Alkohol, Zigaretten, Cannabis So abhängig ist Deutschland

Der "Suchtsurvey" untersucht, welche und wie viele Suchtmittel Menschen in Deutschland zu sich nehmen. Das aktuelle Ergebnis: Schmerzmittel und Cannabis werden stärker konsumiert - und im Vergleich betrinken sich die Deutschen häufig.

Bierkonsum (hier bei einem Richtfest): Vor allem bei jüngeren Menschen geht der Alkoholkonsum zwar zurück - doch immerhin 34,5 Prozent der Alkoholtrinker in Deutschland konsumieren mindestens ein Mal fünf oder mehr Gläser an einem Tag
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Bierkonsum (hier bei einem Richtfest): Vor allem bei jüngeren Menschen geht der Alkoholkonsum zwar zurück - doch immerhin 34,5 Prozent der Alkoholtrinker in Deutschland konsumieren mindestens ein Mal fünf oder mehr Gläser an einem Tag

Von Christine Leitner


Die guten Nachrichten zuerst: Die Menschen in Deutschland rauchen und trinken weniger. Das belegen Zahlen des epidemiologischen Suchtsurveys 2018, den das "Deutsche Ärzteblatt" am 2. September veröffentlicht und der dem SPIEGEL vorliegt. Demnach ist der Tabakkonsum seit 1995 im Schnitt um zehn Prozent zurückgegangen, während der Alkoholkonsum um die Jahrhundertwende zwar zunahm, dann aber ebenfalls sank.

Ein internationales Vorbild ist Deutschland trotzdem noch lange nicht, auch das zeigt die Studie. Denn im Vergleich zu Ländern wie Schweden, Belgien, Großbritannien oder den Niederlanden paffen die Deutschen mit 14,4 Millionen Rauchern immer noch am meisten. Ähnliches gilt für den Alkohol: Im Durchschnitt trinkt jeder Deutsche pro Jahr knapp elf Liter reinen Alkohol. Die Bundesrepublik zählt deshalb weiterhin zu den Hochkonsumländern.

Neben dem Rauch- und Trinkverhalten untersuchten die Forscher auch die Einnahme von Medikamenten wie Schmerzmitteln und illegalen Drogen. Für ihre Erhebung befragten sie mehr als 9000 zufällig ausgewählte Personen im Alter von 18 bis 64 Jahren zu ihrem Konsum- und Suchtverhalten. Zusätzlich analysierten die Forscher um Ludwig Kraus von Institut für Therapieforschung in München neun Suchtberichte, die seit 1995 veröffentlicht wurden. Die Ergebnisse im Detail:

Rauchen ist ein Männerproblem

15 Prozent der Befragten gaben an, in den 30 Tagen vor der Befragung mindestens eine Zigarette täglich geraucht zu haben. Hochgerechnet entspricht das etwa 7,8 Millionen regelmäßigen Rauchern. Die meisten von ihnen sind Männer, so das Ergebnis.

Allerdings ist der Tabakkonsum in den vergangenen 20 Jahren zurückgegangen. Die Forscher führen das auf Maßnahmen wie die höhere Tabaksteuer und das Nichtraucherschutzgesetz von 2007 zurück.

Ob auch Alternativen wie E-Zigaretten einen Beitrag leisten, geht aus der Studie nicht hervor. Der Gebrauch elektrischer Inhalationsgeräte aber nimmt zu. Vier Prozent der Befragten erklärten, im vergangenen Monat E-Zigaretten genutzt zu haben.

Massendroge Alkohol

Alkohol bleibt die am häufigsten konsumierte Droge in Deutschland. Mehr als zwei Drittel der Befragten gaben an, in den letzten 30 Tagen getrunken zu haben. Auf alle 18- bis 64-Jährigen übertragen entspricht das etwa 37 Millionen von 50 Millionen Menschen. 34,5 Prozent der Alkoholtrinker hatten mindestens ein Mal fünf oder mehr Gläser an einem Tag konsumiert, ab dieser Menge sprechen die Forscher von Rauschtrinken.

