Igel-Angebote Ärzte und Kassen streiten über Selbstzahler-Leistungen

Ärzte bieten zahlreiche Leistungen an, die Patienten selbst zahlen müssen. Die Krankenkassen kritisieren die meisten dieser Angebote - sie fordern: Mediziner sollten besser über die möglichen Risiken aufklären.
Akupunkturbehandlung

Akupunkturbehandlung

Foto: imago

Die Krankenkassen beklagen, dass Ärzte ihre Patienten nicht ausreichend über Nutzen und mögliche Risiken von Selbstzahler-Leistungen aufklären. Der Markt der sogenannten individuellen Gesundheitsleistungen (Igel) boome, sagt Peter Pick, Geschäftsführer des Medizinischen Diensts der Krankenkassen (MDS). Ärztevertreter wiesen die Vorwürfe zurück.

Das Wissenschaftliche Institut der AOK geht davon aus, dass jährlich Selbstzahler-Leistungen für deutlich mehr als eine Milliarde Euro angeboten werden.

"Aus unserer Sicht sind die Ärzte gefordert, über Nutzen und mögliche Risiken der Selbstzahler-Leistungen ausführlich aufzuklären", sagt Pick. Dafür müssten schriftliche Informationen zur Verfügung gestellt werden. Die Patienten sollten zudem ausreichend Bedenkzeit erhalten und nicht unter Druck gesetzt werden. Die Angebote bergen auch Gefahren - etwa wenn nach einem Fehlalarm bei einer Krebsfrüherkennung Patienten verunsichert werden oder sich sogar operieren lassen.

"Die Selbstzahler-Leistungen sind vor allem ein Griff der Ärzte in das Patienten-Portemonnaie", sagt der Sprecher des Krankenkassen-Spitzenverbands, Florian Lanz. "Was medizinisch notwendig ist, das zahlen die gesetzlichen Krankenkassen."

Seit 2012 haben die MDS-Experten 41 Selbstzahler-Leistungen unter die Lupe genommen, nur drei davon bewerteten sie als "tendenziell positiv": Akupunktur zur Vorbeugung von Migräne, Lichttherapie bei einer Winterdepression sowie Stoßwellentherapie bei Fersenschmerz.

Neu untersucht hat der Medizinische Dienst ergänzende Ultraschalluntersuchungen in der Schwangerschaft , etwa das "Baby-Fernsehen" in 3D. Das schade nicht, so das Urteil, habe aber auch keinen medizinischen Nutzen.

"Unsere Bewertungen zeigen, dass vieles, was in den Praxen angeboten wird, der wissenschaftlichen Bewertung nicht Stand hält", sagt Michaela Eikermann, Leiterin des Bereichs Evidenzbasierte Medizin beim MDS. "Beim überwiegenden Teil können wir nicht von Hinweisen für einen Nutzen, sondern eher von Hinweisen für einen Schaden für den Patienten sprechen."

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz forderte, eine 14-tägige Bedenkzeit zwischen dem Angebot des Arztes und der Leistungserbringung einzuführen. "Offensichtlich geht es den Ärzten bei Igel-Leistungen ums Geldverdienen", sagt Vorstand Eugen Brysch. "Viel zu häufig werden Patienten überrumpelt von Angeboten, deren Nutzen oft umstritten ist." Brysch rief die Bundesregierung auf, die gesetzlichen Grundlagen für eine verpflichtende Bedenkzeit zu schaffen.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) wies die Vorwürfe zurück. "Es ist falsch, Igel unter Generalverdacht zu stellen", sagt der KBV-Vorsitzende Andreas Gassen. Im individuellen Fall könnten diese Leistungen durchaus medizinisch sinnvoll sein.

Die Versichertenbefragung der KBV habe für das vergangene Jahr gezeigt, dass individuelle Gesundheitsleistungen von den Patienten selbst verstärkt nachgefragt würden. "Natürlich muss der Patient ausreichend Zeit haben, um über das Angebot entscheiden zu können", sagt Gassen.

wbr/AFP/dpa
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