Lob dem Dreck Wie Eltern ihre Kinder vor Allergien schützen können

Kinder, die an ihren Fingern lutschen, haben ein geringeres Allergie-Risiko. Trotzdem raten Forscher davon ab. Wie Eltern sonst das Immunsystem ihrer Kinder stärken können - ein Überblick.

Daumenlutschen: gut für die Gesundheit?
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Daumenlutschen: gut für die Gesundheit?

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"Holt Bakterien und Pilze in eure Wohnungen", mit diesem Anliegen haben sich Forscher an die Öffentlichkeit gewendet. Geht es nach ihnen, könnten Menschen eines Tages einen ganzen Bakterien-Zoo halten. Die Wissenschaftler regen an, Gebäude künftig so zu konstruieren, dass manche Mikroorganismen sich besonders gern darin ansiedeln - alles im Sinne der Gesundheit.

"Es ist ein verbreitetes Missverständnis, dass alle Mikroben in unserem Zuhause gesundheitsschädlich sind", sagt Jordan Peccia, der an der Yale Universität erforscht, mit welchen Bakterien und Pilzen Menschen zusammenleben und welchen Einfluss das auf ihre Gesundheit hat. "Viele Mikroorganismen haben gar keinen Effekt auf die Gesundheit, manche fördern sie sogar."

Daumenlutschen gegen Allergien?

Darauf deutet auch eine zweite aktuelle Studie hin. Im Fachmagazin "Pediatrics" berichten Forscher, dass Kinder, die an ihrem Daumen nuckeln oder Nägel kauen, weniger anfällig für Allergien sind. Sie hatten die Nuckelgewohnheiten von über tausend Kindern aus Neuseeland im Alter von fünf, sieben, neun und elf Jahren erfasst.

Im Alter von 13 und 32 Jahren wiesen sie im Schnitt bei 38 von hundert Daumenlutschern oder Nägelkauern eine Allergie nach. In der Vergleichsgruppe bei 49. Rechneten die Forscher andere Einflussfaktoren auf das Allergierisiko heraus, blieb der Effekt bestehen. Allerdings beziehen sich die Ergebnisse auf Allergietests - und nicht auf Allergien, die nach dem Auftreten von Symptomen entdeckt wurden.

"Obwohl Daumenlutscher und Nagelbeißer bei Allergietests seltener reagierten, konnten wir keinen direkten Zusammenhang mit Asthma oder Heuschnupfen herstellen", sagt Stephanie Lynch von der University of Otago. Unter anderem deshalb sind die Forscher zurückhaltend, was konkrete Schlussfolgerungen aus ihrer Studie angeht: Sie empfehlen nicht, Kinder zum Daumenlutschen und Nägelkauen zu ermuntern. Der konkrete Nutzen im Verhältnis zu möglichen Risiken sei noch unklar.

Händewaschen erlaubt

"Welche Verhaltensweisen im Detail das Allergierisiko verändern, weiß man in vielen Fällen nicht so genau", sagt Jörg Kleine-Tebbe von der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und Klinische Immunologie (DGAKI). Er rät Eltern, ihre Kinder möglichst viel im Freien spielen zu lassen, mit ihnen in den Wald zu gehen und auf den Spielplatz.

"Wenn sie insgesamt viel Kontakt mit der Umwelt haben, bringt das Nuckeln an ungewaschenen Händen wohl kaum einen zusätzlichen Vorteil - aber das Risiko einer Infektionskrankheit." Vor dem Essen dürfen die Hände also ruhig unters Wasser.

Die Empfehlung, schon kleine Kinder mit einer großen Bakterienvielfalt in Kontakt zu bringen, fußt im Wesentlichen auf einer Erkenntnis: Wer auf einem Bauernhof aufwächst, erkrankt deutlich seltener an Allergien und Asthma. Aber auch Eltern, die ihre Kinder fern von Viehhaltung aufziehen, können etwas tun, um deren Immunsystem zu stärken.

Ernährung während der Schwangerschaft

Das Training fürs Immunsystem beginnt mit der Geburt, "womöglich bereits im Mutterleib", sagt Kleine-Tebbe. So geht etwa Susan Prescott von der University of Western Australia, die seit vielen Jahren an der Allergieentstehung forscht, davon aus, dass bereits das Verhalten der Mutter in der Schwangerschaft erste Weichen stellt. Der Tenor: Vielfalt statt Vorsicht.

