Fragwürdige Fortbildungsangebote Humbug beim Zahnarzt

Zungendiagnostik, Mundstrom-Messung, Störfeld-Testung - alles Methoden aus der Alternativmedizin, die Zahnärzten als Fortbildung angeboten werden sollen. Studien zur Sinnhaftigkeit fehlen.

Beratungsgespräch: Chronische Entzündungen mit Fernwirkung?
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Beratungsgespräch: Chronische Entzündungen mit Fernwirkung?


Wie Mediziner Patienten am besten behandeln, lernen sie im Studium und später in Fortbildungen. Doch wie wird entschieden, welche Therapien nützlich, wirksam, sicher und damit Teil dieser Fortbildung sein sollten? Die beste Antwort wäre: wissenschaftlich, auf Basis von Studien, die den Nutzen für Patienten analysieren. Anders ist es bei der Bundeszahnärztekammer (BZÄK).

Um für die zahnärztliche Fortbildung zu klären, welche Naturheilverfahren als "nützlich, wirksam und sicher" und damit "fortbildungspunktwürdig" eingestuft werden, startete sie eine Mini-Umfrage - mit drei Experten. Jeder hatte die Aufgabe, bei elf alternativmedizinischen Verfahren kurz und knapp anzugeben, ob Zahnärztekammern Fortbildungspunkte vergeben sollten. Verweise auf Studien oder andere Quellen waren dafür nicht notwendig.

"Das geht überhaupt nicht", kritisiert Gerd Antes, ehemaliger Direktor von Cochrane Deutschland, einer zentralen Einrichtung der evidenzbasierten, also beleggestützten Medizin. "Es existiert ein etabliertes Regelwerk, das eingehalten werden sollte." Antes spricht von "Patientenschädigung und Ressourcenverschwendung".

Fortbildung ist Pflicht

Die Fortbildungsreferenten der Landeszahnärztekammern sahen das weniger kritisch. Sie verabschiedeten auf ihrer Koordinierungskonferenz einstimmig die Ergebnisse der Miniumfrage. Diese dienen laut BZÄK nun den zuständigen Landeszahnärztekammern als "Entscheidungshilfe" dabei, welche Fortbildungsinhalte sie anbieten und wie viele Fortbildungspunkte sie dafür vergeben.

Ärzte, Zahnärzte und Psychotherapeuten müssen sich fortbilden, den Nachweis erbringen sie mithilfe von Fortbildungspunkten. Grundlage ist das Fünfte Sozialgesetzbuch (SGB V). Dort heißt es: "Die Fortbildungsinhalte müssen dem aktuellen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse auf dem Gebiet der Medizin, Zahnmedizin oder Psychotherapie entsprechen. Sie müssen frei von wirtschaftlichen Interessen sein." Wer die vorgeschriebene Fortbildung nicht oder nicht vollständig nachweisen kann, muss mit Sanktionen in Form von Honorarkürzungen bis hin zum Entzug der Zulassung rechnen.

Man habe "bewusst universitäre Einrichtungen" angefragt", erklärte die BZÄK auf Nachfrage vom SPIEGEL, das Dokument werde "in größeren Zeitabständen aktualisiert". Der Anlass für die Miniumfrage als Überprüfungsinstrument war jedoch nicht eigene Skepsis, sondern kam von außen. Im Abschlussdokument, das dem SPIEGEL vorliegt, heißt es: "Hinsichtlich kritischer Nachfragen aus Politik und Medien (...) stellen sich die zuständigen Stellen für die zahnärztliche Fortbildung zunehmend die Frage nach der Grenzziehung seriöser/unseriöser Fortbildungsangebote, insbesondere aus dem Bereich Naturheilverfahren."

"Fernwirkung" chronischer Entzündungen beeinflussen?

Bei einer der drei Experten handelte es sich um Karin Kraft, Professorin für Naturheilkunde der Universitätsmedizin Rostock. Sie stufte acht der Verfahren als fortbildungspunktwürdig ein, unter anderem Störfeld-Testungen. Diese sollen als Teil der sogenannten Neuraltherapie chronische Entzündungen aufspüren, die über Fernwirkung eine Folgekrankheit in anderen Körperbereichen verursachen. Sie seien "nützlich, wirksam und sicher".

Dabei hatte der Bundesgerichtshof im Mai 2017 in einem Rechtsstreit anders entschieden: Ein Zahnarzt hatte eine "Herd- und Störfeldtestung" vorgenommen und als Therapie gegen "mehrfaches Zahnherdgeschehen" vier Backenzähne im Oberkiefer gezogen und den Kieferknochen "gründlich" ausgefräst". Laut Oberlandesgericht führte dies zu schwerwiegenden, irreversiblen Gesundheitsschäden (Az.: VI ZR 203/16).

