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Aikido: Angriff durch Verteidigung

Foto: Tendoryu Aikido Berlin

Kampfsport Aikido Flexibilität, Gelassenheit und Selbstbewusstsein

In einem Alter, in dem sich andere Rentner mühsam aus dem Sessel wuchten, federn Aikidokas über die Turnmatten. Die dynamischere Form des Zeitlupensports Tai-Chi ist ein Geschenk für Ältere, meint Wunderläufer Achim Achilles.

"Los, schlag mich", sagt Bodo, "aber feste." Zögern. Darf man einen 76 Jahre alten Herrn angreifen, und sei es nur zum Schein? "Los!", fordert Bodo. Er steht stabil, hat die Hände leicht erhoben und blinzelt erwartungsvoll. Na gut. Meine Faust schnellt auf sein Kinn zu. Blitzschnell hat sich der Senior weggedreht, die Hand geschnappt und kunstvoll meinen Arm verdreht. Autsch.

Peter Nawrot lächelt stolz. Bodo ist sein Musterschüler. In einem Alter, da sich andere Rentner mühsam aus dem Fernsehsessel wuchten, um die nächste Runde Medikamente einzuwerfen, federt Bodo über die Turnmatten in der kleinen Sporthalle in Berlin-Zehlendorf, gemeinsam mit einem guten Dutzend Herrschaften im besten Alter, also jenseits der 50.

Manche bewegen sich mit größter Vorsicht, andere klatschen mit übermütigem Knall auf die roten und blauen Matten. In ihren weißen Jacken und den schwarzen langen Hosenröcken strahlt Nawrots Aikido-Gruppe deutlich mehr Würde, Freude und Kraft aus als eine Ladung ächzender Kaffeefahrtrentner in Gesundheitsschuhen und leberwurstfarbenen Windjacken, die vom Bus zum Büfett zum Klo und zurück zum Bus schlurfen.

Für Aikido ist es nie zu spät

Aikido ist ein Geschenk für Ältere. Die betont defensive Kampfkunst wurde Mitte des 20. Jahrhunderts in Japan erfunden. Peter Nawrot hat als Informatiker einen großen Teil seines Berufslebens in Asien zugebracht. Als Kind in Deutschland hatte er Judo gelernt, in Japan wandte er sich dem Aikido zu. Nawrot ist fast 70 und verströmt mehr Energie als mancher Mittvierziger. Täglich leitet er Gruppen, von Kindergartenkindern bis eben zur Brigade 50plus. "Man kann in jedem Alter anfangen", sagt der Aikido-Kenner, "und man ist nie fertig."

"Ai" bedeutet Harmonie, "ki" bezeichnet die Energie des Körpers, "do" steht für den Lebensweg. Wie immer man die drei Begriffe kombiniert, sie vereinen, was der ältere Mensch braucht: das Versöhnen des Körpers und seiner Energie mit dem jeweiligen Lebensabschnitt.

Das Training mobilisiert und gibt Sicherheit

Eine Aikido-Stunde beginnt mit sanftem Aufwärmen und gemeinsamer Gymnastik. Dann werden Abwehrtechniken geübt, jeder in seinem Tempo. Die wichtigste Fähigkeit des Aikidokas ist das kontrollierte Fallen. Bodo versichert, er habe sich mit den Abrolltechniken, die er bei Nawrot lernte, schon so manche böse Verletzung erspart. Knochenbrüche infolge von Stürzen sind eine der häufigsten Ursachen für Bettlägerigkeit und Verfall bei Senioren.

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Aikido ist eine dynamischere Form des Zeitlupensports Tai-Chi und bietet so ziemlich alles, woran es vielen Älteren fehlt. Die Beweglichkeit und Koordination wird geschult, dazu Gleichgewichtssinn und Muskelkraft. Die sanften Übungen erfordern Konzentration, Körperspannung und Lernbereitschaft. Zum Lohn wächst das Gefühl, einem Angriff nicht schutzlos ausgeliefert zu sein. So wird das Selbstbewusstsein von Älteren gestärkt, die vor lauter Alltagsangst ihre Jalousien schon um 16 Uhr herablassen. "Wer Aikido kann, verlässt automatisch die Opferrolle", weiß Nawrot.

Verteidigen ist handeln

Der Gedanke, der der Kampfkunst zugrunde liegt: Verteidigen ist aktives Handeln, furchtlos, klar und zielstrebig. Statt konkreten Plänen oder starren Bewegungsabläufen vertraut der Aikidoka seiner Fähigkeit zu intuitiv richtigem Handeln.

Funktioniert die eine Abwehrtechnik nicht, probiert man halt die nächste Strategie. Annehmen, was kommt, und das Beste daraus machen - klingt etwas esoterisch, ist aber gerade im Alter eine durchaus lebenspraktische Haltung. Aikido setzt den berechenbaren Alltagsabläufen Flexibilität, Gelassenheit und Selbstbewusstsein entgegen. "Aikido sollte Pflicht sein für alle Rentner", findet Bodo. Dann springt er wieder auf die Matte.

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch "Restlaufzeit". Achim-Achilles.de verlost drei Exemplare.