Ein rätselhafter Patient Woher kommt das Stottern?

Eine 32-Jährige leidet unter extremen Kopfschmerzen und Erschöpfung. Die Ärzte folgern, dass sie Migräne hat und behandeln sie entsprechend. Doch dann beginnt die Patientin plötzlich zu stottern.
In zwei verschieden gewichteten MRT-Bildern zeigt sich unter anderem ein großer heller Fleck im sogenannten Balken, dem Corpus callosum (auf mittlerer Höhe)

In zwei verschieden gewichteten MRT-Bildern zeigt sich unter anderem ein großer heller Fleck im sogenannten Balken, dem Corpus callosum (auf mittlerer Höhe)

Foto: BMJ Case Reports

Wenn die Kopfschmerzen einsetzen, sind auch Licht und Geräusche eine Qual für die 32-Jährige. Zum Teil sieht sie nur noch verschwommen.

Mit diesen Beschwerden stellt sie sich an der Uniklinik von Vermont in Burlington, USA, vor. Sie berichtet den Ärzten, dass sie zudem seit etwa zwei Monaten Wortfindungsstörungen hat, häufiger Termine vergisst und insgesamt sehr erschöpft ist.

Die Frau hat ein sogenanntes Polycystisches Ovarsyndrom, eine Hormonstörung, und sie raucht. Das kann ihre Beschwerden jedoch nicht erklären.

Keine Spur von Krankheitserregern

Neurologische Tests sowie eine Augenuntersuchung liefern keinen auffälligen Befund, berichtet das Ärzteteam um Barbara McElwee Decker im Fachblatt "BMJ Case Reports" . Die Mediziner entnehmen der Frau mit einer Spritze Nervenwasser, sogenannten Liquor, das Gehirn und Rückenmark umspült. Der Eingriff im Bereich der Lendenwirbelsäule nennt sich Lumbalpunktion. Sie untersuchen, ob sich in dem Nervenwasser Bakterien oder Viren befinden. Doch es zeigt sich keine Spur von Krankheitserregern. Nur eine leicht erhöhte Zahl von weißen Blutkörperchen können sie in der Flüssigkeit nachweisen. Doch das ermöglicht keine genaue Diagnose.

Bei der Lumbalpunktion wird ein erhöhter Hirndruck notiert. Allerdings erfolgt die Messung, während die Patientin gebeugt sitzt, anstatt zu liegen, deshalb ist der Wert möglicherweise verfälscht.

Eine Magnetresonanztomografie (MRT) des Gehirns offenbart mehrere helle Flecken unterhalb der Hirnrinde und in der weißen Substanz. Sie können zum Beispiel auf Gewebeschäden oder Entzündungen deuten. Auch bei vielen gesunden Menschen sind im MRT einige Flecken zu sehen, mit dem Alter werden es mehr. Die möglichen Ursachen für die Schädigungen sind vielfältig und reichen von Durchblutungsstörungen über Infektionen bis hin zu Autoimmunerkrankungen.

Die Ärzte nehmen an, dass die Frau an einer Migräne leidet - oder an einem Hirnhochdruck mit unbekannter Ursache. Sie verschreiben ihr Topiramat, einen Wirkstoff, der Migräneanfällen vorbeugen soll. So verlässt sie die Klinik.

Die Frau beginnt zu stottern

Im darauf folgenden Monat beginnt die Patientin zu stottern, erst nur leicht, dann immer stärker. Sie sucht erneut die Klinik auf, wo die Ärzte das Migräne-Medikament absetzen. Doch das Stottern bleibt. Außerdem quälen die Frau jetzt brennende Schmerzen in beiden Beinen. Eine neurologische Untersuchung zeigt aber nichts Ungewöhnliches beim Schmerz- oder Temperaturempfinden.

Wieder fertigen die Ärzte ein MRT an. Dort zeigen sich weitere helle Flecken, die vor einem Monat noch nicht existierten. Ein besonders großer befindet sich im sogenannten Corpus callosum, der auch als Balken bezeichnet wird. Diese Region stellt Verbindungen zwischen linker und rechter Hirnhälfte hier.

MRT-Aufnahmen zeigen eine größere Läsion im Corpus callosum (oben, mittig)

MRT-Aufnahmen zeigen eine größere Läsion im Corpus callosum (oben, mittig)

Foto: BMJ Case Reports

Auch die Lumbalpunktion wiederholen die Mediziner. Und dieses Mal führen sie umfangreichere Tests mit der Flüssigkeit durch. Dabei weisen sie erhöhte Mengen von Antikörpern im Liquor nach, die sie noch genauer untersuchen. Der Hirndruck ist dagegen normal.

Anhand des neuen MRT-Bildes und der Testergebnisse zum Liquor diagnostizieren die Ärzte jetzt eine Multiple Sklerose (MS). Bei dieser Krankheit greift das Immunsystem die schützende Hülle von Nervenfasern an und schädigt sie dadurch zunehmend.

Die Beschwerden, mit denen sich MS zu Beginn bemerkbar macht, sind sehr verschieden - was die Diagnose erschwert. Die 32-Jährige litt zwar an einigen Symptomen, die häufig zu Beginn der Krankheit auftreten: Sehstörungen, Erschöpfung, Konzentrationsprobleme und schließlich auch Missempfindungen in den Gliedmaßen. Aber all das kann auch bei anderen Erkrankungen auftreten und nicht nur bei MS. Oft schreitet die Krankheit in Schüben voran, in denen Betroffene plötzlich neue Beschwerden haben, die manchmal wieder abklingen - aber manchmal auch von dort an bestehen bleiben.

Die Krankheit ist nicht heilbar

MS ist bis heute nicht heilbar, die verfügbaren Medikamente und Therapien können nur dafür sorgen, dass die Krankheit langsamer voranschreitet und die Lebensqualität der Erkrankten möglichst hoch bleibt. In Deutschland  leben etwa 200.000 Menschen mit einer diagnostizierten Multiplen Sklerose.

Die Mediziner in den USA verschreiben ihrer Patientin ein Medikament mit dem Wirkstoff Glatirameracetat. Dies soll die Zahl der Schübe senken.

Ein halbes Jahr später erstellte MRT-Aufnahmen zeigen einen Rückgang der Läsion im Corpus callosum

Ein halbes Jahr später erstellte MRT-Aufnahmen zeigen einen Rückgang der Läsion im Corpus callosum

Foto: BMJ Case Reports

Im folgenden Vierteljahr verbessert sich das Sprechen der Frau langsam, bis sie schließlich wieder ohne zu stottern kommunizieren kann. Ein MRT zeigt, dass sich parallel die Läsion im Corpus callosum zurückgebildet hat. Vermutlich war die Beeinträchtigung dieser Hirnregion die Ursache des Stotterns.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, das Nervenwasser werde aus dem Rückenmark entnommen. Tatsächlich wird es unterhalb des Rückenmarks entnommen. Wir haben den Fehler korrigiert.

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