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14. Juni 2013, 08:45 Uhr

Studie

HIV-Medikamente schützen Drogensüchtige vor Infektion

Von Cinthia Briseño

Pillen statt Spritzentauschprogramme? Erstmals haben Ärzte gezeigt, dass HIV-Medikamente Süchtige, die sich Drogen spritzen, vor einer Ansteckung schützen können. Experten jedoch warnen vor eiligen Rückschlüssen. Die Studie hat Schwächen.

Der Einsatz von HIV-Medikamenten lohnt sich zunehmend: In den letzten Jahren haben Forscher immer wieder Studien veröffentlicht, die zu dem Schluss kommen, dass sogenannte antiretrovirale Mittel vor einer Ansteckung mit HIV schützen. Mediziner halten sie sogar unter bestimmten Umständen für genauso sicher wie Kondome. Und auch das Risiko einer Übertragung von HIV-positiven Müttern auf ihre Kinder lässt sich mit solchen Medikamenten senken.

Doch wie sieht es bei Rauschgiftsüchtigen aus, die sich Drogen spritzen - und dadurch ein erhöhtes Ansteckungsrisiko haben? Erstmals ist ein Ärzteteam dieser Frage nachgegangen. Die Studie, die Forscher aus Bangkok gemeinsam mit US-Kollegen von den Centers for Disease Control and Prevention in Atlanta (CDC) dazu jetzt im Medizinjournal "The Lancet" präsentieren, kommt dabei zu einem ganz ähnlichen Schluss: HIV-Medikamente schützen nichtinfizierte Drogensüchtige vor einer Ansteckung mit dem HI-Virus.

Es ist eine gute Botschaft, in der die Mediziner großes Potential sehen: Sie schlagen vor, antiretrovirale Mittel als Prophylaxe bei Abhängigen einzusetzen, die sich Drogen spritzen. Weltweit, so die aktuellen Schätzungen, gibt es 15,9 Millionen Menschen, die süchtig nach Drogen sind und sich diese spritzen. Drei Millionen von ihnen sind demnach HIV-positiv. Weitere Schätzungen gehen davon aus, dass weltweit etwa zehn Prozent aller Neuinfektionen über Spritzen übertragen werden.

Spritzentauschprogramme bewirken bereits viel

Könnten HIV-Medikamente diese Zahl senken? Zahlreiche Spritzentauschprogramme, bei denen die Süchtigen ihre benutzten Spritzen gegen sterile austauschen können, sowie die kostenlose Ausgabe von Spritzen haben bereits dazu geführt, dass die HIV-Übertragungsraten bei Drogenabhängigen in einigen Ländern gesunken sind. Das gilt jedoch nicht für Regionen wie Zentralasien, Osteuropa und dem südlichen Afrika. Dort könnten Prophylaxe-Programme zur Senkung der Infektionsrate möglicherweise beitragen.

Für die "Lancet"-Studie begleitete das Team um Kachit Choopanya aus Bangkok vier Jahre lang insgesamt 2413 Drogenabhängige aus Bangkok. Aufgenommen wurden nur jene Probanden, die innerhalb der letzten zwölf Monate vor Beginn der Studie auch Drogen gespritzt hatten und HIV-negativ waren. Die Teilnehmer wurden per Zufallsprinzip in zwei Gruppen eingeteilt (randomisiert). Eine bekam den antiretroviralen Wirkstoff Tenofovir, der vom Pharmahersteller Gilead Sciences kostenlos zur Verfügung gestellt wurde. Die andere Gruppe bekam ein Scheinmedikament (Placebo). Weder Ärzte noch Probanden wussten, in welcher Gruppe sie waren (doppelblinder Versuch).

Vier Jahre nach Beginn der Studie hatten sich insgesamt 50 Probanden mit HIV infiziert. 17 davon waren in der Tenofovir-Gruppe, 33 waren in der Placebo-Gruppe. Statistisch umgerechnet bedeutet das Ergebnis: Tenofovir senkt das Risiko einer HIV-Infektion um knapp 49 Prozent. Das Resultat ist sogar noch besser, wenn sich die Probanden an eine strikte regelmäßige Einnahme des Medikaments halten - ihr Risiko, sich mit HIV zu infizieren, sank um 74 Prozent.

Unzuverlässiger Gebrauch von Medikamenten

Gleichwohl bestehen noch viele Probleme: Drogensüchtige sind selten zuverlässige Patienten, die darauf achten, Medikamente regelmäßig einzunehmen. Und in diesem Fall bedeutet "regelmäßig" eine Tablette Tenofovir jeden Tag. Zudem ist die Versuchung für manch Süchtigen groß, die Medikamente weiterzuverkaufen, anstatt sie selber zu schlucken, um an Geld für weitere Drogen zu kommen.

Auch das Ärzteteam in Bangkok musste einen Weg finden, um die Probanden dazu zu bringen, die Medikamente regelmäßig zu nehmen: Je zuverlässiger ein Proband war, desto mehr Geld erhielt er monatlich für seine Treue. Gegenüber der "New York Times" sagte Mitchell Warren, Chef einer US-Organisation für Aids-Prävention: "Wir sollten nicht der Illusion unterliegen, dass diese Bedingungen der Realität entsprechen." Die Herausforderung für etwaige künftige Prophylaxe-Programme also bleibt: Wie motiviert man Drogensüchtige, sich an strenge Therapieregeln zu halten?

Unklar ist auch, wie Salim Abdool Karim vom Centre for the Aids Programme of Research in Südafrika in einem Begleitkommentar zur "Lancet"-Studie schreibt, wie die HIV-Übertragung bei den Probanden der Studie erfolgt war. Es sei auch möglich, dass sich die Teilnehmer durch ungeschützten Geschlechtsverkehr angesteckt haben, so Karim. Es ist also ungewiss, welchen Anteil Tenofovir an der Risikoreduktion tatsächlich hat.

Zudem sei der positive Effekt durch Tenofovir nur innerhalb der ersten drei Jahre nach Beginn der Studie zu beobachten gewesen. In dieser Zeitspanne hätten die Teilnehmer jedoch allgemein weniger Drogen gespritzt oder Spritzen mit anderen geteilt. Karims Fazit: Auf keinen Fall sollten antiretrovirale Prophylaxen als Ersatz von Spritzentauschprogrammen in Betracht gezogen werden.

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