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20. Mai 2015, 13:10 Uhr

Ärztliche Behandlungsfehler

Zahl der Verdachtsfälle steigt

Rund 14.600-mal gingen die Krankenkassen 2014 dem Vorwurf nach, dass Ärzten bei der Behandlung ein gravierender Fehler unterlaufen ist. In knapp 4000 Fällen bestätigte sich der Verdacht.

Im vergangenen Jahr haben mehr Patienten bei ihrer Krankenkasse einen Verdacht auf Behandlungsfehler geltend gemacht als in den Vorjahren. Die Zahl der entsprechenden Gutachten des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) stieg binnen eines Jahres um gut 2000 Fälle auf 14.663 an.

In 3796 Fällen erkannten die Gutachter einen Behandlungsfehler, durch den Patienten geschädigt wurden, teilte der MDK mit. Die Zahl war im Vorjahr nur unwesentlich geringer, mit 3687 Fällen. In 155 Fällen starben die Patienten laut den Gutachtern im Kassen-Auftrag an den Folgen eines Fehlers oder damit zusammenhängenden Komplikationen. 1294 Patienten erlitten einen Dauerschaden. "Die Zahlen sprechen dafür, dass von einer Entwarnung keine Rede sein kann", sagte Vize-Geschäftsführer Stefan Gronemeyer.

"Es ist mit einer hohen Dunkelziffer zu rechnen", sagte die MDK-Ärztin Astrid Zobel. Die meisten Vorwürfe bezogen sich auf operative Eingriffe.

Der MDK weist darauf hin, dass die Zahlen nicht die Behandlungsqualität widerspiegeln, da sie nicht die Gesamtzahl der Behandlungen und Behandlungsfehler repräsentieren.

"Auch bei größter Sorgfalt passieren Fehler im Krankenhaus, in der Arztpraxis und in der Pflege. Uns geht es um einen offenen Umgang mit Fehlern, damit die Patienten entschädigt werden", sagte Gronemeyer.

Schnelle Hilfe für Betroffene gefordert

Das Aktionsbündnis Patientensicherheit forderte, den Leidensweg von Betroffenen bis zu einer Entschädigung zu verkürzen. Oft würden Gutachten, darunter die des MDK, vor Gericht nicht anerkannt, sagte der Geschäftsführer des Bündnisses, Hardy Müller. "Gerade in solchen Fällen dauert es oft sehr lange, in der Mehrzahl der Fälle über fünf Jahre, bis ein Verfahren abgeschlossen ist."

Eine Studie des Wissenschaftlichen Instituts der Techniker Krankenkasse zeigt, dass es in 39 Prozent der untersuchten Fälle fünf bis zehn Jahre dauere, bis über eine Entschädigung entschieden sei. In 19 Prozent dauerte es demnach sogar noch länger.

Müller forderte: "Wir dürfen die Menschen nicht zum zweiten Mal zu Opfern machen." Die Schadensregulierung müsse deutlich verbessert werden. "Die Gutachten müssen eine bessere Anerkennung finden." Sie würden schließlich nach internationalen wissenschaftlichen Standards verfasst. Zudem werde es heute in der Regel den Patienten aufgebürdet, Informationen über den Verlauf der Behandlung von den Ärzten einzuholen.

Müller machte sich für die Einrichtung eines Fonds zur Entschädigung von Patienten stark. So ein Geldtopf könne eine gute Ergänzung sein, wenn sehr schwere Fälle aufträten. "Das Problem ist, dass viele Betroffene nach einem Schaden nicht mehr arbeiten können und das Leben existenziell bedroht ist. Dann 10 bis 15 Jahre lang zu klären, wer haftet, ist unzumutbar."

wbr/dpa

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