Foto:

privat

Junge Menschen mit Vorerkrankung "Dann überleben die Stärksten - und ich gehöre wohl nicht dazu"

Museen öffnen wieder, Restaurants sollen folgen. Wie sehen junge Menschen aus der Risikogruppe diese Lockerungen? Und wie fühlt es sich an, als besonders gefährdet zu gelten? Fünf Betroffene erzählen.
Von Heike Klovert

Das neuartige Coronavirus bedroht ältere Menschen besonders, kann aber auch Jüngere hart treffen. Besonders kritisch kann Covid-19 für jene sein, die Vorerkrankungen haben und deren Immunsystem, Lunge oder Kreislauf geschwächt sind.

Nach gut zwei Monaten Lockdown wollen die Bundesländer nach und nach etwas von der alten Normalität einkehren lassen. Geschäfte haben wieder auf, Friseure auch, Restaurants wahrscheinlich bald. Und als erstes Bundesland will Mecklenburg-Vorpommern seine Grenzen ab Ende Mai für Touristen aus ganz Deutschland wieder öffnen.

Was denken junge Menschen aus der Risikogruppe über diese Lockerungen? Und wie sieht ihr Alltag gerade aus? Fünf junge Frauen und Männer erzählen.

Susanne A., 21, Meinerzhagen bei Köln

Vor rund sechs Wochen wurde ich positiv auf Covid-19 getestet. In den ersten zwei Wochen lag ich zu Hause im Wohnzimmer. Nur meine Mutter kam herein, um mir Essen, Tee oder Medikamente zu bringen. Meine vier Geschwister und mein Vater blieben draußen, um sich nicht anzustecken.

Ich hatte Fieber, doch ich dachte, dass ich nicht ins Krankenhaus fahren muss. Aber dann wurde ich so schwach, dass ich nicht mehr richtig gehen konnte. Das Atmen tat weh, mir war abwechselnd heiß und kalt.

Im Krankenhaus sollte ich direkt ins künstliche Koma versetzt werden. Ich war geschockt, als ich das erfuhr. Ich telefonierte mit meinem Verlobten, um mich zu verabschieden. Ich sagte, dass ich nun ein paar Tage schlafen würde.

Ich habe eine Membranoproliferative Glomerulonephritis Typ III. Das ist eine sehr seltene Störung des Immunsystems. Als ich elf Jahre alt war, schwollen meine Beine und mein Gesicht plötzlich an. Ich wurde komplett dick, das war alles Wasser. Meine Nieren arbeiteten nicht mehr richtig. Die Ärzte brauchten Monate, um herauszufinden, was ich hatte.

Meine Nieren konnten sie nicht retten, sie gingen kaputt, als ich 16 war. Ich machte viermal täglich zu Hause eine Bauchfelldialyse. Ein Jahr später bekam ich eine Spenderniere, doch auch sie ging kaputt. Danach musste ich wieder mehrmals am Tag einen Beutel mit steriler Flüssigkeit in meine Bauchhöhle einleiten, um mein Blut zu reinigen.

Ich bin mir fast sicher, dass ich mich in einer Arztpraxis mit Covid-19 angesteckt habe. Ich habe nicht so richtig an das Coronavirus geglaubt und war sehr unvorsichtig. Ich trug keinen Mundschutz, als ich bei meinem Hausarzt in der Schlange stand, um eine Bescheinigung abzuholen.

Elf Tage lag ich im künstlichen Koma. Die Ärzte sagen, ich habe es ganz knapp geschafft. Sie weckten mich nach vier Tagen, doch nach ein paar Stunden war mein Zustand wieder so schlecht, dass ich zurück ins Koma musste.

Ich erinnere mich erst wieder an die Zeit, in der ich danach isoliert auf der Intensivstation lag. Es war schlimm, dass ich keinen Besuch bekommen und meinen Verlobten nicht sehen durfte. Das macht einen psychisch krank. Ich glaube, man braucht länger, um gesund zu werden, wenn man keine sozialen Kontakte hat.

