Neulich im OP Reale Visionen

Alkoholikern glaubt man besser kein Wort. Wenigstens dann nicht, wenn es darum geht, wie viel sie trinken. Dr. Reinhold Rippe vertraut deshalb bei der Vorbereitung einer Operation lieber auf seine Erfahrung - zu Unrecht, wie sich herausstellt.

Martini im OP: Kolumnist Dr. Reinhold Rippe mangelt es an Vertrauen in seine Patienten
Corbis

Martini im OP: Kolumnist Dr. Reinhold Rippe mangelt es an Vertrauen in seine Patienten


"Keinen Tropfen mehr, Herr Doktor, keinen Tropfen", beteuert Herr M., zieht die Augenbrauen nach oben und hält mir die offenen Handflächen entgegen. Das ist die ehrlichste Geste, zu der der kompakte Mittfünfziger fähig ist.

Vor seiner Herzoperation stellt sich Herr M. in unserer Ambulanz vor. Ich untersuche mit vorgetäuschtem Fleiß den Ausdruck seiner Laborbefunde. Ein Blick würde genügen, denn die Laborcomputer spucken die Ergebnisse mit kleinen Pfeilen nach oben oder unten aus. Die Symbole springen einen förmlich an, wenn Werte nicht passen. Der Zettel in meiner Hand ist tadellos, kein Pfeil ist zu sehen. Ungewöhnlich für einen Alkoholiker, aber nicht ausgeschlossen.

Das will nichts heißen, denke ich, und sammle im Geist Argumente für und gegen die Hypothese, dass Herr M. lügt. Trinker lügen alle, das ist klar. Verdopple die Menge, die einer zugibt und du kommst der Wahrheit näher. "Eine dreiviertel Flasche Wein am Tag und Samstag schon mal einen Whisky" will Herr M. getrunken haben. Früher selbstverständlich. Denn seit drei Wochen sei er trocken.

Also zwei Flaschen Wein plus Whisky täglich und samstags besonders viel Schnaps, denke ich. Das Erscheinen des Patienten ist verdächtig: Rhinophym im Gesicht, eine Knollennase, Palmarerythem, rote Handinnenflächen, könnten das Spider Naevi, Gefäßspinnen, sein, auf der Brust? Ich entscheide mich für meine Hypothese, dass M. lügt.

Doppelte Dosis Beruhigungsmittel für den Lügner

Am Tag vor der Operation und am Morgen des OP-Tages verordne ich die doppelte Dosis Beruhigungsmittel für Herrn M. Mit einem Alkoholentzugsdelirium ist nicht zu spaßen. M. kommt erstaunlich ruhig in den OP-Saal. Ich bin zufrieden mit meiner Prämedikation. Alles geht reibungslos und Herr M. kommt fünf Stunden später auf der Intensivstation an, inklusive exzellent funktionierender Bypässe auf den Herzkranzgefäßen. Weitere drei Stunden später ist M. so wach, dass er wieder selbst atmen kann und wir den Beatmungsschlauch entfernen.

Noch während ich den Schlauch entferne, hebt M. den Arm und deutet an mir vorbei. "Da", sagt er und hält dabei nur mit Mühe die Augen offen. "Eine Spinne."

"Na ja", sage ich zum Intensivpfleger, der mir bei der Extubation hilft. "Also doch ein Alkoholdelir." Zum Patienten sage ich, laut und deutlich: "Alles gut, Herr M., keine Sorge, kriegen wir schon hin. Da ist nichts." Wieder zum Pfleger gewandt spule ich meine Anordnungen ab, die dem Patienten die schlimmsten Auswirkungen seines Alkoholdeliriums wie einen Krampfanfall ersparen werden, und dem Personal einen tobenden Patienten.

"Aber die Spinne", beharrt Herr M., während ich die Dosen von Valium, Clonidin und Haloperidol aufzähle, die er bekommen soll. Immer wieder fährt der Arm des Patienten hoch und deutet an mir vorbei. Immer wieder spricht Herr M. von einer Spinne.

Als ich alle Medikamente angeordnet und alle Vorsichtsmaßnahmen mit dem Pfleger besprochen habe, verabschiede ich mich beiläufig von Hern M., drehe mich um und - sehe die Spinne, von der Herr M. gesprochen hat. Groß, schwarz und haarig thront sie auf dem Deckel eines Schmutzwäschebehälters.

