30 Jahre Mauerfall So unterscheidet sich die Gesundheit in West und Ost

Egal, ob Lebenserwartung oder Allergien - direkt nach dem Mauerfall existierten deutliche Ost-West-Unterschiede. Viele davon sind heute verschwunden, zum Teil aber macht sich die DDR-Kultur noch immer bemerkbar.
Von Irene Berres, Robert Meyer und Patrick Stotz
Bei der Zufriedenheit mit der Gesundheitsversorgung klafft bis heute eine spürbare Lücke zwischen Ost- und Westdeutschland (Symbolbild)

Bei der Zufriedenheit mit der Gesundheitsversorgung klafft bis heute eine spürbare Lücke zwischen Ost- und Westdeutschland (Symbolbild)

Foto: fStop Images/ Getty Images

Nach dem Fall der Mauer eilten Mediziner von West nach Ost. Sie wollten untersuchen, wie es um die Gesundheit der Bürger steht, Unterschiede aufspüren. Eine Erkenntnis: Im Osten litten deutlich weniger Menschen an Allergien als im Westen.

Wie hat sich dieses Verhältnis bis heute entwickelt? Wo existieren auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung noch Ost-West-Unterschiede? Und woran könnte das liegen? Die Gesundheitsbilanz zu 30 Jahre Wiedervereinigung:

1. Lebenserwartung: Frauen gleichauf, Männer nicht ganz

Als 1989 die Mauer fiel, klaffte die Lebenserwartung in Ost- und Westdeutschland noch deutlich auseinander. Während im Osten geborene Jungen statistisch gesehen nach den damaligen Sterblichkeitsverhältnissen nur knapp 70 Lebensjahre vor sich hatten, konnten die Jungen im Westen bereits auf mehr als 73 Jahre hoffen. Bei Mädchen, die 1989 geboren wurden, betrug die Lebenserwartung rund 77 Jahre im Osten, im Westen waren es fast 80.

Das lag vor allem am Gesundheitssystem: Zwar waren in der DDR alle Bürger einheitlich versichert. Außerdem standen bei Schwangeren, in Krippen und Schulen regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen an. Wer schwer erkrankte, musste jedoch um seine Behandlung bangen. Auf ein künstliches Gelenk oder eine Herzoperation warteten Patienten mitunter zwei Jahre lang, nur 40 Prozent der schwer Nierenkranken erhielten einen Dialyseplatz, schreibt die Konrad-Adenauer-Stiftung .

In den vergangenen 30 Jahren sind die Unterschiede in der Lebenserwartung verschwunden - zumindest bei den Frauen. Nicht so bei den Männern. Laut Robert Koch-Institut sterben vor allem in der Gruppe der 15- bis 44-Jährigen in Ostdeutschland mehr Männer als im Westen. Die Hauptursachen: Unfälle, alkoholische Leberkrankheit, Herz-Kreislauf-Krankheiten und Krebs.

2. Zufriedenheit: Das West-Ost-Gefälle

Die Menschen in Ostdeutschland sind auch 30 Jahre nach dem Mauerfall weniger zufrieden mit der Gesundheitsversorgung an ihrem Wohnort als die Menschen in westdeutschen Bundesländern. Das zeigen Daten aus dem BAH Gesundheitsmonitor.

Bei der Interpretation gilt es allerdings zu bedenken: Die Bevölkerung in Ostdeutschland ist auch älter und dementsprechend häufiger chronisch krank. Zudem ist der Osten dünner besiedelt und Patienten müssen weiter fahren, um einen Arzt zu erreichen. Das heißt: Ostdeutsche sind vermutlich einfach unzufrieden mit der Gesundheitsversorgung auf dem Land - wie es wohl auch Westdeutsche wären.

3. Allergien: Der Schutz der DDR-Kinder

Veraltete Fabriken und Kraftwerke verpesteten in der DDR die Luft. Nach dem Fall der Mauer versuchten Mediziner aus dem Westen nachzuweisen, dass die Luftverschmutzung Allergien gefördert hatte. Ihre Forschung aber ergab das Gegenteil: Während in den neuen Bundesländern nur rund sechs Prozent der Menschen unter Allergien litten, waren es in Westdeutschland knapp zwölf Prozent der Bevölkerung.

In den Jahren nach der Wende schnellte der Anteil der Allergiker in beiden Teilen der Republik nach oben, wie die Grafik zeigt. Betrachtet man nur die Kinder, so ist mittlerweile zwischen West und Ost kein Unterschied mehr feststellbar.

Ein Erklärungsansatz für die starken Abweichungen kurz nach der Wende ist die sogenannte Hygienehypothese. In der DDR kamen viele Kinder schon mit wenigen Monaten in die Krippe, außerdem hatten sie im Schnitt mehr Geschwister. Beides sorgte für einem regen Austausch von Bakterien und Viren am Anfang des Lebens, der - so die Theorie - das Risiko für Allergien senkt.

Allerdings gibt es auch Kritik  an der Theorie, da sie nur auf Beobachtungen aufbaut und den Zusammenhang zwischen Erregern und Allergien nicht hundertprozentig nachweisen kann. Eine andere, ähnlich anerkannte Erklärung für das Phänomen fehlt jedoch.

4. Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Der Osten holt noch auf

Seit Jahrzehnten sinkt in Deutschland das Risiko, an Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkten oder Schlaganfällen zu sterben - im Osten noch stärker als im Westen. Auch das hat dazu beigetragen, dass sich die Lebenserwartung angleicht.

Dass die Sterblichkeit im Osten trotzdem noch etwas höher liegt, hat wiederum mit der Gesundheitsversorgung auf dem Land zu tun. Bei einem Herzinfarkt zählt jede Minute. In den dünn besiedelten Gegenden Brandenburgs, Sachsen-Anhalts und Mecklenburg-Vorpommerns beträgt die Fahrzeit zu Herznotfallambulanzen oft mehr als 40, teilweise gar 60 oder 80 Minuten.

