Intensivmedizin am Limit (Symbolbild)
Intensivmedizin am Limit (Symbolbild)
Foto: Marcel Kusch/ DPA

Auf der Intensivstation "Wenn das System implodiert, dann aufgrund des Personalmangels"

Franziska Böhler hatte ihren Job auf einer Intensivstation gekündigt. Jetzt ist sie zurückgekehrt, um ihre Kollegen in der Coronakrise zu unterstützen. In der Klinik ist nichts mehr, wie es vorher war.
Aufgezeichnet von Jarka Kubsova

Am Mittwoch um 12:40 habe ich einen Ort betreten, an dem ich mich eigentlich blind auskenne: Die Anästhesiologische Intensivstation eines Krankenhauses der Maximalversorgung in Bayern, nahe der Grenze zu Hessen. Hier habe ich 13 Jahre lang gearbeitet, vor sechs Monaten hatte ich gekündigt, mein letzter Arbeitstag liegt nur drei Wochen zurück.

Seither ging alles rasend schnell: Die Zahl der Infizierten stieg und mir war klar, dass jetzt Leute gebraucht werden. Ich konnte einfach nicht zu Hause bleiben. Mein Vertrag ließ sich schnell und unbürokratisch verlängern.

Von meinem alten Arbeitsplatz erkenne ich kaum etwas wieder. Ich bin sprachlos, was die Kollegen in den letzten Tagen auf die Beine gestellt haben: Von den drei Intensivstationen, die es auf diesem Flügel gibt, wurde eine komplett zu einer "Covid Station" umgerüstet. Zwischendurch war sie bereits voll belegt, und ja, diese Patienten haben schwere und eindrucksvolle Krankheitsbilder. Aber hier landen eben auch nur die schweren Verläufe.

Der Covid-Bereich ist komplett vom Rest des Hauses abgetrennt mit eigenen Wegen, Personal und Versorgungsstrukturen. Die übrigen Teile des Hauses sind sozusagen Covid-frei, aber die medizinischen Mitarbeiter trotzdem unter Druck. Denn die Kollegen wurden in den vergangenen Tagen mit einem unerwarteten Problem konfrontiert: Weil viele Menschen Angst haben, sich im Krankenhaus mit dem Coronavirus zu infizieren, warten sie oft zu lang, bis sie in die Klinik kommen. Viele hätte man zu einem früheren Zeitpunkt deutlich besser behandeln können.  

Jeder hilft jedem

Ich habe an diesem ersten Tag wieder im Dienst das Gefühl, dass wir derzeit gut aufgestellt sind und die Situation kontrollieren können. Personal ist momentan da, aus einem einfachen Grund: Mitarbeiter, die ansonsten in den elektiven Programmen - also bei allen geplanten Eingriffen - gebunden sind, helfen jetzt aus. Chirurgen, Kinderärzte, chirurgisches und orthopädisches Personal stehen mit an der Front. Hauptgesprächsthema ist, wie lange das wohl so bleibt. Niemand kann das einschätzen. Es kann sich schon morgen ändern.

Trotzdem berührt genau das mich an diesem Tag. Ich spüre wieder, was zuletzt unter den Trümmern des allgemeinen Pflegenotstands verschüttet war: Als hätten wir alle wieder zu einem Wert gefunden, packt jeder mit an, jeder hilft jedem. Alle sind entschlossen, diese Situation gemeinsam zu meistern. Warum musste erst diese Krise kommen, damit wir uns so zusammenschließen?

Ich war ja selbst eigentlich schon weg. Weil mein Mann ebenfalls in einer Klinik arbeitet und viele unserer Dienste auf das Wochenende fallen, konnten wir zuletzt kaum gemeinsame freie Tage mit unseren zwei kleinen Kindern verbringen. Ich wollte meinen zweiten Job in einer Anästhesieabteilung aufstocken, wo ich mehr unter der Woche arbeiten kann.

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Wir müssten doch geschützt werden

Und nun zurück im alten System. Ich bin glücklich, wieder da zu sein. Ich liebe diesen Beruf - trotz der Umstände.

An die Gefahr, mich zu infizieren, hatte ich gar nicht gedacht. Der Umgang mit Isolationspatienten ist für mich Routine. Mit den strengen und aufwendigen Maßnahmen, die wir einhalten müssen, habe ich mich bisher immer sicher gefühlt.

Doch es verändert sich alles rasend schnell. Das Robert Koch-Institut hat die Kontakt- und Quarantänemaßnahmen für das Pflegepersonal aufgeweicht. Quarantäne, selbst nach engem und riskantem Kontakt zu Covid-19 Erkrankten, soll für uns sehr viel kürzer dauern. Unter Umständen sollen wir sogar positiv getestet unsere Arbeit verrichten, solange wir kaum oder keine Symptome spüren. In manchen Krankenhäusern wird das bereits so gehandhabt, wie ich von Kollegen höre.

