Gesellschaftliche Großbaustelle Regierung will gezielter gegen Einsamkeit vorgehen
Frau am Ostseestrand (im Februar 2024)
Foto: Marcus Brandt / dpaDie meisten Betroffenen ertragen ihr Leiden still, viele entwickeln über die Zeit seelische und körperliche Erkrankungen. Einsamkeit wird auch in Deutschland immer mehr zum gesellschaftlichen Problem. Die Isolierung der Coronapandemie hat die Nöte bei vielen betroffenen Menschen noch wachsen lassen. Die Bundesregierung will deshalb mit gezielten Maßnahmen gegen Einsamkeit in Deutschland vorgehen. Dazu stellt Familienministerin Lisa Paus (Grüne) an diesem Donnerstag erstmals umfassende Forschungsergebnisse vor.
»Millionen Menschen in Deutschland fühlen sich einsam. Während der Pandemie hat dieses Gefühl stark zugenommen«, sagte Paus mit Blick auf diese Ergebnisse der Nachrichtenagentur dpa. Ältere wie jüngere Menschen seien demnach betroffen. Daneben auch Menschen, »die intensive Care-Arbeit leisten«, sagte Paus. Das habe das sogenannte »Einsamkeitsbarometer« unter anderem ergeben.
Es liefert auf der Grundlage von Erhebungen des Sozioökonomischen Panels Erkenntnisse zur Entwicklung der Einsamkeit zwischen 1992 und 2021 – und damit für einen Zeitraum von 30 Jahren. Erhoben haben die Forscher die Daten zum Einsamkeitsgefühl nach Alter, Geschlecht und Wohnort in Ost- und Westdeutschland.
Erstmals liegt damit nach Angaben des Familienministeriums eine Langzeitanalyse zu den Menschen vor, die in Deutschland davon betroffen sind. »Mit dem Einsamkeitsbarometer haben wir nun die nötigen Daten, um noch gezielter handeln zu können«, erklärte Paus. Einsamkeit sei ein »drängendes Problem«, das der Gesellschaft schade.
Bereits im Dezember des vergangenen Jahres hatte die Bundesregierung ihre Strategie gegen Einsamkeit auf den Weg gebracht, das Barometer ist Teil dieser Strategie. Zu den geplanten Maßnahmen gehören unter anderem mehr Aufklärung in der Öffentlichkeit und der Ausbau von Hilfsangeboten. Vom 17. bis zum 23. Juni 2024 soll es eine Aktionswoche »Gemeinsam aus der Einsamkeit« geben, um zusätzlich auf das Thema aufmerksam zu machen.
Großbritannien und Japan haben Ministerien aufgebaut
Nach Angaben des Ministeriums handelt es sich um die erste Initiative dieser Art auf Bundesebene. Die Regierungen anderer Länder haben bereits vor Jahren Maßnahmen gegen Einsamkeit ergriffen. In Großbritannien und Japan gibt es beispielsweise schon seit Längerem eigene Ministerien für die Belange einsamer Menschen.
Auch die Deutsche Stiftung Patientenschutz pocht darauf, das Problem viel stärker als bisher in den Blick zu nehmen. »Einsamkeit trifft alle Generationen. Sie ist vielleicht die größte Volkskrankheit in Deutschland«, sagte Vorstand Eugen Brysch der dpa. Einsamkeit wirke sich nicht nur auf die Psyche aus, sondern führe »nicht selten« auch zu körperlichen Beschwerden.
Bestandsaufnahmen wie das Einsamkeitsbarometer allein reichten da nicht aus, mahnte Brysch. »Einsamkeitsbarometer können hier lediglich den Zustand messen. Doch Probleme werden so noch nicht gelöst.« Es gebe bislang nur einzelne Projekte gegen Einsamkeit. »Von einer Entwicklung in der Breite ist Deutschland weit entfernt.«
Brysch warb für mehr Maßnahmen in Kommunen, beispielsweise für die Schaffung von »Seniorenämtern« analog zu den bereits bestehenden Jugendämtern. Eine neue Behörde hätte die Möglichkeit, auch Hinweise aus der Bevölkerung aufzunehmen, erklärte Brysch. Viel zu oft bleibe Einsamkeit noch unerkannt.