfarkt steigt. Bei schweren Verläufen können auch die Nieren versagen.

Nach einem schweren Verlauf brauchen die Patienten oft mehrere Wochen, um vollständig wiederzugenesen. Über Spät- und Langzeitfolgen ist noch wenig bekannt. Jedoch haben etwa Sportmediziner bereits herausgefunden, dass die Lunge nach einer Covid-19-Infektion noch für mehrere Wochen eingeschränkt belastbar ist und die Sportler daher eine lange Pause machen sollten, bevor sie wieder mit dem Training beginnen.

Die Pandemie wirkt sich auf die Psyche aus

Soziale Isolation, "neue Normalität", Existenzängste: Der Corona-Lockdown hat Veränderungen mit sich gebracht, die für viele eine mentale Herausforderung darstellen. Bereits zu Beginn der Pandemie warnten Experten vor einem Anstieg an Depressionen, Angstzuständen, Substanzmissbrauch und häuslicher Gewalt. Inzwischen zeigt sich, dass sie recht behalten haben und der Lockdown teils extreme Auswirkungen auf die psychische Gesundheit der Bevölkerung hatte.

Dabei sind nicht nur Risikogruppen oder Menschen mit psychischen Erkrankungen betroffen, sondern die gesamte Bevölkerung. Studien belegen, dass vor allem junge Menschen unter den Veränderungen, die der Lockdown mit sich gebracht hat, leiden. Eine Erklärung dafür hat der Soziologe Martin Schröder von der Universität Marburg: "Die Auswirkungen haben die Jungen sicherlich mehr eingeschränkt als die Alten, von denen viele vielleicht ohnehin viel Zeit zu Hause verbringen, kein so aktives Sozialleben mehr haben und in ihrer Freizeit auch normalerweise lieber spazieren gehen als in Bars." Es seien also vor allem die Maßnahmen gegen die Pandemie und weniger die Gefahr durch Covid-19 selbst, die Einfluss auf die psychische Gesundheit hätten.

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