Ärzte ohne Grenzen "Tausende hätten vor Ebola gerettet werden können"

Für Ärzte ohne Grenzen steht fest: Die Weltgemeinschaft hat im Kampf gegen die Ebola-Epidemie versagt. Die Hilfsorganisation fordert jetzt dringend mehr Forschung zu Impfstoffen und Medikamenten.

Mitarbeiter eines Ebola-Behandlungszentrums in Sierra Leone: "Das war für uns wie ein Tsunami"
AP

Mitarbeiter eines Ebola-Behandlungszentrums in Sierra Leone: "Das war für uns wie ein Tsunami"


Das Interesse an Nachrichten über die Ebola-Epidemie in Westafrika sinkt. Dabei infizieren sich nach wie vor Menschen in Sierra Leone, Guinea und Liberia mit dem lebensbedrohlichen Virus, mehr als 10.000 Menschen sind seit dem Beginn des Ausbruchs im Dezember 2013 gestorben. Überstanden ist die Seuche noch nicht - und auch die langfristigen wirtschaftlichen Folgen sind derzeit noch schwer abzusehen.

Fest steht aber: Vermutlich hätten unzählige Menschenleben gerettet werden können, wenn Maßnahmen zur Eindämmung der Epidemie viel früher und effizienter ergriffen worden wären. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat am Montag schwere Versäumnisse im Kampf gegen Ebola eingeräumt.

Nach Ansicht der Organisation Ärzte ohne Grenzen (Médecins Sans Frontières, MSF) hat jedoch nicht nur die oberste Gesundheitsbehörde Fehler gemacht. Demnach hat die internationale Gemeinschaft versagt. "Man muss es so deutlich sagen: Durch frühere und effektivere Hilfe hätten viele Tausend Menschen vor Ebola geschützt und gerettet werden können", sagte Tankred Stöbe, Präsident von MSF in Deutschland.

Am Dienstag zog die Hilfsorganisation auf ihrer Frühjahrskonferenz in Berlin gemeinsam mit Politikern, Forschern und humanitären Helfern eine kritische Bilanz des Ebola-Einsatzes.

Auch Deutschland zögerte zu lang

Der Ernst der Lage sei sowohl von der WHO als auch von der Politik zu lange verkannt worden. "WHO-Mitarbeiter haben ja sogar abgewiegelt und uns Panikmache vorgeworfen", sagte Stöbe in einem Interview am Rande der Pressekonferenz. Es habe bis September gedauert, bis endlich Hilfe anlief. Auch Deutschland habe zu lange gezögert. "Es gab viele verständnisvolle und hochrangige Gespräche, aber getan hat sich erst mal nichts. Das hat uns sehr frustriert."

In Zukunft müsse humanitäre und medizinische Hilfe sehr viel schneller und flexibler werden, sagt Stöbe und fordert, dass auch die Forschung zu Ebola und anderen vernachlässigten Krankheiten verstärkt werden müsse, um für künftige Notlagen besser gewappnet zu sein. Einen solchen Fonds solle Deutschland im Rahmen der G7-Präsidentschaft auf den Weg bringen.

Das Fehlen von Medikamenten und Impfstoffen bleibt laut Ärzte ohne Grenzen das grundlegende Problem. Zwar liefen einige klinische Studien, doch definitive Ergebnisse gebe es noch keine. "Man kann nicht innerhalb kürzester Zeit die jahrzehntelangen Versäumnisse bei Forschung und Entwicklung aufholen", sagte Philipp Frisch, Koordinator der MSF-Medikamentenkampagne.

"Auch für Ärzte ohne Grenzen ist dieser Ausbruch eine der größten Herausforderungen unserer Geschichte", sagte Florian Westphal, Geschäftsführer von MSF Deutschland. "Wir hatten zu Beginn der Epidemie nur eine begrenzte Zahl an Mitarbeitern, die Erfahrung mit Ebola hatten. Wir haben dann Hunderte Mitarbeiter geschult, sind aber trotzdem irgendwann an unsere Grenzen gestoßen."

"Wie ein Tsunami"

Der Arzt und Koordinator der Ebola-Task-Force in Liberia, Moses Massaquoi, bestätigte in Berlin, wie verzweifelt der Kampf gegen die Erkrankung vor allem in den ersten Monaten ohne internationale Unterstützung gewesen sei: "Das war für uns wie ein Tsunami."

Über Monate hinweg hatte die Organisation die medizinische Nothilfe in Sierra Leone, Guinea und Liberia fast alleine gestemmt, zeitweise waren 4500 MSF-Mitarbeiter im Einsatz. Auf die Frage, wie die aktuelle Lage in den betroffenen Regionen ist, sagt Stöbe: "Die Situation ist insgesamt nicht mehr so dramatisch wie vor einem halben Jahr."

