Ärzte ohne Grenzen "Tausende hätten vor Ebola gerettet werden können"

Für Ärzte ohne Grenzen steht fest: Die Weltgemeinschaft hat im Kampf gegen die Ebola-Epidemie versagt. Die Hilfsorganisation fordert jetzt dringend mehr Forschung zu Impfstoffen und Medikamenten.
Mitarbeiter eines Ebola-Behandlungszentrums in Sierra Leone: "Das war für uns wie ein Tsunami"

Mitarbeiter eines Ebola-Behandlungszentrums in Sierra Leone: "Das war für uns wie ein Tsunami"

Foto: Michael Duff/ AP/dpa

Das Interesse an Nachrichten über die Ebola-Epidemie in Westafrika sinkt. Dabei infizieren sich nach wie vor Menschen in Sierra Leone, Guinea und Liberia mit dem lebensbedrohlichen Virus, mehr als 10.000 Menschen sind seit dem Beginn des Ausbruchs im Dezember 2013 gestorben. Überstanden ist die Seuche noch nicht - und auch die langfristigen wirtschaftlichen Folgen sind derzeit noch schwer abzusehen.

Fest steht aber: Vermutlich hätten unzählige Menschenleben gerettet werden können, wenn Maßnahmen zur Eindämmung der Epidemie viel früher und effizienter ergriffen worden wären. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat am Montag schwere Versäumnisse im Kampf gegen Ebola eingeräumt.

Nach Ansicht der Organisation Ärzte ohne Grenzen (Médecins Sans Frontières, MSF) hat jedoch nicht nur die oberste Gesundheitsbehörde Fehler gemacht. Demnach hat die internationale Gemeinschaft versagt. "Man muss es so deutlich sagen: Durch frühere und effektivere Hilfe hätten viele Tausend Menschen vor Ebola geschützt und gerettet werden können", sagte Tankred Stöbe, Präsident von MSF in Deutschland.

Am Dienstag zog die Hilfsorganisation auf ihrer Frühjahrskonferenz in Berlin gemeinsam mit Politikern, Forschern und humanitären Helfern eine kritische Bilanz des Ebola-Einsatzes.

Auch Deutschland zögerte zu lang

Der Ernst der Lage sei sowohl von der WHO als auch von der Politik zu lange verkannt worden. "WHO-Mitarbeiter haben ja sogar abgewiegelt und uns Panikmache vorgeworfen", sagte Stöbe in einem Interview am Rande der Pressekonferenz. Es habe bis September gedauert, bis endlich Hilfe anlief. Auch Deutschland habe zu lange gezögert. "Es gab viele verständnisvolle und hochrangige Gespräche, aber getan hat sich erst mal nichts. Das hat uns sehr frustriert."

In Zukunft müsse humanitäre und medizinische Hilfe sehr viel schneller und flexibler werden, sagt Stöbe und fordert, dass auch die Forschung zu Ebola und anderen vernachlässigten Krankheiten verstärkt werden müsse, um für künftige Notlagen besser gewappnet zu sein. Einen solchen Fonds solle Deutschland im Rahmen der G7-Präsidentschaft auf den Weg bringen.

Das Fehlen von Medikamenten und Impfstoffen bleibt laut Ärzte ohne Grenzen das grundlegende Problem. Zwar liefen einige klinische Studien, doch definitive Ergebnisse gebe es noch keine. "Man kann nicht innerhalb kürzester Zeit die jahrzehntelangen Versäumnisse bei Forschung und Entwicklung aufholen", sagte Philipp Frisch, Koordinator der MSF-Medikamentenkampagne.

"Auch für Ärzte ohne Grenzen ist dieser Ausbruch eine der größten Herausforderungen unserer Geschichte", sagte Florian Westphal, Geschäftsführer von MSF Deutschland. "Wir hatten zu Beginn der Epidemie nur eine begrenzte Zahl an Mitarbeitern, die Erfahrung mit Ebola hatten. Wir haben dann Hunderte Mitarbeiter geschult, sind aber trotzdem irgendwann an unsere Grenzen gestoßen."

"Wie ein Tsunami"

Der Arzt und Koordinator der Ebola-Task-Force in Liberia, Moses Massaquoi, bestätigte in Berlin, wie verzweifelt der Kampf gegen die Erkrankung vor allem in den ersten Monaten ohne internationale Unterstützung gewesen sei: "Das war für uns wie ein Tsunami."

Über Monate hinweg hatte die Organisation die medizinische Nothilfe in Sierra Leone, Guinea und Liberia fast alleine gestemmt, zeitweise waren 4500 MSF-Mitarbeiter im Einsatz. Auf die Frage, wie die aktuelle Lage in den betroffenen Regionen ist, sagt Stöbe: "Die Situation ist insgesamt nicht mehr so dramatisch wie vor einem halben Jahr."

Allerdings gilt die Epidemie offiziell erst dann als überstanden, wenn mindestens 42 Tage lang keine Neuinfektionen mehr gemeldet wurden. In Liberia sah es zunächst aus, als könnte die Epidemie bald für beendet erklärt werden - bis Ende März ein neuer Fall gemeldet wurde. Vor allem in Guinea steigen die Infektionszahlen immer wieder. "Das besorgt uns sehr", so Stöbe.

Der WHO zufolge wurden in der vergangenen Woche in den drei Ländern insgesamt 37 Neuinfektionen gemeldet. "Das hört sich wenig an", sagt Stöbe. "Aber schon ein Patient reicht aus, um einen neuen Flächenbrand auszulösen." Die ohnehin fragilen Gesundheitssysteme in den Ländern seien komplett zusammengebrochen. Zudem bereiteten auch andere Krankheiten wie Masern, Malaria oder Meningitis große Probleme. Und für Ebola gelte weiterhin: "Solange wir keinen Impfstoff haben, stirbt daran jeder zweite Patient."

cib/dpa
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