Wir alle verstehen den Gedanken dahinter, wir wissen, dass es gilt, die Versorgung aufrecht zu erhalten. Umso mehr aber müssten wir doch geschützt werden! Wäre Deutschland, wären die Kliniken gemäß des Pandemieplans des Robert Koch-Instituts, der seit 2012 in den Schubladen liegt, vorbereitet gewesen, dann wäre das vermutlich auch möglich gewesen.

Schutzmasken zu Hause auswaschen

Stattdessen geraten viele von uns direkt in die Schusslinie – mit viel zu wenig Schutzmaterial. Kollegen, mit denen ich in Kontakt bin, fühlen sich wie Kanonenfutter, manche wie Menschen zweiter Klasse. Für sie sind solche Vorgaben nach Jahren, in denen sie unterbesetzt und unter schlechten Bedingungen arbeiten musste, ein zusätzlicher Schlag ins Gesicht. Wir sind so nah an den Betroffenen, wir tragen ein so hohes Risiko, uns und andere anzustecken. Tausende Ärzte, Pfleger und Pflegerinnen sind bereits infiziert. Was soll denn werden, wenn Tausende von uns ausfallen, weil sie selbst krank sind?

In unserer Klinik können wir die meisten Standards noch einhalten, wenn auch reduzierter als sonst: Die FFP-Masken müssen wir jetzt länger nutzen. Auch mit dem übrigen Material müssen wir haushalten, weil niemand weiß, wie lange die Lagerbestände noch reichen und was künftig noch lieferbar sein wird.

Unser Chef hatte die Masken schon zu Beginn des Corona-Ausbruches einschließen lassen. Unglaublich, dass sowas notwendig ist, aber immerhin haben wir jetzt Material. In manchen Häusern sind die Kollegen angehalten, ihre Masken zu Hause auszukochen. Ich würde mich weigern. Ich schleppe doch kein infiziertes Krankenhausmaterial nach Hause zu meinen Kindern.

Wir sind systemrelevant

Mich erreichen immer mehr Nachrichten von Kollegen aus anderen Häusern, dass es an Allem fehlt: Besonders dramatisch ist die Lage in den Alten- und Pflegeheimen, die grundsätzlich kaum mit Schutzmaterial ausgestattet sind, genauso wie die ambulanten Pflegedienste.

Es tut gut, dass die Menschen jetzt auch außerhalb der Klinikmauern wahrnehmen, was Medizin und Pflege leisten. Noch vor ein paar Wochen interessierte es nur wenige, wie wir arbeiten. Wir machen seit Jahren auf unhaltbare Zustände aufmerksam. Nun sickert es vielen allmählich ins Bewusstsein: Wir Pflegekräfte sind systemrelevant – und arbeiten doch oft unter extrem schlechten Bedingungen.

Das ist auch der Grund, warum jetzt offen über Zwangsrekrutierungen von Pflegepersonal nachgedacht wird. Ich hielte eine solche Entscheidung für einen massiven Eingriff in die Grundrechte. In den letzten Jahren haben Tausende Menschen die Pflege verlassen, weil sie die Bedingungen nicht aushalten konnten. Jetzt sollen sie unter Zwang in diese - nein noch gefährlichere - Bedingungen zurückkehren?

Eine epische Personalflucht

In Bayern bekommen alle Krankenhausmitarbeiter seit Mittwoch in den Kantinen Gratisessen. Das ist nett, aber ich möchte mich nicht mit einer warmen Mahlzeit abspeisen lassen. Eine Gefahrenzulage oder Sonderzahlung fände ich angemessener. Und sie genau jetzt zu fordern ebenso.

Ich weiß, dass Stimmen sagen, berufspolitische Forderungen seien zum jetzigen Zeitpunkt eine Ausnutzung der Notlage. Ich nenne diesen Vorwurf emotionale Erpressung. Nach der Krise wird der Applaus leiser werden, das Thema verschwindet wieder unter dem Radar. Ich hoffe wirklich, es wird am Ende nicht bei einem Schnitzel als Dankeschön bleiben. Ansonsten rechne ich nach dieser Krise mit einer epischen Personalflucht aus den Krankenhäusern.

Wenn das System implodiert, dann aufgrund des Personalmangels. Beatmungsgeräte kann man bauen, aber die Menschen, die sie bedienen können und die Patienten versorgen, die kann bisher noch keiner zusammenschrauben. Die Zahlen über aufgestockte Intensivbetten und Geräte klingen imposant. Aber Betten und Geräte allein werden niemanden retten können.