Asthmapatienten als Risikogruppe? Danach sieht es nicht aus (Symbolbild)
Asthmapatienten als Risikogruppe? Danach sieht es nicht aus (Symbolbild)
Foto: hsyncoban/ E+/ Getty Images

Asthma und Covid-19 "Jeder, der schon mal Atemnot hatte, weiß, wie beklemmend das ist"

Asthmapatienten schienen zur Risikogruppe für Covid-19 zu gehören. Inzwischen gibt es Hypothesen, dass das Risiko für sie sogar geringer sein könnte - auch, weil Asthmatiker häufig vorsichtiger sind.
Von Katherine Rydlink

Wenn die Birke blüht, im April, dann verlässt Nanna Boehnke-Lankau nur noch selten das Haus. Falls sie sich doch einmal hinauswagt und die Pollen gerade fliegen, kann es sein, dass es sofort eng wird in ihrer Brust. Sie kann dann schwerer einatmen und muss beim Ausatmen husten. Die 50-Jährige leidet seit ihrer Kindheit unter allergischem Asthma: Ihre Atemwege reagieren mit einer heftigen Abwehrreaktion auf Birkenpollen.

Eigentlich ist sie das gewohnt, sie nimmt Medikamente, hat ein bronchienerweiterndes Spray für den Notfall. In diesem April war es aber anders als sonst: "Ich bin total zum Hypochonder geworden", sagt Boehnke-Lankau. "Ich war mir oft nicht sicher, ob ich jetzt aufgrund meiner Allergie huste oder weil ich mich mit Corona angesteckt habe." Nach der Birkensaison wurde es besser. Es blieb jedoch eine Restangst. "Da hatte ich dann einen starken Husten und Halsschmerzen", sagt Boehnke-Lankau. Der Corona-Test fiel zum Glück negativ aus.

Asthma ist eine chronische Erkrankung der Atemwege, die mit einer erhöhten Empfindlichkeit der Bronchien verbunden ist. Typische Beschwerden: pfeifende Atmung, Husten, Engegefühl in der Brust, Kurzatmigkeit und Luftnot. Die Vermutung liegt also nahe, dass Asthmapatienten zur Risikogruppe für einen schweren Verlauf von Covid-19 gehören. Nach allem, was man bisher weiß, verläuft eine Infektion mit Sars-CoV-2 bei Asthmatikern jedoch nicht schwerer als bei anderen .

Geringeres Risiko für Asthmapatienten?

Laut der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie (DGP) gibt es sogar die Hypothese, dass dieses Risiko bei Patienten mit Asthma niedriger sein könnte, "aufgrund einer verminderten Expression des für die Aufnahme von Sars-CoV-2 verantwortlichen ACE-2-Rezeptors in den Atemwegen". Unter anderem, weil Asthmamedikamente möglicherweise denselben Effekt hätten, rät die DGP in ihrer Stellungnahme  dazu, diese Medikamente unbedingt weiter zu nehmen. Das Unterbrechen der Therapie könne "zu einer schwerwiegenden Asthmaverschlechterung und damit vermutlich zu schweren Verläufen im Falle einer Covid-19-Infektion beitragen".

"Als es losging mit Corona in Deutschland, haben viele Asthmapatienten angerufen", sagt Anja Schwalfenberg, die Patienten beim Deutschen Allergie- und Asthmabund berät. Viele seien wegen ihrer Kortison-Medikamente verunsichert gewesen. Kortison kann das Immunsystem schwächen.

Inzwischen gebe es Studien dazu, die belegten, dass Asthmasprays keinen negativen Effekt auf das Covid-19-Risiko hätten. Denn Kortisonspray hat kaum einen Einfluss auf das gesamte Immunsystem, da das Spray direkt auf die Lunge wirkt und nur sehr geringe Mengen vom ganzen Körper aufgenommen werden. Auch dafür, dass es die Lunge selbst anfälliger macht, gibt es keine Hinweise. "Für Asthmapatienten ist es dagegen sehr gefährlich, ihre Medikamente nicht mehr zu nehmen", so Schwalfenberg. Denn da es bei Asthma und Covid-19 jeweils zu Atembeschwerden kommt, besteht die Gefahr, dass diese Beschwerden dann noch stärker ausfallen.

