Alkohol Unter Nüchternen fühlt man sich schneller betrunken

Für wie betrunken man sich hält, hängt offenbar auch von der Umgebung ab, berichten Forscher. Sind viele Nüchterne in der Nähe, schätzen Trinker ihren Pegel und die Risiken von Alkohol realistischer ein.

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In Gesellschaft trinkt es sich am besten. Das könnte auch an einem psychologischen Effekt liegen: Wer von anderen Betrunkenen umgeben ist, schätzt seinen eigenen Alkoholpegel geringer ein und greift entsprechend leichter zum nächsten Bier, berichten Forscher im Fachmagazin "BMC Public Health".

Simon Moore von der Cardiff University und Kollegen haben an einem Wochenende gut 1860 Partywütige im Durchschnittsalter von 27 in einen Promilletester pusten lassen. Bei jedem Testkandidaten dokumentierten sie, wo er gefeiert hatte und verglichen anschließend, wie betrunken die Menschen aus derselben Partylocation waren. 400 Partygänger gaben zudem an, wie betrunken sie sich fühlten und wie sie die gesundheitlichen Risiken ihres Trinkens bewerteten.

Relativ betrunken

Laut Auswertung fühlten sich die Probanden im Schnitt mäßig betrunken. Sie erwarteten zudem, dass sie kaum gesundheitliche Schäden durch ihren Alkoholkonsum davontragen würden, wenn sie jedes Wochenende ähnlich große Mengen zu sich nehmen würden. Die Alkoholtests offenbarten allerdings ein anderes Ergebnis.

Demnach lag die durchschnittliche Alkoholmenge der Feiernden bei 47 Mikrogramm in 100 Milliliter Atemluft. Das entspricht einer Größenordnung von ungefähr 0,9 Promille, wobei eine genaue Umrechnung nicht möglich ist. Zum Vergleich: Die Grenze fürs Autofahren liegt in Deutschland bei 25 Mikrogramm Alkohol in 100 Milliliter Atemluft oder 0,5 Promille im Blut.

Wie falsch die Studienteilnehmer ihren Pegel einschätzten, hing von ihrer Umgebung ab: Hatten die anderen Besucher eines Lokals im Schnitt weniger getrunken als sie, schätzten sie ihren Alkoholkonsum vergleichsweise hoch ein. Umgekehrt fühlte sich ein vergleichbarer Proband, der mit Vieltrinkern zusammen feierte, weniger alkoholisiert. Auch die gesundheitlichen Risiken des Alkoholkonsums unterschätzte er eher.

Wie viel Alkohol ist okay?
    Als gesundheitlich unbedenklich gilt eine Grenze von 12 Gramm Alkohol pro Tag, bei Männern sind es 24 Gramm. Das bedeutet, eine Frau sollte maximal 0,25 Liter Bier oder 0,1 Liter Wein am Tag trinken, ein Mann maximal 0,5 Liter Bier oder 0,2 Liter Wein. Zudem sollten Frauen und Männer an mindestens zwei Tagen in der Woche keinen Alkohol zu sich nehmen.

Welchen Einfluss haben Freunde, welchen Fremde?

Bislang sei unklar gewesen, ob Menschen ihren Alkoholpegel ihrer Umgebung anpassen oder, ob sie nach einem Rausch nur im Nachhinein das Gefühl haben, alle anderen hätten auch exzessiv getrunken, erklärt Moore. Die aktuelle Untersuchung zeige, dass die Wahrnehmung vom tatsächlichen Betrunkenheitsgrad der Mitmenschen abhänge.

Ein paar Schwächen hat die Studie allerdings: Da die Probanden zufällig auf der Straße angesprochen wurden und sich zum größten Teil nicht kannten, verrät sie nicht, welchen Einfluss Freunde im Verhältnis zu anderen Partygästen auf die Trinkfreudigkeit haben. Man könne aber wohl davon ausgehen, dass die Testkandidaten in der Studie mitbekommen hatten, wie betrunken ihr weiteres Umfeld war, schreiben die Forscher.

Zudem ist nicht sicher, was bei der Untersuchung Ursache und Wirkung ist. Führt ein weniger trinkfreudiges Umfeld dazu, dass Menschen ihren Alkoholkonsum kritischer bewerten? Oder sind Menschen, die Alkohol generell skeptischer gegenüberstehen, eher in Lokalen zu finden, wo weniger getrunken wird?

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
Pride & Joy 14.09.2016
1. Wechselwirkung
---Zitat--- Zudem ist nicht sicher, was bei der Untersuchung Ursache und Wirkung ist. Führt ein weniger trinkfreudiges Umfeld dazu, dass Menschen ihren Alkoholkonsum kritischer bewerten? Oder sind Menschen, die Alkohol generell skeptischer gegenüberstehen, eher in Lokalen zu finden, wo weniger getrunken wird? ---Zitatende--- Beides! Deshalb würde ich das "oder" gegen ein und eintauschen wollen. Die Umgebung, resp. das soziale Umfeld nimmt Einfluß auf das Individuum und umgekehrt.
Celegorm 15.09.2016
2.
Zitat von Pride & JoyBeides! Deshalb würde ich das "oder" gegen ein und eintauschen wollen. Die Umgebung, resp. das soziale Umfeld nimmt Einfluß auf das Individuum und umgekehrt.
Genau, das ist immer ein adaptiver, wechselwirkender Prozess. Sieht man im übrigen auch schön, wenn sich jeweils die Dynamik diesbezüglich im sozialen Umfeld verändert und dies zu mehr/weniger Alkoholkonsum führt. Weshalb sich da die einzelnen Faktoren auch kaum entwirren und auf ihre spezifische Relevanz reduzieren lassen..
binismus 15.09.2016
3. Unter Nüchternen fühlt man sich schneller betrunken.
Das Einzige was mich auf die allgemeine Denkweise herunter holt ist Trunkenheit! Im nüchternen Zustand ist es mir nicht möglich so zu denken und zu handeln wie die "Allgemeinheit".
mazzmazz 23.09.2016
4. Wer testet das?
Wo ist die Relevanz? Mit Antialkoholikern gehe ich für meinen Teil gar nicht erst aus.
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