Ende April wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen, doch das war wohl noch zu früh. Zu Hause wurde mir übel und ich fühlte mich wieder sehr schwach. Jetzt liege ich wieder auf der Intensivstation und hoffe, dass ich es bald überstanden habe.

Ich finde es nicht gut, wenn jemand ohne Mundschutz herumläuft oder sich mit mehreren Leuten trifft. Mit diesem Virus ist nicht zu scherzen, einfach nicht zu scherzen.

Alina Döring, 23, Dortmund

Schon vor der Coronakrise musste ich sehr auf Hygiene achten. Meine Lunge ist voll mit zähem Schleim, ich habe Mukoviszidose. Das ist eine chronische Stoffwechselerkrankung. Sie macht mich sehr anfällig für alle möglichen Krankheitserreger. Deswegen habe ich mir regelmäßig die Hände desinfiziert, möglichst keine fremden Türklinken oder die Haltestäbe in der Stadtbahn angefasst und Abstand gehalten. Eigentlich hätte ich auch einen Mundschutz tragen müssen. Doch das habe ich selten getan, weil ich mich dann so ausgeschlossen gefühlt habe.

In den ersten fünf Wochen der Corona-Pandemie war ich gar nicht selbst einkaufen, jetzt gehe ich mit Mundschutz und Handschuhen raus. Meine dreijährige Tochter bleibt dann oft bei meinen Eltern. Zu ihnen halte ich Abstand, wir umarmen uns nicht mehr zur Begrüßung.

Trotzdem hält sich meine Angst in Grenzen. Ich weiß von niemandem mit Mukoviszidose, der an Covid-19 gestorben ist. In meinem Umfeld gibt es beides: Menschen, die die Krankheit sehr ernst nehmen. Und Menschen, die sich beschweren, dass sie jetzt einen Mundschutz tragen sollen, obwohl die Infektionszahlen zurückgehen.

Ich kann verstehen, wenn manche Beschränkungen jetzt aufgehoben werden. Auch mir fällt die Quarantäne schwer. Ich bin alleinerziehend, meine Tochter war eine Frühgeburt und gehört ebenfalls zur Risikogruppe. Trotzdem brauche ich einen Betreuungsplatz für sie, weil ich sonst mein Pensum für die Berufsschule und meine Therapien nicht schaffe. Ich muss inhalieren und Physiotherapie machen, eigentlich mehrere Stunden am Tag, aber ich habe gerade gar keine Zeit dafür.

Wenn wir alle wieder mehr Kontakt zu anderen Menschen haben, sollten grundlegende Hygienemaßnahmen wie Masken und Handschuhe aber auf jeden Fall bleiben. Ich werde selbst noch lange einen Mundschutz tragen und hoffe, dass ich deswegen nun nicht mehr merkwürdig angeguckt werde.

Man sieht anderen nicht unbedingt an, ob sie krank sind und was sie haben und ich wünsche mir, dass diese Krise mehr Menschen dafür sensibilisiert. Ich habe schon so oft den Spruch gehört: "Du siehst ja gar nicht krank aus." Das bedeutet aber nicht, dass ich es nicht bin.

Jan Kampmann, 32, Reiskirchen bei Gießen

Anfangs hat in meinem Bekanntenkreis erst mal niemand gecheckt, dass ich zur Risikogruppe gehöre. Und ich wollte nicht der Spielverderber sein, der Panik verbreitet. Deswegen habe ich mit einem Kumpel, der auch im Rollstuhl sitzt, überlegt: Wie können wir zeigen, dass nicht nur Menschen über 60 Jahren gefährdet sind?