Bevor ich sie einfange und auf dem Krankenhausflur laufen lasse, mache ich all meine Anordnungen rückgängig und entschuldige mich etwas verschämt bei Herrn M., der weder an diesem noch an den folgenden Tagen im Krankenhaus an einem Alkoholentzugsdelirium leiden sollte.



insgesamt 29 Beiträge
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DieButter 12.08.2012
1. optional
Ehrlichkeit, die sprachlos macht. Der Artikel klingt absolut glaubwürdig und zeigt, wie schnell man Menschen in Schubladen stecken kann, wenn die Arbeit zur Routine wird. Daß der Patient nebenbefundlich evt. an einer Arachnophobie leiden könnte, sei mal dahingestellt. Auf jeden Fall aber wäre die Spinne besser draußen aufgehoben gewesen, als im Krankenhausflur...
PARANRW 12.08.2012
2. Ärzte???
Die in diesem Beitrag geschilderten Vorgänge muss ich leider bestätigen. Es ist grotesk, mit welches Halbwissen und Stigmabelasteten Vorurteilen sehr viele Mediziner auf Patienten losgelassen werden. Würden ähnliche Verhaltensmuster bei meinen Kollegen (Physiker) zugelassen werden, hätten wir ganz sicher im Saarland ein Nukleartestgelände! Es ist in weiten Teilen beschämend, wie mit Suchtkranken Menschen in unserer, westeuropäischen Gesellschaft umgegangen wird. Vielleicht sollten sich die so gebildeten Mediziner mal in den USA zu diesem Thema umhören. Dort (und in Skandinavien) wurde das suchtverursachende Genom isoliert, der erbrelevante Faktor erkannt und man arbeitet medizinisch seriös an Lösungen. Für deutsche Mediner ist eine weiterte Stigmatisierung natürlich sehr viel bequemer, für die Gesellschaft und die Politik unisono.
mayazi 12.08.2012
3. Undercover
Ein Mann wird nach einer Prügelei in die Psychiatrie eingewiesen, sagt bei der Aufnahme dem Pfleger, dass er Polizist und undercover unterwegs sei. "Alles klar," meint der Pfleger, "dann gehen Sie bitte nach hinten durch zu den Anderen". Ein paar Stunden später ein Anruf der Polizei: sie vermissen einen Kollegen, der im Undercover-Einsatz gewesen sei. Er würde soundso aussehen, ob er vielleich bei uns gelandet sei? :-)
albert schulz 12.08.2012
4. Herr Doktor sind ein Fake
Nach ärztlicher Überzeugung ist jeder Alkoholiker, der mehr als eine Flasche Bier oder ein Viertel Wein am Tag trinkt. Sagen sie zumindest. Tatsächlich bestünde dann zumindest die männliche Bevölkerung aus Alkoholikern, Ärzte inclusive. Alkoholiker ist etwas ganz Schlimmes, mit dem man umgangssprachlich alles erklären kann, in Wirklichkeit aber eine enorme Tabuzone, exakt wie die verbotenen Drogen. Die ein Mediziner problemlos seiner Familie verschreiben kann, so ganz nebenbei. Ein gewisser Spiegel vermeldete vor Jahren, daß über ein Drittel der Ärztegattinnen tablettensüchtig ist. Traut er sich aber nicht mehr. Eigentlich ist die Geschichte nett erzählt, aber man fragt sich irgendwie nach dem Zweck. Nach den Laborbefunden ist nämlich eindeutig geklärt, ob es markante und eindeutige Leberveränderungen gibt. Außerdem hat der Patient sicher keinen Alkohol mehr in sich. Dann könnte man höchstens noch fragen, ob er sich schon Teile des Hirns herausgesoffen hat. Aber das dauert. Spinnen sind auf der Intensivstation etwa genau so häufig anzutreffen wie leichtbekleidete Liebesdienerinnen. Oder aufgeweckte Lebewesen.
miruwa 12.08.2012
5.
Zitat von albert schulzNach ärztlicher Überzeugung ist jeder Alkoholiker, der mehr als eine Flasche Bier oder ein Viertel Wein am Tag trinkt. Sagen sie zumindest. Tatsächlich bestünde dann zumindest die männliche Bevölkerung aus Alkoholikern, Ärzte inclusive. Alkoholiker ist etwas ganz Schlimmes, mit dem man umgangssprachlich alles erklären kann, in Wirklichkeit aber eine enorme Tabuzone, exakt wie die verbotenen Drogen. Die ein Mediziner problemlos seiner Familie verschreiben kann, so ganz nebenbei. Ein gewisser Spiegel vermeldete vor Jahren, daß über ein Drittel der Ärztegattinnen tablettensüchtig ist. Traut er sich aber nicht mehr. Eigentlich ist die Geschichte nett erzählt, aber man fragt sich irgendwie nach dem Zweck. Nach den Laborbefunden ist nämlich eindeutig geklärt, ob es markante und eindeutige Leberveränderungen gibt. Außerdem hat der Patient sicher keinen Alkohol mehr in sich. Dann könnte man höchstens noch fragen, ob er sich schon Teile des Hirns herausgesoffen hat. Aber das dauert. Spinnen sind auf der Intensivstation etwa genau so häufig anzutreffen wie leichtbekleidete Liebesdienerinnen. Oder aufgeweckte Lebewesen.
Spinnen sind auf Intensivstationen genau so oft anzutreffen wie in jedem anderen Raum der Fenster hat.
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