Auch für die Zungendiagnostik gebe es "inzwischen einige wissenschaftliche Belege", so Kraft, und die chiropraktische Kiefergelenkmanipulation sei im Rahmen von Kursen für Manuelle Medizin oder Chirotherapie "wohl wirksam und sicher".

Die anderen beiden Experten beschränken sich bei ihren Bewertungen zum Großteil auf ein knappes "Ja", "Nein" oder "keine Angabe". Bei ihnen handelte es sich um Sabine Möddel, stellvertretende Leiterin der Abteilung Fortbildung/Qualitätssicherung bei der Ärztekammer Berlin, und Peter Matthiessen, Vorsitzender des Sprecherkreises des Dialogforum Pluralismus in der Medizin (DPM) und Leiter des Arbeitsbereichs "Methodenpluralität in der Medizin" an der Universität Witten/Herdecke.

Immerhin: Die Methode "Heilsame Berührung" bekam von allen drei Experten ein "Nein", 2017 wurde sie noch bei der Fortbildungseinrichtung der Bayerischen Landeszahnärztekammer (EAFZ) angeboten. Auch die Bachblütentherapie bewerteten alle Experten negativ. Diese nimmt an, dass alle organischen Krankheiten auf seelische Probleme zurückgehen, die sich mit hohen Verdünnungen bestimmter Pflanzenextrakte beheben lassen.

Bewertung geht gründlicher und besser

Wie einfach es sich die BZÄK mit dem Verfahren macht, zeigt ein Vergleich mit der Arbeit des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, kurz IQWiG. Dieses bewertet unter anderem im Auftrag des G-BA, des obersten Entscheidungsgremiums im deutschen Gesundheitssystem, den Nutzen und Schaden medizinischer Maßnahmen. Die Analysen dienen als Basis dafür, für welche Therapien Krankenkassen bezahlen.

Allein der IQWiG-Abschlussbericht zur Frage, wie Erkrankungen des Zahnhalteapparates behandelt werden sollten, hat 407 Seiten und zitiert 60 Studien. "Sich auf drei Professoren ohne eine Prüfung der Quellen zu stützen, ist 20 Jahre nach Etablierung der beleggestützten Medizin nicht akzeptabel", sagt Klaus Koch, Leiter des Ressorts Gesundheitsinformation des IQWiG. Expertenkonsens könne die Unsicherheiten, die durch das Fehlen guter Studien bedingt sind, nicht kompensieren. "Wenn es keine gute Evidenz gibt, muss man die Unsicherheit offen eingestehen."

Dass die Bundeszahnärztekammer "jenseits aller fachlichen Methodik eine letztlich beliebige Auswahl von ,Experten'" befrage, sei an sich schon nicht nachvollziehbar, findet Gregor Bornes, Sprecher der Patientenvertretung im G-BA-Unterausschuss Zahnärztliche Behandlung. "Dass sie aber diese Personen auch nicht um Begründungen beziehungsweise Belege bittet, zeigt einmal mehr, dass in der Zahnmedizin wissenschaftliche Denkweisen immer noch viel zu wenig verbreitet sind."

Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten für Methoden der alternativen Zahnheilkunde in der Regel nicht. Möglich wäre dies als freiwillige Satzungsleistung wie etwa bei der Homöopathie. Die großen Krankenkassen Techniker und Barmer tun dies jedoch nicht, die DAK nur in Einzelfällen über das "individuelle Gesundheitskonto".