Wir haben ein paar junge Leute angesprochen, die wir kannten oder die dazu schon etwas im Netz gepostet hatten. Dann habe ich einen Text geschrieben und eine Collage aus unseren acht Fotos erstellt. Die haben wir zeitgleich auf Instagram und Facebook gestellt.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Instagram, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Dass unsere Aktion so einschlägt, hätte ich nicht gedacht. Allein mein Post auf Facebook wurde mehr als 13.000 Mal geteilt. Es haben sich Hunderte Menschen bei mir gemeldet, die auch eine Vorerkrankung haben. Unsere Facebook-Gruppe  hat inzwischen mehr als 2000 Mitglieder.

Darunter sind viele, die Covid-19 vermutlich viel krasser treffen würde als mich. Ich bin von der Brust abwärts gelähmt, seit ich mit 14 beim Schlafwandeln aus dem Fenster gefallen bin, und sitze im Rollstuhl. Ich habe ein kleineres Lungenvolumen und kann Schleim nicht so gut abhusten. Aber ich bin immerhin recht sportlich und fit.

Doch vielleicht hilft mir das auch nicht, wenn ich mich mit diesem neuartigen Virus infiziere. Es gab einen Moment, da hatte ich so etwas wie Angst: Vor einigen Wochen sah ich ein Video, in dem eine Wissenschaftlerin davor warnte, dass es nun öfter Zoonosen geben könnte, also von Tieren auf Menschen übertragene Krankheiten. Ich dachte dran, dass dann die Stärksten überleben – und dass ich wohl nicht dazugehören würde.

Am nächsten Tag war die Angst wieder weg. Das Coronavirus ist auch für mich eine abstrakte Bedrohung, und auch ich vergesse sie zwischendurch. Das ist auch gut so, man kann sich nicht die ganze Zeit damit belasten.

Dass die Corona-Regeln jetzt gelockert werden, kann ich nachvollziehen. Aber ich hoffe, dass die Politikerinnen und Politiker weiterhin vorsichtig bleiben und sich vortasten. Ich bin froh, dass Angela Merkel da wissenschaftlich herangeht, und solange sie das tut, habe ich ein gutes Gefühl.

Doch wenn die Infektionszahlen wieder steigen, gehöre ich zu denen, die sich schützen müssen, indem sie in Quarantäne bleiben. Es wäre schwer zu ertragen, wenn Menschen aus den Risikogruppen von denen abgeschnitten würden, die mehr dürfen.

Ich habe gerade einen neuen Job angefangen. Die Redaktion ist in Hamburg, auch meine Möbel sind schon dort, aber ich bin noch im Homeoffice bei meinen Eltern in Reiskirchen. Ich habe keine Ahnung, wann ich nach Hamburg ziehen werde. Im Moment warte ich noch ab.

Ich wurde super eingearbeitet, mein neues Team ist sehr nett. Und es würde mir schwer fallen, viel länger im Homeoffice zu arbeiten als die anderen. Ich möchte auf keinen Fall ein Sonderfall sein, nur weil ich eine Behinderung habe. Im Hinblick auf mein gesamtes Sozialleben habe ich gerade mehr Angst davor, dass ich den Anschluss verlieren könnte, als vor dem Virus selbst.

Stefanie W., 38, und Ewen, 7, Oelsnitz bei Chemnitz

Unser Sohn Ewen ist schwerstbehindert, von Geburt an. Er hat unter anderem eine chronische Bronchitis, wir sind ständig beim Pulmologen. Covid-19 wäre wahrscheinlich tödlich für ihn. Anfangs habe ich sehr oft daran gedacht. Jetzt geht es, aber die Angst sitzt noch im Hinterkopf.

Ich mache mir auch Gedanken darüber, ob er als Behinderter adäquat behandelt werden würde, wenn er am Coronavirus erkrankt und fast alle Intensivbetten belegt wären. Dann müssen die Ärzte entscheiden, wer einen Beatmungsplatz bekommt. Wäre mein Sohn darunter?

Wir passen sehr auf und bleiben zu Hause. Wir gehen manchmal in unseren kleinen Garten, und wir führen unseren Hund Gassi. Ewen haben wir in der ersten Zeit mitgenommen, jetzt nicht mehr. Jetzt gehen ich oder mein 16-jähriger Sohn allein.

