Chronische Schmerzen Akupunktur hilft. Aber warum?

Lindert Akupunktur tatsächlich Schmerzen - oder ist das alles nur Placebo? Eine große Studie kommt jetzt zu dem Ergebnis: Ja, Akupunktur hilft Patienten mit chronischen Schmerzen. Doch Ärzte und Forscher streiten über den Grund.
Von Cinthia Briseño
Akupunkturnadeln: Ist der Punkt des Stechens entscheidend für die Wirksamkeit?

Akupunkturnadeln: Ist der Punkt des Stechens entscheidend für die Wirksamkeit?

Foto: Bernd Thissen/ picture-alliance/ dpa/dpaweb

Für viele Patienten mit chronischen Schmerzen steht es längst außer Frage: Akupunktur hilft. Nach dem Motto "Wer heilt, hat recht" suchen Schmerzgeplagte immer wieder Ärzte auf, die das Nadelstechen anbieten. Und spätestens seitdem sich die Krankenkassen 2007 dazu entschieden haben, die Akupunkturkosten zumindest bei chronischen Rücken- oder Knieschmerzen zu erstatten, werden die Nadeln in der Öffentlichkeit meist nicht mehr nur als fernöstlicher Hokuspokus abgetan, sondern als etabliertes Heilverfahren wahrgenommen.

Doch während die Therapie, die ihre Wurzeln in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) hat, bei einer großen Zahl von Patienten kein zweifelndes Stirnrunzeln mehr hervorruft, streiten sich Schulmediziner und Anhänger der Komplementärmedizin bis heute über ihre Wirksamkeit.

Das Hauptargument, das Kritiker dem Verfahren gegenüber ins Feld führen, lautet: Der Effekt der Akupunktur beruhe mitunter darauf, dass sich die meisten Akupunktur-Ärzte in der Regel mehr Zeit für ihre Patienten nehmen. Dabei sei es egal, wo die Nadel gesetzt werde. Das oberflächliche Einstechen der Nadeln jenseits der maßgeblichen Akupunkturpunkte - man spricht von Scheinakupunktur - sei ebenso wirksam. Deshalb handle es sich bei der Wirkung der Akupunktur letztlich um einen Placebo-Effekt.

Übersichtsarbeit: Die Akupunktur schneidet statistisch besser ab

Ein internationales Forscherteam hat jetzt versucht, diesen Zwist ein für allemal zu klären. Unter Leitung von Andrew Vickers vom Memorial Sloan-Klettering Cancer Center in New York analysierten die Wissenschaftler die bisherige Studienlage zu dem Thema. Dafür werteten sie die Daten von 29 klinischen Studien mit insgesamt 17.922 Patienten aus, die unter chronischen Schmerzen am Rücken, in der Schulter, im Kniegelenk oder unter chronischen Kopfschmerzen litten.

Um die Qualität der Ergebnisse zu sichern, begrenzten die Forscher ihre sogenannte Metaanalyse auf Studien, in denen die Patienten zufällig einer Akupunktur- oder einer Kontrollgruppe zugeteilt wurden. Dabei wurde die Wirkung der Akupunktur entweder mit der einer Scheinakupunktur, mit der gar keiner Nadelbehandlung oder mit beidem verglichen.

Die Auswertung der Daten spricht laut den Autoren für die Akupunktur. Demnach schneidet das Nadeln bei chronischen Schmerzen sowohl gegenüber einer Scheinakupunktur als auch gegenüber einer Nicht-Behandlung statistisch besser ab. Je nach Art der Schmerzen verringerten sich diese bei den Akupunktur-Behandelten um bis zu 23 Prozent gegenüber Patienten, die nur scheinakupunktiert wurden, schreiben die Wissenschaftlerin den "Archives of Internal Medicine" .

Wie wichtig ist es, die richtigen Punkte zu treffen?

Just an diesem Punkt scheiden sich jedoch die Interpretationen der Ergebnisse. Klaus Linde, Professor am Institut für Allgemeinmedizin am Klinikum rechts der Isar, ist überzeugt: "Bisherige Untersuchungen hatten wiederholt gezeigt, dass die Gesamteffekte einer Akupunkturbehandlung klinisch relevant sind", sagt er laut einer Pressemitteilung der TU München. "Ob die richtige Wahl der Punkte eine Rolle spielt, war jedoch bisher umstritten. Unsere Analyse zeigt nun, dass die Punktwahl ebenfalls eine Rolle spielt", so Linde. "Die Unterschiede im Vergleich zur Scheinakupunktur sind zwar klein, aber sehr konsistent. Das heißt, die Studienergebnisse passen gut zusammen."

Edzard Ernst hingegen, Emeritusprofessor für Komplementärmedizin an der Penninsula Medical School im südenglischen Exter und nicht an der Studie beteiligt, deutet die Ergebnisse ganz anders: "Die Metaanalyse zeigt sehr eindrücklich, dass der positive Effekt der Akupunktur so gut wie verschwindet, wenn man sie mit einer Scheinakupunktur vergleicht." Seiner Meinung nach ist der dann noch verbleibende Effekt klinisch nicht relevant. Möglicherweise, so Ernst, sei er der Tatsache zuzuschreiben, dass die Akupunkteure in diesen Studien nicht verblindet waren, dass sie also wussten, ob sie eine Akupunktur oder eine Scheinakupunktur durchführen. "Insgesamt also ein ziemlich vernichtendes Urteil gegen die Brauchbarkeit der Akupunktur bei chronischen Schmerzen", sagt Ernst.

Das Problem der Verblindung räumen auch die Autoren der Studie ein. Weil die Akupunkteure wüssten, ob sie eine richtige oder nur eine Scheinakupunktur durchführten, könne eine gewisse Verzerrung des Effekts nicht ausgeschlossen werden, schreiben sie. Trotzdem halten sie die positive Wirkung für klinisch relevant. Zwar würden die Ergebnisse die Frage aufwerfen, ob in der Theorie der Akupunktur die Relevanz der genauen Punktwahl überbewertet werde, sagt Linde. "In der Praxis stellt sich für einen Akupunkteur aber nicht die Frage, ob er nun an den richtigen oder an den falschen Punkten behandeln soll."

Das harmlos scheinenden Nadeln birgt auch Risiken

Abgesehen von der Diskussion sollten sich Anhänger der Akupunktur bewusst darüber sein, dass die scheinbar harmlosen Nadeln - falls sie falsch gesetzt werden - auch Risiken bergen können. Wie eine vor wenigen Tagen veröffentlichte Studie des britischen Nationalen Gesundheitsdienstes ergab, wurden zumindest in Großbritannien zwischen 2009 und 2011 325 Fälle von Nebenwirkungen gemeldet. Immer wieder wurden Schwindelanfälle registriert, mitunter verloren die Patienten sogar das Bewusstsein, oder die Akupunkteure vergaßen, die Nadeln wieder aus dem Körper zu entfernen.

In der Zusammenschau aber kommen die Autoren um Klaus Linde und Andrew Vickers zu dem Schluss, dass die Akupunktur ihren Platz in der Therapie von chronischen Schmerzen verdient hat. Die positive Wirkung sei letztlich die Summe einzelner spezifischer sowie unspezifischer Effekte: Dazu zähle die Wahl der richtigen Punkte ebenso wie der psychologische Effekt des Nadelsetzens allgemein und der Placebo-Effekt, nämlich der Glaube des Patienten daran, dass die Akupunktur hilft. Vor allem weil sich chronische Schmerzpatienten nach der Behandlung häufig besser fühlten, halten die Forscher die Akupunktur für eine geeignete Therapiealternative.

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