Denn das junge Immunsystem muss erst lernen, was gefährlich ist - und dazu rechtzeitig mit den jeweiligen Stoffen in Kontakt kommen. Speichert es eigentlich harmlose Substanzen als problematisch ab, reagiert es beim Kontakt mit diesen zu stark und sendet Entzündungsbotenstoffe aus, um dem restlichen Immunsystem die vermeintlichen Krankmacher zu melden - die Haut juckt, die Augen tränen, im Extremfall kommt es zum Kreislaufzusammenbruch. Eine Allergie ist entstanden.

Die DGAKI empfiehlt Schwangeren und Stillenden in ihren auf wissenschaftlicher Basis erarbeiteten Leitlinien daher, sich möglichst ausgewogen zu ernähren. Sie sollen ausdrücklich auch Nahrungsmittel essen, gegen die Allergien entstehen können. Nahrungsmittel, auf die die Mutter selbst allergisch ist, sind dabei natürlich außen vor.

Vielfalt ist auch nach - oder besser gesagt - während der Geburt angesagt: Im Geburtskanal kommt der Säugling erstmals mit einer großen Menge unterschiedlicher Mikroorganismen in Kontakt. "Es gibt Hinweise darauf, dass Kinder die durch Kaiserschnitt auf die Welt kommen, ein erhöhtes Allergierisiko haben", schreibt die DGAKI. Teilweise reiben Mediziner Kaiserschnittkinder deshalb nach der Geburt mit etwas Vaginalsekret ein - die Methode ist allerdings umstritten.

Nach vier Monaten den ersten Brei

Nach der Geburt trägt unter anderem das Stillen dazu bei, das Immunsystem auf die Vielzahl unterschiedlicher Stoffe in der Umwelt vorzubereiten. Nach vier Monaten sollten Babys dann bereits normale Nahrung kennenlernen - auch hier gilt: Keine falsche Zurückhaltung bei der Zutatenwahl. So gibt es beispielsweise Hinweise, dass Kinder, die im ersten Lebensjahr Fisch zu sich nehmen, ein geringeres Allergierisiko haben.

Alternativen zum Stillen bei Risikokindern
    Wenn das Stillen nicht klappt und in der Familie ein erhöhtes Allergierisiko besteht (ein Elternteil oder Geschwisterkind hat bereits Heuschnupfen, Neurodermitis oder allergisches Asthma), können Eltern zu hypoallergener Babynahrung greifen, auch bekannt als HA-Nahrung. Von Soja-basierten Varianten rät die DGAKI in der Präventionsleitlinie jedoch ab.

Neben der Ernährung prägen Hautbakterien der Eltern und Luftkeime das Immunsystem des Kindes. Letztere sind es offenbar auch, die Bauernhofkinder vor Allergien schützen. Forscher gehen davon aus, dass sogenannte Endotoxine von Kuhstall-Bakterien zum Schutz vor allergischem Asthma beitragen. Der Mensch nimmt die Bestandteile aus der Zellmembran der Mikroorganismen über die Schleimhaut auf - sie hemmen die Entzündungsreaktion.

Kein Freifahrtschein für Putzmuffel

Allerdings ist Dreck nicht gleich Dreck: Eine mehrjährige Studie mit mehr als 400 Kindern in armen Stadtvierteln von Baltimore, Boston, New York oder St. Louis zeigte: Zwar kann der Kontakt mit allergieauslösenden Stoffen von Maus, Kakerlake und Katze im ersten Lebensjahr das Allergierisiko senken. Wer in den ersten drei Lebensjahren allerdings in einer insgesamt dreckigen Umgebung mit reichlich Mäusekot, Hausstaub und Kakerlakendreck lebt, hat letztlich ein erhöhtes Allergierisiko.

Allergologen gehen auch davon aus, dass etwa Schadstoffe in der Luft das Allergierisiko erhöhen. Einige von ihnen sammeln sich im Hausstaub - mit dem gerade krabbelnde Kinder leicht in Kontakt kommen. Staub regelmäßig zu entfernen und den Boden feucht zu wischen, ist also keine schlechte Idee. Zudem ist belegt, dass Zigarettenrauch bei Kindern das Asthmarisiko erhöht.

Wer anfällig für Allergien ist, sollte zudem keine Katzen anschaffen. Gegen einen Hund als Haustier spricht dagegen nichts - sofern nicht bereits eine Hundehaar-Allergie diagnostiziert wurde. "Hunde sind echte Bazillenschleudern", erklärt DGAKI-Sprecher Kleine-Tebbe. Durch ihren engen Kontakt mit Menschen, tragen sie zur Bakterienvielfalt in der Wohnung bei. "Natürlich empfehlen wir nicht jedem, sich einen Hund anzuschaffen." Wer das ohnehin wollte, kann das aber auch mit einem kleinen Kind tun.