Trotz der hohen Zahlen nimmt auch der Alkoholkonsum in Deutschland seit ungefähr 18 Jahren ab. Den Studienautoren zufolge trinken die Menschen nicht nur seltener, sondern auch kleinere Mengen. Eine positive Entwicklung verzeichnen sie vor allem bei den Jugendlichen: Auch sie trinken heute weniger als früher. Weil das Jugendalter das Trinkverhalten prägen kann, prognostizieren die Forscher einen weiterhin rückläufigen Trend.

Trotzdem ist der Schaden durch Alkohol in Deutschland noch immer beträchtlich: Alkohol spielt bei 45 Prozent aller im Straßenverkehr tödlich verunglückten Dritten, etwa Fußgängern, eine Rolle. Experten schätzen zudem die Zahl der Neugeborenen mit geistigen oder körperlichen Schäden durch Alkoholkonsum der Mütter auf 12.650 pro Jahr.

Die volkswirtschaftlichen Kosten durch Alkoholkonsum belaufen sich auf knapp 27 Milliarden Euro pro Jahr, die Einnahmen durch die Alkoholsteuer decken davon gerade einmal zwölf Prozent.

Suchtsurvey 2018: Weniger Alkoholiker, mehr Kiffer
Kike Arnaiz/ Westend61/ Getty Images

Suchtsurvey 2018: Weniger Alkoholiker, mehr Kiffer

Cannabis wird immer beliebter

Während die Zahlen bei Alkohol und Tabak sinken, zeigt die Studie, dass immer mehr Menschen in Deutschland illegale Drogen ausprobieren. Sieben Prozent der Befragten gaben an, im vergangenen Jahr Cannabis konsumiert zu haben, die Tendenz ist steigend. Auch unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 12 und 25 Jahren nimmt der Cannabiskonsum demnach deutlich zu.

Wie bei den meisten Drogen ist bei Cannabis der Anteil der Männer unter den Konsumenten deutlich größer, allerdings steigt die Zahl der Nutzerinnen stärker an. Zudem zeigt die Studie, dass Frauen zunehmend auch andere illegale Drogen wie LSD oder Ecstasy einnehmen. Unter allen Befragten hatten im Vorjahr 1,1 Prozent Kokain konsumiert, 0,6 Prozent Amphetamine und 0,4 Prozent Opioide.

Die Forscher relativieren die eigenen Ergebnisse, da Menschen mit intensivem Drogenkonsum in Studien wie dieser kaum teilnehmen. Die tatsächliche Zahl der Konsumenten liege vermutlich höher. Bei den untersuchten Personen handele es sich überwiegend um "sozial integrierte Gelegenheitskonsumenten", heißt es in der Studie.

Der Schmerzmittelkonsum steigt

Während der Verbrauch von Schlaf- und Beruhigungsmittel zurückgeht, steigt die Einnahme von Schmerzmitteln in Deutschland. Mehr als 30 Prozent der Befragten hatten innerhalb der vergangenen 30 Tage Schmerzmittel eingenommen, die nicht vom Arzt verordnet worden waren. Allerdings schluckten nur 0,4 Prozent davon die Mittel täglich.

Auch nicht verschreibungspflichtige Schmerzmittel können kritisch werden, wenn jemand die Tabletten an mehr als 15 Tagen pro Monat schluckt. Dann besteht das Risiko, dass sich ein sogenannter medikamenteninduzierter Kopfschmerz entwickelt, der den Konsum noch verstärkt.

17,5 Prozent der Befragten hatten zudem in den vergangenen 30 Tagen Schmerzmittel vom Arzt verordnet bekommen, von ihnen nahmen 7,2 Prozent die Medikamente täglich ein.

Vom Konsum zur Abhängigkeit

Fast 14 Prozent der Befragten waren von mindestens einer Substanz abhängig, auf die Bevölkerung hochgerechnet entspricht das 7 Millionen von 50 Millionen 18- bis 64-Jährigen. Männer waren häufiger betroffen als Frauen, ein Großteil der Abhängigkeit geht auf Tabak zurück. An zweiter Stelle kommen jedoch Schmerzmittel, noch vor Alkohol. Allerdings dokumentierten die Wissenschaftler auch in diesem Punkt positive Veränderungen: Die Zahl der Alkoholabhängigen ist seit 2012 zurückgegangen; die Zahl der Nikotinabhängigen sinkt sogar seit 2006.