Wenn wir mit ihm im Rollstuhl spazieren gegangen sind, habe ich mich so ausgegrenzt gefühlt. Die Menschen, die wir getroffen haben, haben einen riesigen Bogen um uns gemacht und uns komisch angeguckt. Als könnten sie nicht verstehen, warum wir uns mit einem schwerbehinderten Kind vor die Tür trauen. Vielleicht wollen sie ihn schützen, aber ich empfinde es als verletzend, dass kaum jemand nachfragt, wie es uns geht.

Die Tage in unserer Wohnung sind schwer und bedrückend. Mein 16-jähriger Sohn steckt in der Pubertät, mein siebenjähriger kann wegen seiner Behinderung nicht mit mir sprechen. Uns allen fehlt der Kontakt zu unseren Freunden und Bekannten.

Dass die Corona-Regeln jetzt langsam gelockert werden, bereitet mir trotzdem gemischte Gefühle. Einerseits bin ich froh, wenn Ewens Therapien weitergehen können, die alle von heute auf morgen weggebrochen sind. Ich merke, dass er seit Wochen keine Ergo-, Logo- und Physiotherapie bekommen hat. Seine Bewegungen sind spastischer geworden. Andererseits wird meine Angst, dass sich Ewen mit dem Virus ansteckt, wieder wachsen, wenn er mehr Kontakt zu anderen Menschen hat.

Milena K., 39 Jahre, Höxter bei Bielefeld

Vor zwölf Jahren hatte ich einen Herzstillstand. Als ich aus dem Koma wieder aufwachte, erfuhr ich, dass ich eine angeborene Herzschwäche habe. 2011 bekam ich ein Spenderherz transplantiert. Das machten meine Nieren nicht mit. 2014 spendete meine Mutter mir eine ihrer Nieren. Damit mein Körper die fremden Organe nicht abstößt, nehme ich Medikamente, die mein Immunsystem unterdrücken. Eine Infektion mit Covid-19 wäre für meinen Körper vermutlich schwer wegzustecken.

Doch deswegen schlafe ich nicht schlechter. Ich habe in den vergangenen Jahren gelernt, nicht zu weit vorauszuschauen und den Moment intensiver wahrzunehmen. Ich würde sagen, dass ich seither glücklicher bin. Ich denke nur an die nächsten drei bis vier Tage und mache mir um die Zukunft keine Sorgen, denn nächste Woche kann meine Welt eh schon wieder ganz anders aussehen.

Mein Vater hatte dieselbe Herzschwäche wie ich. Er wurde krank, als ich fünf Jahre alt war. Bis er vor drei Jahren starb, war er mein großes Vorbild. Ich wollte mit meiner Krankheit genauso gut umgehen wie er damals. Ich habe mich vor der Coronakrise nicht sehr eingeschränkt, bin viel gereist und habe darüber gebloggt , um anderen zu zeigen, wie schön das Leben auch nach einer Transplantation noch sein kann.

Hygienemaßnahmen wie Mundschutz und Desinfektionsmittel sind für mich nichts Neues und gehören zu meinem Alltag. Ich meide auch Menschenansammlungen und schüttele zur Begrüßung keine Hände, besonders im Winter nicht, in den Grippemonaten. Gerade lebe ich sehr isoliert und sehe nur meine Mutter, die im selben Haus wohnt. Zum Glück sind wir auf dem Dorf, hier kann ich viel spazieren gehen und Fahrrad fahren.

Dass die Kontaktbeschränkungen nun nach und nach aufgehoben werden, sehe ich sehr skeptisch. Natürlich kann ich nachvollziehen, dass viele möglichst schnell in ein normales Leben mit Restaurants, Theater und Reisen zurück möchten. Doch ich habe Angst, dass dadurch eine zweite Welle auf uns zukommt. Denn man kann nicht davon ausgehen, dass jeder sich an die Hygieneregeln wie Mundschutz und Desinfizieren hält.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.