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Übersetzung von Diagnosen: Arzt-Dolmetscher für Patienten

Foto: KAI-UWE KNOTH/ AP

Übersetzer für Ärzte-Latein Pulmo, beidseits belüftet

"Sonorer KS, vesikuläres AG" - wenn Patienten ihre Diagnose bekommen, verstehen sie oft nur Bahnhof. Denn viele Götter in Weiß sprechen ihre eigene Sprache. Zwei Medizinstudenten bieten Abhilfe mit einer kostenlosen Übersetzung des Ärztekauderwelsch im Internet.

Nach dem Arztbesuch stehen Patienten häufig mit einem Blatt Papier vor der Praxis. Darauf stehen Formulierungen wie diese: "Pulmo: beidseits belüftet, sonorer KS, vesikuläres AG, keine RGs, keine KS-Dämpfung." Zwar hat Herr Doktor eben noch erklärt, was das bedeuten soll, doch die wenigsten verstehen das wirklich. Dabei will jeder Patient wissen: Was habe ich eigentlich?

Anja Kersten, eine 28-jährige Medizinerin, beantwortet diese Fragen. Sie ist gewissermaßen Dolmetscherin für medizinisches Fachchinesisch. Im Januar 2011 wurde Kersten von einer Freundin um Rat gefragt, deren Mutter vor Jahren an Brustkrebs erkrankt war. Bei einem Kontrollbesuch kam der Verdacht auf Metastasen auf. Die Erklärungen der Ärzte waren für die Dame nicht zu verstehen, der Arztbrief, eigentlich für den Austausch unter Medizinern gedacht, erst recht nicht. Kersten übersetze den Befund in klares Deutsch.

Anschließend fragte sie sich gemeinsam mit ihrem Kommilitonen Johannes Bittner, 27: "Was machen eigentlich Menschen, die keinen Mediziner im Freundeskreis haben?" Die Idee zu einem Übersetzungsdienst war geboren. Die beiden holten den Informatiker Ansgar Jonietz, 27, ins Team - kurz darauf ging washabich.de  online.

Die erste Anfrage rauschte nach zwölf Minuten herein. Seit über einem Jahr gibt es das Portal, seither ist es ständig gewachsen. Inzwischen wollen knapp 150 Patienten wöchentlich Klarheit über ihre Befunde haben. Ein Team aus Medizinstudenten und einigen Ärzten und Psychologen aus dem gesamten Bundesgebiet verschafft sie ihnen - kostenlos. Mehr als 7000 Übersetzungen wurden bisher angefertigt.

Bitte im virtuellen Wartezimmer Platz nehmen

Weil immer mehr Anfragen den Dienst erreichen, müssen die Patienten bei komplizierten Diagnosen auch mal drei Wochen statt der angepeilten drei bis fünf Tage auf Antwort warten, ergab ein Test der "Stiftung Warentest". Die abgelieferte Qualität stuften die Tester als "empfehlenswert" ein, die Texte seien gut verständlich, Fachbegriffe ausführlich erklärt. "Der Andrang ist inzwischen so groß, dass wir eine virtuelles Wartezimmer einrichten mussten", sagt Bittner.

Die Kommunikation zwischen Arzt und Patient ist oft gestört, glaubt Kersten. "Im Studium lernen wir, uns mit Latein und Griechisch medizinisch korrekt auszudrücken. So können wir den Patienten später aber nichts erklären." Hier bestehe ein Mangel in der medizinischen Ausbildung. Außerdem hätten die Anforderungen an die Mediziner zugenommen. Patienten seien mündiger geworden - auch durch das Internet. "Warum ein Arzt seinem Patienten bestimmte Tabletten verschreibt, muss er ihm heutzutage genau erklären", glaubt Kersten.

Zu denen, die sich abends nach der Uni ehrenamtlich in das System der Website einloggen, gehört seit zwei Monaten die 23-jährige Anne Lebsa. Sie studiert in Greifswald Medizin im achten Semester. "Als ich bei den ersten Klinik-Visiten dabei war, habe ich bei den Erklärungen der Ärzte immer das Fragezeichen in den Augen der Patienten gesehen", sagt Lebsa. Für eine Übersetzung braucht sie im Durchschnitt knapp fünf Stunden. Dabei verdreifacht sich der Umfang des Befundes in der Regel. "Fachsprache beschreibt komplizierte Sachverhalte kurz und knapp. Eine Erklärung für den Laien braucht deutlich mehr Platz. Auch wenn ich meist sofort verstehe, was im Arztbericht gemeint ist." Wenn sie für Patienten übersetzt, lerne sie einfaches Formulieren, sagt sie. An der Uni werde das nicht geübt.

Die Macher von washabich.de betonen, sie würden keine Therapievorschläge machen oder Computertomografien interpretieren, sondern nur übersetzen. "Es ist nicht so, dass Studenten hier Arzt spielen wollen", sagt Kersten.

Soziales Netzwerk für Medizinstudenten

Inzwischen ist auch der Ärzteverband Marburger Bund von dem Angebot überzeugt und unterstützt es. Auch Gesundheitsminister Daniel Bahr ist seit knapp einer Woche washabich-Botschafter und hat das Büro in Dresden besucht.

Im Mai hat Kersten ihr Medizinstudium beendet. Danach kam ein Jobangebot von einer Klinik in Dresden. Kersten hat es nicht angenommen. Ihre Zukunft sieht sie bei washabich.de. Allerdings muss sie sich nun auch Gedanken über ein finanzielles Konzept machen. Bisher haben Spenden weitgehend die Kosten für das Projekt gedeckt. Im Schnitt überweisen 30 Prozent der Patienten ein paar Euro, 80 Prozent davon gehen an die Studenten.

Sie und Bittner, der sein Medizinstudium für ein Jahr auf Eis gelegt hat, sowie Jonietz haben ein Netzwerk nur für die übersetzenden Studenten auf washabich.de eingerichtet. Dort können sich Kliniken und medizinische Firmen gegen Gebühr präsentieren und um Nachwuchs werben. Die Studenten erhalten die Möglichkeit, schon während des Studiums Kontakte aufzubauen. Von dem Erlös soll der Übersetzungsservice weiterhin kostenfrei angeboten werden. Auch ein Förderverein soll die Finanzierung sichern.

So funktioniert washabich.de

Kersten will weiter dafür sorgen, dass Patienten mit ihren Befunden und Diagnosen etwas anfangen können. Das Wort "Pulmo" hat sie schon oft erklärt. Es bedeutet Lunge. Sie sollte beidseitig belüftet sein, der ganz normale sonore Klopfschall (KS) und das vesikuläre Atemgeräusch (AG) müssen ohne Rasselgeräusche (RGs) und Klopfschalldämpfung (KS-Dämpung) erklingen. Dann ist alles in Ordnung.

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