Das Risiko, an Covid-19 zu erkranken, ist laut Deutschem Asthmaverband für Asthmatiker nicht höher als bei Gesunden. Ob ein Asthmatiker einen schweren Verlauf zu befürchten habe, komme auf ganz unterschiedliche Faktoren an, etwa das Alter, ob er weitere Vorerkrankungen habe und mit wie viel Virus er in Kontakt gekommen sei. Zudem gebe es ganz unterschiedliche Formen von Asthma. "Und natürlich kommt es besonders darauf an, ob das Asthma gut kontrolliert ist", sagt Schwalfenberg.

In einer US-amerikanischen Studie  mit mehr als 1500 Teilnehmern wurde etwa untersucht, inwiefern Asthma und das in vielen Asthmamedikamenten enthaltene Kortison sich auf den Verlauf von Covid-19 auswirkt. Das überraschende Ergebnis: offenbar nicht besonders. Von den 1526 untersuchten Covid-19-Patienten litten 220 unter Asthma. Was die Studie allerdings außer Acht lässt, ist, dass es unterschiedliche Typen von Asthma gibt - und ob sich dadurch auch das Risiko für Covid-19 unterscheidet.

Doch das ist eine entscheidende Frage: Eine weitere  Untersuchung aus Großbritannien legt nahe, dass der Asthmatypus schon eine Rolle spielt. Demnach sind Menschen mit allergischem Asthma weniger gefährdet, einen schweren Covid-19-Verlauf zu erleiden. Menschen, deren Asthmabeschwerden nicht durch Pollen oder andere Allergene ausgelöst werden, sondern etwa durch Stress oder Bewegung, sind der Untersuchung zufolge eher gefährdet. Die Forscher sind sich noch unsicher, warum das so ist. Es könnte wiederum auf die ACE2-Rezeptoren zurückzuführen sein, doch um das zu belegen, sind weitere Studien nötig.

Ein scheinbarer Nebeneffekt, der Asthmapatienten womöglich schützt, ist der psychologische Effekt, der sie vorsichtiger macht: "Jeder, der schon einmal Atemnot hatte, weiß, wie beklemmend es ist, keine Luft zu bekommen", sagt die Asthmatikerin Boehnke-Lankau. Sie habe daher immer noch Respekt davor, sich mit Corona zu infizieren - obwohl sie als körperlich fitte 50-Jährige noch nicht wirklich zur Risikogruppe gehöre.

"Als ich im Fernsehen eine Reportage über eine Betroffene gesehen habe, habe ich mir sofort gedacht: 'Ich weiß genau, wie du dich fühlst, ich kenne diese Panik'." Auch heute stellt sich die Familienmutter nicht in die Schlange beim Softeis - auch, wenn ihr Sohn darauf drängt. Sie gibt weiterhin Acht, wie schon während des Lockdowns, ermuntert ihre Kinder dazu, die Hygienemaßnahmen einzuhalten, hält Abstand. "Weil ich weiß, wie es ist, wenn die Atemwege erkrankt sind", sagt sie.

Manche Asthmapatienten leiden unter der Maskenpflicht. Sie befürchten, dass sie Beschwerden bekommen, wenn sie ihren Mund-Nasen-Schutz tragen. Ob eine Maske bei Asthma tatsächlich Atemnot auslösen kann, ist jedoch unklar. Wer Probleme beim Tragen seiner Maske hat, sollte sich an einen Arzt wenden. Unter bestimmten Umständen können Ärzte Betroffene von der Maskenpflicht befreien.

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