Allerdings gilt die Epidemie offiziell erst dann als überstanden, wenn mindestens 42 Tage lang keine Neuinfektionen mehr gemeldet wurden. In Liberia sah es zunächst aus, als könnte die Epidemie bald für beendet erklärt werden - bis Ende März ein neuer Fall gemeldet wurde. Vor allem in Guinea steigen die Infektionszahlen immer wieder. "Das besorgt uns sehr", so Stöbe.

Der WHO zufolge wurden in der vergangenen Woche in den drei Ländern insgesamt 37 Neuinfektionen gemeldet. "Das hört sich wenig an", sagt Stöbe. "Aber schon ein Patient reicht aus, um einen neuen Flächenbrand auszulösen." Die ohnehin fragilen Gesundheitssysteme in den Ländern seien komplett zusammengebrochen. Zudem bereiteten auch andere Krankheiten wie Masern, Malaria oder Meningitis große Probleme. Und für Ebola gelte weiterhin: "Solange wir keinen Impfstoff haben, stirbt daran jeder zweite Patient."

cib/dpa

insgesamt 8 Beiträge
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Marianne Rosenberg 21.04.2015
1. Interesse sinkt?
"Das Interesse an Nachrichten über die Ebola-Epidemie in Westafrika sinkt." Dann schreibt und informiert darüber!
ginger64 21.04.2015
2. Afrika, Afrika...
@ Marianne Rosenberg, Danke! Tausende hätten nicht nur vor Ebola und der Flucht ins EU-Massengrab Mittelmeer gerettet werden können. Was ist aus "Bring Back Our Girls!" geworden, Aids und angeblich Humanitärer Altkleiderhilfe, was wird aus dem Viktoria-See, wo bleiben Nachrichten über die Gewinnung von Edelmetallen, was kann man noch aufzählen, womöglich unter 160 Zeichen, damit es gerade noch smartphonefähig ist?
bellfleurisse 21.04.2015
3. Nur schlechte Nachrichten aus Afrika?
Im Gegensatz zu britischen, belgischen oder französischen Medien, gibt es in Deutschland fast (95%) nur die negativen Schlagzeilen. Wie wäre es mal mit einem Blick auf z.B. die modernste Verfassung der Welt? Oder ein Rückblick darauf, was aus der Versöhnung in Südafrika geworden ist? Hier wäre insbesondere ein "Vergleich" mit der jüngsten Vergangenheit- Stasi- interessant. Wie wäre es, mal das einzige Land in dem die Ansteckungsquote von HIV rückläufig war, näher zu betrachten? Aber nee, immer Ebola, Hunger, Krieg etc. Ja, im Kongo (wo Ebola seinen Namen "bekam") ist Krieg trotz angeblich frei gewählter Regierung. In Nigeria gibt es nicht erst seit Boko Haram Gewalt und Tod. Ja, in Kenia werden Völker wie die Massai immer weiter in die Moderne gedrängt und die LKW Fahrer sind ein Problem bezüglich der HIV Ausbreitung... Aber es gibt auch viel Positives in den vielen Ländern Afrikas. Die zueinander so unterschiedlich sind wie dänemark zu Spanien oder Polen zu Belgien. Ebola BLEIBt ein Problem, aber solange nicht Tausende sterben, wird nicht geforscht. Genauso wenig wie zu Malaria.
Flying Rain 21.04.2015
4. @Beitra Nr.2
Zu den Altkleidern ist mit noch etwas aus meinem letzten Ausflug nach Thailand im März eingefallen...an einem Bahnhof sah ich wie ein Thai Altkleider verkaufte ...die alten Abschlussshirts waren aus der gesammten westlichen Welt und über die letzten 10 Jahre verteilt... Nur als Beispiel wo unsere Altkleider landen, die werden zu 100% vor Ort einfach verkauft...
Bernd.Brincken 21.04.2015
5. Millionen wurden erfolgreich gerettet
Den verbreiteten Kassandrarufen zur Zeit der hohen Medienpräsenz und Opferzahlen zum Trotz, wurde doch die Epidemie durch die Maßnahmen vor Ort dann erstaunlich schnell und wirkungsvoll eingedämmt. Passt das nicht in unser Afrika-Bild? Umgekehrt muss man folgern, die dunklen Prophezeiungen vielleicht ein klein wenig übertrieben waren. In dem Kontext jetzt wieder ins gleiche Horn zu stossen, es wäre zu wenig unternommen worden, und sich als Mahner ins Recht zu setzen - dazu gehört schon etwas Chuzpe.
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