Und was ist mit dem Vorschlag, Allergie-Schutz-Bakterien eines Tages gezielt in Wohnungen anzusiedeln? "Das halte ich nicht für zielführend", so Kleine-Tebbe. Er glaubt nicht, dass sich das Zusammenspiel zwischen Bakterienvielfalt und Immunsystem so leicht nachstellen lässt.


Zusammengefasst: Eine natürliche Geburt, Stillen, die Nähe zu Nutztieren oder Hunden und eine vielfältige Ernährung der Mutter in der Schwangerschaft und des Kindes nach dem vierten Lebensmonat verringern das Allergierisiko. Negativ wirken sich dagegen Zigarettenrauch, eine dauerhaft hohe Belastung mit Hausstaubmilben und Luftschadstoffen aus. Optimal ist demnach ein Mittelmaß an Hygiene - klinisch sauber sollte es nicht sein, eine stark verdreckte Wohnung erhöht das Allergierisiko aber auch.

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ned divine 12.07.2016
1. Zahn- und Kieferfehlstellungen durch Daumenlutschen...
Daß Daumenlutschen das Risiko einer Zahn- und Kieferfehlstellung stark erhöht, ist hinreichend erwiesen, warum geht der Artikel darauf in keiner Weise ein?? Die Fehlstellungen der Zähne wiederum erhöhen dann auch später die Kariesneigung. Das Nuckeln am Schnuller ist hier wirklich das kleinere Übel. Etwa zwei Drittel der Zahnfehlstellungen und Kieferverformungen sind auf Lutschgewohnheiten zurückzuführen. Manche Eltern nehmen schiefstehende Zähne im Milchgebiss leider nicht so wichtig; tatsächlich können diese aber auf die bleibenden Zähne sehr negative Auswirkungen haben. Was nützt denn da ein geringeres Allergie-Risiko, das kann man auch durch einen normalen Umgang mit Staub und Dreck minimieren, das Kind einfach mal im Sankasten spielen lassen, Urlaub auf dem Bauernhof und viele andere praktikable Lebensverhaltensweisen.
andreasclevert 12.07.2016
2. Textauszug
Sie empfehlen nicht, Kinder zum Daumenlutschen und Nägelkauen zu ermuntern. Der konkrete Nutzen im Verhältnis zu möglichen Risiken sei noch unklar.
ty coon 12.07.2016
3.
Wenn ich anderer Leute Haushalte mit Kindern sehe, blitzt und blinkt da alles wie bei Biolek in der Fernsehküche. Da wird alles mit Sagrotan behandelt, sodaß man wahrscheinlich in der Küche eine Herztransplantation durchführen könnte. Da wundere ich mich nicht über die Zunahme von Allergien und Neurodermitis. Eltern (vor allem Mütter geben hier gerne den Putzteufel) glauben wohl, ihren Kindern damit Gutes zu tun, erschweren ihnen aber so den Aufbau eines guten Immunsystems.
schlabberohren 12.07.2016
4. Zahn- und Kieferfehlstellungen - Glücksache?
Ich habe den Daumen gelutscht bis ich 9 oder 10 Jahre war. Ich musste weder Zähne noch Kiefer durch orthopädische Vorrichtungen korrigieren lassen - interessanterweise, sind meine Zähne von sich aus zurückgegangen als ich damit aufgehört habe. Zahnärzte haben meine Zähne und Kieferstellungen als Teenager und Erwachsen oft gelobbt und zum Teil sogar als Muster für akademische Arbeit genutzt. Darüber hinaus sind meine Zähne bis heute (bin über 40) stark und unproblematisch. Und seit über 30 Jahren, als ich anfing, Zahnseide regelmäßig zu benutzen, habe ich nie wieder Karies gehabt. Im Gegensatz haben alle meine 3 Geschwister, die den Daumen nie gelutscht haben, Spangen gebraucht. Zahnprobleme gehört zu deren Alltag, selbst noch im jungen Alter. Eine hatte bereits mehrere Zahnimplantate bevor sie 40 wurde. Es gibt Erfahrungswerte aber es gibt keine Regel. Ich bin jedenfalls gegen jegliche Art von Generalisierung.
rst2010 12.07.2016
5.
.. dagegen züchtet man sich mit den hygienemitteln, wie sagrotan und andere desinfektionsmittel, da meist falsch angewendet (keine hausfrau ist ausgebildete hygienikerin), zuhause besonders böse bakterienstämme;-))
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