Weltweite Analyse Ärzte haben nur wenige Minuten pro Patient

Zuhören, Zeit für den Menschen? Schön wär's. Eine Erhebung zeigt: In Deutschland nehmen sich Ärzte knapp acht Minuten Zeit für die Behandlung, in Schweden oder den USA dagegen rund 20 Minuten.

Was sich Patienten weltweit wünschen, hat vermutlich einige Gemeinsamkeiten: Sie wollen professionellen Rat, eine wirksame Therapie, Zeit. Befriedigt werden diese Bedürfnisse höchst unterschiedlich - auch was den Zeitaufwand angeht: Während ein Allgemeinmediziner in Bangladesch nur 48 Sekunden mit einem Patienten verbringt, hat ein Arzt in Schweden im Schnitt 22,5 Minuten übrig.

Das ist das Ergebnis einer Metaanalyse von 178 Studien aus insgesamt 67 Ländern mit 28,5 Millionen Arztbesuchen, die ein internationales Forscherteam jetzt im Fachjournal "BMJ Open" veröffentlicht hat . Demzufolge dauern die Konsultationen in 15 Ländern wie Pakistan, China und Indien, in denen rund die Hälfte der gesamten Weltbevölkerung lebt, weniger als fünf Minuten. Die Untersuchung bezieht sich auf die medizinische Grundversorgung (Englisch: Primary Care), welche in Deutschland in der Regel Allgemeinmediziner übernehmen.

Es liegt auf der Hand, dass sehr kurze Arzt-Patienten-Gespräche die Krankheitserkennung und Therapie negativ beeinflussen können. Frühere Studien hatten gezeigt, dass ein schlechteres Behandlungsergebnis die Folge sein kann, ebenso wie die Verschreibung von mehreren Medikamenten und der übermäßige Einsatz von Antibiotika. Außerdem steigt das Risiko für die Mediziner, an Burnout zu erkranken. "In weniger als fünf Minuten kann nur sehr wenig erreicht werden, es sei denn, es geht allein um die Erkennung und das Management von Krankheiten", schreiben die Forscher.

In weiteren 25 Ländern dauern die Arztbesuche weniger als zehn Minuten. Deutschland liegt laut der Analyse im Mittelfeld: Hierzulande dauert ein Arztbesuch 7,6 Minuten, der Arztreport der Barmer GEK kam im Jahr 2010 auf rund acht Minuten.

Im Hinblick auf die Pro-Kopf-Kosten in den verschiedenen Gesundheitssystemen liegt Deutschland der aktuellen Studie zufolge allerdings weit unterhalb des Durchschnitts. Sogar in dem viel kritisierten britischen System verbringen Mediziner mehr Zeit mit ihren Patienten, nämlich etwa neun Minuten. Und in den USA nehmen sich die Ärzte zunehmend Zeit: Mittlerweile dauert eine Konsultation dort durchschnittlich mehr als 20 Minuten.

Da es sich um eine Metaanalyse handelt, wurden Studien mit verschiedenen Ansätzen berücksichtigt, was die Ergebnisse verzerren kann. Auch Unterschiede zwischen Land und Stadt oder öffentlicher und privater Gesundheitsversorgung haben die Autoren in ihrer Untersuchung nicht berücksichtigt.

Trotz des teuren Gesundheitssystems in Deutschland, beeinflusst auch hierzulande der Kostendruck offenbar die Entscheidungen von Ärzten. Eine Umfrage in deutschen Krankenhäusern hatte kürzlich ergeben, dass Mediziner mitunter unnötige Eingriffe empfehlen, um den Umsatz zu steigern.

hei
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