Das raten die Experten

Trotz der positiven Entwicklungen fordern die Studienautoren, die Tabakpolitik zu verschärfen. Dass Deutschland beim Alkoholkonsum im internationalen Vergleich immer noch zu den Spitzenreitern gehört, führen die Experten auf inkonsequent durchgesetzte Maßnahmen zurück, die etwa die Verfügbarkeit von Alkohol einschränken.

Außerdem sprechen sich die Experten für eine verstärkte Aufklärung der Verbraucher aus, insbesondere bei der Verschreibung von Schmerzmitteln. Zudem gelte es, auch medizinisches Personal in diesem Bereich verstärkt zu schulen und fortzubilden.

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haitabu 28.08.2019
1. Alkoholismus - die totgeschwiegene Krankheit
Wird das Thema Alkoholabhängigkeit in Gesprächen angesprochen, so kennt eigentlich jeder einen Menschen der direkt oder indirekt betroffen ist. Ich habe das Gefühl das wesentlich größerer, als in dem Artikel genannter, Personenkreis alkoholkrank sein könnte . Betrachtet man zudem den volkswirtschaftlichen Schaden, so müsste Alkoholabhängigkeit eigentlich ein großes gesellschaftliches Thema sein. Ist es aber nicht. Es wird eher totgeschwiegen. Da muss sich etwas ändern.
Immanuel K. 28.08.2019
2. Die genannte Zahl...
...von 12.650 der Neugeborenen mit geistigen oder körperlichen Schäden durch Alkoholkonsum der Mütter pro Jahr, halte ich für deutlich zu niedrig. Fehlen die facialen Auffälligkeiten oder sichtbare Gehirnschäden, ist die Diagnose äußerst schwierig, gerade auch, weil sich die Symptome u.a. auch mit denen von AD(H)S überschneiden...
stg01 28.08.2019
3. Zigarettenwerbung
Zwar nur ein kleiner Teil der Suchtmisere, trotzdem ist Deutschland das einzige Land in der EU, welches aufgrund der Tabaklobby noch kein öffentliches Werbeverbot für Tabakwaren besitzt. Ändert dies endlich!
bakero 28.08.2019
4.
Rauchen ist ein Männerproblem? Das würde ich nach meiner subjektiven Wahrnehmung klar in Frage stellen. Die Zahl der rauchenden Frauen ist sinkend, aber hat sich seit 1995 immer mehr dem "Vorbild" der Männer angepasst. Von 29,3 % auf 23,4 % im Vergleich zu 42,8 % auf 29,3 bei Männern (Stand 2016). Gleiches gilt für Alkohol Was illegale Drogen wir Cannabis angeht sollte man mal nach Nordamerika schauen ... und lernen. Ein legaler Markt mit klaren Regeln (aber auch entsprechender Prävention und Aufklärung) wirkt sich positiv aus. Seit der Legalisierung ist dort der Anteil Cannabis konsumierender Jugendlicher deutlich geringer als zuvor. Und da auch Alkohol erst ab 18 (meist sogar 21 ) Jahren freigegeben ist, ist die Menge des Konsum dort viel geringer als in Deutschland. Mit den entsprechenden Folgen: In Deutschland (83 Mio Einwohner) sterben jährlich über 70.000 Menschen durch Alkohol, in den USA (327 Mio) "nur" etwa 80.000.
tonnesimon 28.08.2019
5. Alkohol??
Zitat von stg01Zwar nur ein kleiner Teil der Suchtmisere, trotzdem ist Deutschland das einzige Land in der EU, welches aufgrund der Tabaklobby noch kein öffentliches Werbeverbot für Tabakwaren besitzt. Ändert dies endlich!
Alkoholwerbung darf aber bleiben, so 3 - 4 Biere oder Glas Wein dienen ja der Entspannung und sind ja schon seit den Germanen Kulturgut! Wenn werbeverbot, dann für alle Drogen!!
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