Foto: Quelle: BBSR Raumordnungsbericht 2017; Kartenbasis: DE/BKG 2014.

Dieses Problem betrifft - etwas weniger stark - allerdings auch manche dünn besiedelten Gebiete in Westdeutschland, etwa die Eifel, Nordfriesland oder das bayerisch-thüringische Grenzgebiet.

5. Erreichbarkeit von Apotheken und Ärzten: Das nächste Stadt-Land-Problem

Auch hier zeigen sich ähnliche Muster: In dünn besiedelten Regionen müssen die Menschen den längsten Weg zu Ärzten und Apotheken zurücklegen. Das betrifft besonders Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und den Norden Sachsen-Anhalts. Nur ein Bruchteil der Bevölkerung hat hier einen Hausarzt oder eine Apotheke im Umkreis von maximal einem Kilometer. Wir sehen hier also West-Ost-Unterschiede, die hauptsächlich Stadt-Land-Unterschiede sind.

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Erreichbarkeit von Apotheken und Ärzten

Foto: BBSR Raumordnungsbericht 2017

6. Alkoholkonsum: Altlasten

In den neuen Bundesländern gibt es deutlich mehr Todesfälle, die auf Alkohol zurückzuführen sind:

Noch deutlicher als der Ost-West-Unterschied ist allerdings der Unterschied zwischen Männern und Frauen. Männer sterben um ein Vielfaches häufiger etwa an Lebererkrankungen oder Krebserkrankungen, die auf Alkohol zurückgehen.

Die regionalen Unterschiede bei den Todesfällen bedeuten zudem nicht, dass im Osten grundsätzlich mehr getrunken wird als im Westen. Laut Statistiken landen in einigen westdeutschen Bundesländern mehr Menschen mit akuten Alkoholvergiftungen im Krankenhaus. Was auf den ersten Blick widersprüchlich scheint, lässt sich erklären.

Bei akuten Alkoholvergiftungen handelt es sich um einzelne Ereignisse. Wer zum Beispiel einmal im Jahr auf dem Oktoberfest zu viel trinkt, trinkt nicht unbedingt auch in den restlichen Monaten regelmäßig zu viel Alkohol. Wer hingegen heute an den Folgen seines Alkoholkonsums stirbt, hat oft vor Jahrzehnten mit dem übermäßigen Trinken begonnen.

Tatsächlich wurde in kaum einem Land so viel Bier und Schnaps konsumiert wie in der DDR, obwohl übermäßiger Alkoholkonsum als dem "Sozialismus wesensfremd" galt. Alkohol war Genuss-, Stärkungs- und Tauschmittel sowie ein beliebtes Geschenk - und im Gegensatz zu anderen Drogen gut verfügbar.

7. Schwangerschaften: Die Kultur des frühen Kindes

Bis heute sind Frauen in den neuen Bundesländern bei der Geburt ihres ersten Kindes knapp ein Jahr jünger als in den alten Bundesländern. Zumindest aus gesundheitlicher Sicht haben sie dadurch einen Vorteil. Da die Fruchtbarkeit mit dem Alter abnimmt, liegt das beste Alter für eine Empfängnis zwischen 20 und 30.

"In der DDR ließen sich Beruf und Familie leichter miteinander vereinbaren, das Kinderkriegen wurde stark gefördert, Mütter hatten bessere Chancen auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt", sagt Martin Bujard vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung. "Es gab auch nicht so viele Alternativen zur Familie, wie etwa ausgedehnte Reisen oder Karrieren in selbst gewählten Berufen."

Die kulturellen Unterschiede zeigen sich bis heute unter anderem beim Zeitpunkt der Hochzeiten. "Im Westen wird eher erst geheiratet und dann kommen Kinder; in Ostdeutschland finden rund 60 Prozent der Erstgeburten außerhalb der Ehe statt, viele heiraten später aber noch", sagt Bujard. Auch sei die institutionelle Kinderbetreuung in Ostdeutschland viel akzeptierter.

Der Wissenschaftler hält es für denkbar, dass sich das Alter der Mütter bei der Geburt ihres ersten Kindes im Westen und Osten irgendwann angleichen wird. "Das kann aber noch sehr lange dauern", sagt er.

8. Impfen: Staatlich verordnet, bis heute erhalten

"Der Sozialismus ist die beste Prophylaxe", prangte als Leitbild in der DDR von Stellwänden vor Krankenhäusern. Viele Impfungen waren verpflichtend. Bis heute werden in den neuen Bundesländern mehr Menschen geimpft als in den alten. So hatten etwa 2017 in den östlichen Bundesländern 94,4 Prozent der Kinder die zweite Masernimpfung erhalten, in den westlichen waren es nur 92,6 Prozent.

Fazit:

1989 unterschied sich die Gesundheit eines durchschnittlichen Ostdeutschen zum Teil noch stark von der eines durchschnittlichen Westdeutschen, das Leben in den unterschiedlichen Systemen hatte Spuren hinterlassen. Seitdem hat sich von der Lebenserwartung über Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis zum Alter der Mütter vieles angeglichen. Die Unterschiede zwischen West und Ost sind spürbar geringer geworden.

Warum gibt es überhaupt noch Abweichungen? Teilweise zeigen sich gesundheitliche Folgen erst Jahre später und auch kulturelle Unterschiede verschwinden erst nach und nach. Wo Menschen in den neuen Bundesländern noch benachteiligt sind, liegen die Ursachen zudem oft mehr im Stadt-Land-Gefälle als in Unterschieden zwischen Ost und West.

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