Das Leben feiern bis zum Tod Nonnas letzte Monate

Als bei ihrer Großmutter Krebs diagnostiziert wird, zieht Gaia Squarci von New York zurück nach Italien. Fünf Monate lang nimmt sie Abschied, begleitet von der Kamera. Und feiert eigentlich das Leben.

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Als die letzten Wochen im Leben der Großmutter anbrachen, hatte die Familie nicht den Mut, ihr die Wahrheit zu sagen. Der Krebs, den sie Jahre zuvor schon zwei Mal bekämpft hatte, war zurückgekommen und hatte ihre Leber befallen. Nicht heilbar, war das Fazit der Ärzte. Chemotherapie oder Operationen erschienen sinnlos.

Die Familie erzählte der 85-Jährigen nur, sie sei an der Leber erkrankt. Alles andere, entschieden die beiden Töchter der alten Frau, würde sie nicht verkraften. Trotzdem spürte die Großmutter, wie der Tod langsam kam. Und versöhnte sich mit dem Gedanken. So erzählt es ihre Enkelin, die Fotografin Gaia Squarci.

Um ihrer Großmutter in der verbleibenden Zeit besonders nah zu sein, kehrte Squarci von New York in ihre Heimat Italien zurück. Fünf Monate verbrachte die Enkelin an der Seite der alten Frau, fotografierte sie und feierte ihr Leben, statt den Tod zu beweinen. Entstanden ist eine berührende Bilderstrecke.

Noch schwerer als die Angst vor dem Abschied

"Weißt du was", sagt die Großmutter ein paar Wochen vor ihrem Tod zu ihrer Enkelin. "Ich war noch immer jung, als du geboren wurdest. Es war ein bisschen, als wären wir gemeinsam aufgewachsen."

27 Jahre lang überlappten sich das Leben von Squarci und ihrer Großmutter, die sie "Nonna" nannte. Trotz des Altersunterschieds und verschiedener Einstellungen zum Leben entwickelten die beiden eine tiefe Bindung zueinander. "Wir amüsierten uns über unsere Unterschiede", schreibt Squarci.

Die Großmutter erzählte auch immer wieder, dass sie ihrer Enkelin ihr Leben verdanke: "Nur die Nachricht über deine Geburt hat mir die Kraft gegeben, den Brustkrebs zu besiegen." Als aber ihre letzten Wochen gekommen waren, wagte niemand mehr, das Wort "Krebs" auszusprechen.

"Dass sie nicht wusste, wie krank sie war, war noch herzzerreißender als die Angst davor, mich von ihr verabschieden zu müssen", schreibt die Fotografin. Bis zum Tag, an dem die Großmutter starb, verfolgte die Familie die Frage: Haben wir das Recht, die Wahrheit über ihren Zustand zu kennen, sie aber nicht?

Sie zögerte nicht, den alten Körper zu berühren

Die meiste Zeit ihres letzten Monats verbrachte die Großmutter zu Hause, umgeben von ihrer Familie. Die Welt schrumpfte auf wenige Wände und noch weniger Straßen zusammen. "Inmitten alldem realisierte ich, dass meine Mutter ihre Mutter verlieren wird", schreibt die Fotografin. "Ich beobachtete das Ausmaß der Emotionen meiner Mutter - und die Energie, mit der sie sich der verbliebenen Zeit widmete."

In den Wochen schätzte die Mutter kaum etwas so sehr, wie die Großmutter zu baden. Sie zögerte nicht, den alten Körper zu berühren. In einem dieser kostbaren Momente beobachtete Squarci die beiden mit der Kamera.

"Als meine Großmutter mein Objektiv ins Auge fasste, komplett nackt, ihr Körper gezeichnet von den Spuren der Vergangenheit und der akuten Krankheit, zeigte sich nicht das kleinste bisschen Scham - nur Vertrauen und Stolz", schreibt Squarci.

Fragte sie die Menschen im Ort nach ihrer Großmutter, erinnerten die sich an eine Frau, die nie ohne eine Wolke Parfum das Haus verließ, mit perfekt frisiertem weißem Haar, das Gesicht in Make-up gehüllt. "Ich war überrascht darüber, wie sie mit ihrer Krankheit konfrontiert war und trotzdem nicht ihre Weiblichkeit verlor", schreibt Squarci.

Sie war dazu in der Lage, Witze über sich selbst zu machen. Mehr als einmal fragte sie mich: "Meinst du, ich ende in der 'Vogue' oder in 'Marie Claire'?"

"Ihre Asche fühlte sich schwer an in meinen Händen"

Am 11. Oktober 2015 starb Marisa Vesco, die Großmutter, nachdem ihre Enkelin schon nach Brooklyn zurückgekehrt war. Als Squarci anschließend durch ihr Viertel streifte, starrte sie Kinder an, die sich gerade ein Wettrennen lieferten. Sie versuchte zu begreifen, dass ihre Großmutter nicht mehr länger auf dieser Welt sein würde. Es gelang ihr nicht.

"Ich haderte mit dem Konzept des Todes, mit den abstrakten Emotionen, die wir Trauer nennen", schreibt Squarci. Erst als sie nach Italien zurückkehrte und die Asche ihrer Großmutter verstreute, fand sie Frieden. Mit ihrer Familie wanderte sie an den Lieblingsplatz der Verstorbenen in den Bergen, nicht weit von Cossato im Nordwesten Italiens, wo ihre Großmutter aufgewachsen war.

"Ihre Asche fühlte sich schwer an in meinen Händen", schreibt sie. "Ich warf sie weit über mich in die Luft, und sie fiel zurück, überall aufs Gras und überall auf mich. Meine Mutter, mein Bruder und meine Tante taten dasselbe, immer und immer wieder. Am Ende waren wir bedeckt mit Nonnas Asche, genauso wie das Feld."

Monate später schickte ihr ihre Mutter ein Bild von der Wiese. Sie war komplett mit Blumen bedeckt.

von Gaia Squarci und Melissa Fares, Reuters/irb

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