insgesamt 9 Beiträge
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sill 05.04.2019
1. ach jeh...
Liebe Spiegel-Redaktion, Sommerloch? Das sieht schwer nach Skandalsuche aus: es gibt natürlich in jedem Bereich ( räusper, upps, auch im Journalistik- Bereich) "Fort"bildungen- wohin auch immer. Aber der Großteil ist angemessen, wissenschaftlich hinterlegt, bzw. Praxisorientiert, und kostet übrigens auch richtig Geld. Die normalen Behandler hängen sich auch nicht jedes der erzielten Zertifikate an die Wand. So, und jetzt Hausaufgaben machen, mal recherchieren was tatsächlich noch angeboten wird- auch bei Ärzten. Und nicht ewig das langweilige Zahnarztgeschimpfe. :-)
Ein_denkender_Querulant 05.04.2019
2. Dumme darf man ausbeuten
Es wird doch kein Schaden angerichtet. Es wird nur Geld umverteilt, von Dumm zu Gierig. Wer gibt Geld für esoterischen Humbug aus? Kein denkender Mensch. Das kann mal als unterhaltendes Gesellschaftsspiel machen und von Freunden "lernen", welche Bachblüten gegen was helfen. Solange man hin und wieder mit Beschwerden zu ernsthaften Ärzten geht und sich impfen lässt, ist alles in Ordnung. Ansonsten tritt es die Dumme. Meine Nachbarin z.B. gab gerade 100,-€ für eine Beratung zur Bachblütentherapie für ihren Hund aus. Was soll man dazu sagen, wenn sie das stolz erzählt? Man sucht sich andere Gesprächspartner, so einen Humbug brauche ich nicht. Zahnärzte liegen an der Quelle des Geldes und was liegt näher, Dumme mit obskuren Zertifikaten vom "Deutschen Esoterik Instititut" auszunehmen? Der Gesetzgeber erlaubt es, so what... Vielleicht sollte man allen Heilpraktikern ein Eulenspiegelzeichen am Türschild aufdrücken. Das wäre immerhin ein eindeutiger Hinweis für Patienten.
Kiefern Orthopäde 05.04.2019
3. @Kommentar #1
Nur mit der Ruhe. Das ist Tanja Wolf. Bekannte Autorin diverser Zahnarztkritischer „Werke“, unter anderem „Murks im Mund - Missstände in der Zahnmedizin“. Nun, es scheint sich zu lohnen, die Zahnärzte (alle!) dieses Landes öffentlich immer wieder durch den Dreck zu ziehen. Die halbe Welt wäre froh, wenn sie solche Versorgung und Versorger hätten, wir sind nur am bashen was das Zeug hält. Nur die Geschichte und Politik studiert habenden, die sind über jeden Zweifel erhaben und dürfen eifrig mit dem Zeigefinger mahnend schriftlich durch Deutschland schreiten (sorry: trampeln) und alles und jeden herunterschreiben. Ich für meinen Teil bin es leid. Mir tut die Journaille leid, die sich -mit der BILD an der Speerspitze- immer weiter ins radikalisierte Abseits bewegt. Klickbaiting par excellence - und in diesem Forum werden sich auch sicher wieder einige Zahnarzt-Geschädigte finden, die eifrig kommentieren, wie der abzockerische Schweinehund mit Fluor (!!!!V!B!) seine Zähne „weggeätzt“ hat. Es ist zum Weinen was aus dem Land der Dichter und Denker geworden ist. Ein Land der Erdichter und Ausdenker nämlich, saugend am Busen der sensationsgeilen Öffentlichkeit.
hadriani 05.04.2019
4. das sind Fortbildungen
für zusätzlich abrechenbare Leistungen im PKV-Sektor. Die Leistung wird dem Privatpatienten "verkauft". Gegebenenfalls noch triggerbar bis zum regulären 3.5-fachen Satz wegen "erschwerter Zugangssituation bei ..." oder ähnlichen Begründungen. Ob dessen PKV auch die Kosten übernimmt, ist dem Behandler egal, denn: Der Patient hat bereits eingangs mit seiner Unterschrift dem Behandlungsvertrag zugestimmt und zahlt auch wenn die PKV die Leistung verweigert.
practicus 05.04.2019
5. Besondere Therapierichtungen
heißt hier das Zauberwort. Man munkelt, einst habe eine CDU-Abgeordnete in einem Ausschuss dafür gesorgt, dass für diese "besonderen" Heilslehren für die "Anerkennung" ausreicht, wenn deren Anwender selbst sie für wirksam halten. Wenn also Neuraltherapeuten, Homöopathen, Antroposophen, TCM-, Ayurvedatherapeuten oder Orthomolekularmediziner SELBST ihre Therapien für wirksam halten, ist eine wissenschaftliche Bestätigung nicht mehr erforderlich. Wegen diese kuriosen Ausnahme dürfen solche Methoden als wirksam beworben werden - und die Nachfrage nach okkult-esoterischem Quatsch nimmt ja ständig zu, der Verblödungsmaschine Internet sei Dank.... Und durch dieses kuriose Gesetz entspricht eine solche "Fortbildung" natürlich den Anforderungen. Schließlich können Sie in D in Kursen von der Sinnhaftigkeit des Auswendiglernen eines Telefonbuchs "diplomierter Scharlatan" mit Anerkennung der Ärztekammer werden! Homöopathie, Akupunktur...
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