Landarztmangel GBA-Chef attackiert Kassen und Ärztevertreter

Der Weg zum Hausarzt soll kurz sein. Doch der Versuch, mehr Landärzte zu gewinnen, droht zu scheitern. Josef Hecken, Chef des Gemeinsamen Bundesausschusses, macht Krankenkassen und Ärztevertreter dafür verantwortlich - und fordert von ihnen, mehr Arztpraxen zu erlauben.
Ärztin im Patientengespräch: Ländliche Versorgung in unerreichbarer Ferne

Ärztin im Patientengespräch: Ländliche Versorgung in unerreichbarer Ferne

Foto: Corbis

Berlin - Die Politik demonstriert seit Monaten, wie geschäftig sie daran arbeitet, mehr Ärzte zur Arbeit auf dem Land zu bewegen. Doch der Chef des für die Ärzteplanung maßgeblichen Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA), Josef Hecken, warnt jetzt davor, dass es trotz aller Aktionen zu einem dramatischen Landarztmangel kommen werde.

Insbesondere Allgemeinärzte könnten demnach bald in der Basisversorgung fehlen. Nach Angaben des Deutschen Hausärzteverbands gibt es bereits heute weniger Hausärzte als gedacht.

Hecken warnt vor Einbrüchen bei der Infrastruktur in Landregionen mit überalterter Bevölkerung. Der öffentliche Verkehr werde dort oft schon ausgedünnt, medizinische Versorgung sei vielfach bedroht. "Ohne zügige Anpassungen bleibt eine immer größer werdende Anzahl oft auch mehrfach erkrankter Patienten ohne angemessene Versorgung zurück", sagte Hecken.

Krankenkassen und Kassenärzte blockieren bessere Versorgung

Eigentlich sollte eine Neuplanung des Ärztenetzes in Deutschland Abhilfe schaffen. Anfang des Jahres war sie in Kraft getreten: Der GBA hatte 3000 garantierte Möglichkeiten zur Praxiseröffnung für Hausärzte beschlossen. Doch die Umsetzung stockt nach Angaben Heckens. Verantwortlich dafür seien die Krankenkassen und die Kassenärztlichen Vereinigungen in den einzelnen Ländern.

Hintergrund ist, dass Ärzte nicht einfach dort eine Praxis eröffnen können, wo sie wollen - es sei denn, sie behandeln nur Privatpatienten. Möchten sie Kassenpatienten versorgen, müssen sie eine Zulassung beantragen. Diese wird aber nur erteilt, wenn eine Kommission aus Kassen- und Ärztevertretern einen Bedarf erkennt. Den Rahmen dafür gibt wiederum der GBA-Bedarfsplan vor, der unter anderem das Verhältnis von Haus- zu anderen Fachärzten regelt.

Die Länder, so GBA-Chef Hecken, nutzten die Chance für regionale Besonderheiten viel zu zurückhaltend. "Dabei können ihre Zulassungsausschüsse vom bundesweit beschlossenen Verhältnis von Hausärzten und Fachärzten abweichen", sagt Hecken. Wo nötig, könnten örtlich mehr Ärzte vorgesehen und Planungsbezirke eigens zugeschnitten werden.

"Angehenden Medizinern jetzt eine Perspektive eröffnen"

Bei den Kassen sei das Interesse daran aber begrenzt, weil es in Regionen mit besonders vielen Arztsitzen im Gegenzug dadurch keinen Abbau gebe. "Und die Kassenärztlichen Vereinigungen haben wenig Interesse, weil sie fürchten, dass sie nicht genug Ärzte gewinnen", kritisierte der GBA-Chef.

Hecken forderte Kassen und Ärztevereinigungen auf: "Wir müssen angehenden Medizinern jetzt eine Perspektive durch Zugangsmöglichkeiten eröffnen." Darüber müsse bald Klarheit bestehen. "Wenn das nicht geschieht, droht das Ziel, die ländliche Versorgung abzusichern, in unerreichbare Ferne zu rücken."

Anfang 2012 war das Versorgungsstrukturgesetz  in Kraft getreten. Die Koalition wollte dem drohenden Ärztemangel begegnen, der GBA sollte eine flexiblere Ärzteplanung  machen. In den nächsten Jahren gehen nach Prognosen der Verbände über 40.000 Ärzte in den Ruhestand, seit Jahren warnen auch Regierungsberater immer wieder vor zu wenig Allgemeinmedizinern.

Spezialisierte Hausärzte werden zum Problem

Der Deutsche Hausärzteverband betonte, zwar gebe es auf dem Papier heute 50.000 Hausärzte. "Von denen sind allerdings 15 bis 20 Prozent nicht wirklich hausärztlich tätig", sagte Verbandschef Ulrich Weigeldt. Sie hätten sich zu Schwerpunktpraxen etwa für Krebs oder Diabetes entwickelt.

Diese Praxen sind zwar als Hausarztsitz registriert, fallen aber für die hausärztliche Versorgung praktisch aus. "Auch deshalb gibt es bereits heute Lücken bei der Grundversorgung, etwa auch bei Hausbesuchen", sagte Weigeldt.

Bessere Planung bewirkt laut Weigeldt nicht automatisch, dass genügend Ärzte geplante Sitze auch besetzen. Dagegen sagte Hecken: "Die Planung kann gegen Ärztemangel vor allem auch bei Hausärzten wirken, weil Ärzte anders als früher nicht mehr direkt an ihrem Einsatzort wohnen müssen und es zugleich auch finanzielle Anreize gibt."

dba/dpa
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